Es gibt Menschen, die Krieg kennen. Nicht aus dem Fernsehen, nicht aus der Tagesschau, nicht aus den Reden von Politikern, die noch nie eine Waffe in der Hand hatten und auch nie eine halten werden. Sondern aus dem eigenen Leben. Aus der eigenen Kindheit. Aus dem Moment, in dem eine Mutter ihr Kind in eine Decke wickelt, um es durch eine Strassenkontrolle zu schmuggeln, und Soldaten mit Maschinengewehren ans Fenster klopfen und erklären, dass sie sie erschiessen, wenn sie auch nur nach hinten greift.

Deutschland rüstet auf. B-Lash weiss, was das bedeutet. Er hat es mit fünf Jahren am eigenen Leib erfahren.

B-Lash, 1982 im Iran geboren, heute in Deutschland ansässig, ist so ein Mensch. Sein erster Fluchtversuch scheiterte in Ankara — Mutter und Kind zogen die Arschkarte, wurden verraten, mussten zurück in den Iran. Der zweite Versuch gelang: Mit fünf Jahren wurde er in ein Flugzeug geschmuggelt, als Verwandter eines Flugbegleiters deklariert, der dabei sein Leben riskierte. Er trug eine Armeeuniform mit deutscher Fahne darauf. Das Kind wusste nicht, was gespielt wurde, ausser dass es ruhig sein und den fremden Mann nicht ansprechen sollte.

Das ist kein Thriller. Das ist ein Lebensweg. Und dieser Lebensweg endet nicht in Verbitterung, Resignation oder Hass – sondern bei einem Mann, der heute politisch arbeitet, Musik macht, Journalismus betreibt, ein Buch schreibt und mit einer Klarheit über die Mechanismen der Welt spricht, die man sich mit Jahrzehnten schwieriger Erfahrung erworben hat und mit keiner anderen Methode. Derweil bereitet Deutschland seine Kinder auf den Krieg vor.

Kriegstüchtigkeit ist das neue Wort der Saison. Rüstungsausgaben in Höhen, die das kollektive Gedächtnis bereits wieder vergessen hat, dass sie mal undenkbar waren. Eine Diskussion über Wehrpflicht, die nicht mehr als Randposition gehandelt wird, sondern als verantwortungsvoller Realismus. Und eine Medienlandschaft, die das alles begleitet mit jenem ruhigen Sachlichkeitston, den sie für Sachlichkeit hält und der tatsächlich die vollständige Abwesenheit von historischem Bewusstsein ist.

B-Lash hat dazu einen einfachen Vorschlag: Geht mal an die ukrainische Grenze. Sammelt die Restmenschen ein. Packt sie in Eimer. Zeigt den Leuten, was das Game ist. Und fragt sie dann, ob sie noch spielen wollen.

Das ist kein rhetorisches Mittel. Das ist eine ernste Empfehlung. Wer Krieg als abstrakte geopolitische Notwendigkeit diskutiert, ohne je die Konkretion gesehen zu haben, was Krieg mit Menschen macht – mit Kindern, mit Müttern, mit Familien – der diskutiert etwas, das er nicht versteht. Und der entscheidet darüber, als ob er es verstünde.

Das ist der eigentliche Skandal: Nicht dass Menschen Krieg erleben müssen. Das ist so alt wie die Menschheit. Der Skandal ist, dass Menschen, die Krieg nie erlebt haben, mit vollkommener Selbstverständlichkeit über die Notwendigkeit sprechen, andere in ihn hineinzuschicken. Dass die Entfernung vom Konkreten zum Abstrakten so vollständig vollzogen wurde, dass der Befehl zu schiessen und der Tod des Schiessenden und des Beschossenen zwei verschiedene Realitäten geworden sind, die nichts mehr miteinander zu tun haben.

B-Lash versteht diese Entfernung nicht. Er kann sie nicht verstehen. Weil für ihn die Mutter, die ihre Hände heben muss, während das Maschinengewehr auf sie gerichtet ist, kein abstraktes Bild ist. Es ist eine konkrete Erinnerung. Und weil er diese Erinnerung hat, hat er auch etwas, das den meisten Kriegsdiskutanten fehlt: Ein Bewusstsein dafür, was auf dem Spiel steht, wenn man leichtfertig redet.

Was ihn dabei auszeichnet – und das ist vielleicht das Bemerkenswerteste — ist kein Zynismus und keine Resignation. Sondern ein Optimismus, der sich nicht ableiten lässt aus der Lage, die er beschreibt. Er hat sechzehn Alben aufgenommen und damit noch nie Geld verdient. Er hat über Dinge geredet, für die man ihn angefeindet, bedroht und angegriffen hat, als es noch keine Dividende brachte. Er hat jahrelang in einem Raum gesessen, in dem er der einzige war, der die Fragen stellte, die er stellte, und er hat weitergemacht.

Das ist kein Held. Das ist jemand, der nicht anders kann. Und das ist der Unterschied zu denen, die jetzt auf den Zug aufspringen, weil er Fahrt aufgenommen hat. Sie können auch anders. Sie tun es nur gerade nicht, weil es sich lohnt. B-Lash konnte nicht anders, als es sich nicht lohnte. Das ist keine moralische Überlegenheit – es ist eine biographische Tatsache.

Der Weg in eine gute Zukunft, den das Interview umkreist, ohne ihn vollständig zu fassen, hat weniger mit Programmen und Büchern zu tun als mit einer einzigen Verschiebung: Wer Krieg kennt, redet anders über Krieg. Wer Flucht kennt, redet anders über Flucht. Wer die Mutter gesehen hat, die die Hände hebt, während das Maschinengewehr auf sie zeigt, versteht, was ein Staat tut, wenn er das für notwendig erklärt.

Deutschland hat gerade kollektiv entschieden, das nicht verstehen zu wollen. Es hat gewählt, Rüstung für Verantwortung zu halten und Kriegstüchtigkeit für Reife. Es hat beschlossen, dass das Lernen aus Geschichte bedeutet, dieselben Fehler mit besserer PR zu wiederholen.

Und anderswo sitzt ein Mann, der mit fünf Jahren in eine Armeeuniform gesteckt wurde, um aus einem Land zu fliehen, das gerade seine Bevölkerung im Namen einer Revolution terrorisierte, und der trotzdem – oder vielleicht genau deswegen – optimistisch in die Zukunft schaut. Manchmal hat derjenige die klarste Sicht, der am wenigsten Grund dazu hätte…

Deutschland rüstet auf. B-Lash weiss, was das bedeutet. Er hat es mit fünf Jahren am eigenen Leib erfahren.
Deutschland rüstet auf. B-Lash weiss, was das bedeutet. Er hat es mit fünf Jahren am eigenen Leib erfahren.

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