Idyllisch, oder? Sattgrüne Wiesen, frische Landluft, das einfache Leben auf dem Hof. Der Bauer steht früh auf, macht seine Arbeit, geht abends müde ins Bett – und alles ist gut. So das Bild, das uns Werbespots für Butter und Milch seit Jahrzehnten verkaufen. Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus und sie ist so unbequem, dass selbst die Medien sie lieber links liegen lassen. Bauern nehmen sich deutlich häufiger das Leben als die übrige Bevölkerung.

Das stille Sterben auf dem Feld: Wer rettet die Bauern, wenn nicht wir?

Laut Experten gilt das für praktisch alle westlichen Industrienationen. In der Schweiz ist das Suizid-Risiko bei Landwirten 37 Prozent höher als bei anderen Männern aus einer ländlichen Gemeinde. In manchen EU-Mitgliedstaaten liegt die Suizidrate in der Landwirtschaft um 20 Prozent über dem nationalen Durchschnitt. Frankreich, England, Österreich, die Schweiz – überall dieselbe Tendenz, überall dieselbe kollektive Gleichgültigkeit. Und Deutschland? In Deutschland gibt es keine Daten zu den Suizidraten in der Landwirtschaft, obwohl seit langem bekannt ist, dass sich die psychischen Belastungen häufen. Man erhebt keine Zahlen. Man will keine Zahlen. Denn Zahlen erzeugen Verantwortung und Verantwortung ist in diesem Land bekanntlich das unbeliebteste aller politischen Konzepte.

Dabei wäre die Lage klar genug. Der typische Arbeitstag eines Landwirts beginnt um 5 Uhr und endet um 21 Uhr, es gilt die Sechs- bis Siebentagewoche, an Urlaub ist oft nicht zu denken. Anhaltend schlechte Preise, steigende Kosten und hohe Schuldenlasten führen dazu, dass Betriebe in die wirtschaftliche Schieflage geraten. Ausserdem nehmen die bürokratischen und gesellschaftlichen Anforderungen weiter zu. Bis zu 4,5-mal häufiger als in anderen Berufsgruppen soll das Risiko eines Burn-outs sein. Und jeder fünfte Landwirt scheidet aufgrund schwerwiegender psychischer Erkrankungen aus dem Berufsleben aus. Das ist kein Einzelschicksal. Das ist eine Epidemie. Eine stille, unsichtbare, gesellschaftlich vollkommen akzeptierte Epidemie.

Die Kultur in der Landwirtschaft betone oft Werte wie Stoizismus, Stärke und traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit. Das kann dazu führen, dass Landwirte ihre eigenen Bedürfnisse vernachlässigen. Das Arbeiten in abgelegenen Gebieten sowie die ständige Verfügbarkeit können zu Einsamkeit und sozialer Isolation führen. Der Bauer schweigt. Er hat gelernt zu schweigen. Er hat gelernt, dass Klagen Schwäche ist, dass Hilfe suchen Versagen bedeutet, dass man Probleme selbst löst – so wie seine Eltern und Grosseltern es getan haben. Und so stirbt er leise, ohne dass die Tagesschau darüber berichtet, ohne dass eine Ministerin eine Pressekonferenz abhält, ohne dass irgendjemand auf die Strasse geht.

Dabei ernährt er uns. Buchstäblich. Der Selbstversorgungsgrad für Nahrungsmittel liegt in Deutschland bei 86 Prozent. Ohne die Landwirte kein Brot, kein Gemüse, kein Fleisch, keine Milch. Und was bekommt der Landwirt dafür? Niedrigstpreise vom Discounter, Bürokratie von der EU, Verachtung von Teilen der Gesellschaft – und das gute Gefühl, systemrelevant zu sein. Das muss reichen. Die Politik hat inzwischen reagiert, selbstverständlich. Zehn Organisationen aus der Landwirtschaft haben eine Arbeitsgruppe Suizidprävention in der grünen Branche gegründet, an der unter anderem das Bundeslandwirtschaftsministerium, der Deutsche Bauernverband und die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau beteiligt sind. Eine Arbeitsgruppe. Mit zehn Organisationen. Man trifft sich, man diskutiert, man entwickelt Strategien. Irgendwann gibt es vielleicht ein Papier. Dann vielleicht eine Kampagne. Dann vielleicht eine App. Während draussen weiter Höfe sterben und ihre Besitzer mit ihnen.

Was also kannst du tun? Nicht die Arbeitsgruppe. Nicht das Ministerium. Du, persönlich, heute?
Kauf regional. Direkt beim Bauern, auf dem Wochenmarkt, im Hofladen. Nicht weil es ein Feel-Good-Erlebnis ist, sondern weil jeder Euro, der direkt beim Erzeuger landet, ein Euro ist, der nicht beim Discounter versickert, der den Landwirt mit Dumpingpreisen in die Enge treibt. Das ist keine romantische Geste – das ist strukturelle Unterstützung. Konkret, messbar, wirksam. Hör zu. Wenn du einen Bauern kennst, frag ihn, wie es ihm wirklich geht. Nicht wie die Ernte war. Wie er ist. Benno Winkler vom Schweizer Netzwerk Hofkonflikt rät: Thema ansprechen, rasch Hilfe holen, nicht tabuisieren und nicht glauben, sie seien die einzigen. Das kostet nichts ausser Zeit und Aufmerksamkeit – zwei Ressourcen, die in dieser Gesellschaft angeblich knapp sind, obwohl man sie stundenlang in Bildschirme schüttet.

Sprich über das Thema. In deinem Umfeld, in sozialen Netzwerken, wo immer du eine Stimme hast. Die Suizidrate unter Landwirten ist kein Tabuthema, das man schützen muss – es ist ein Skandal, den man benennen muss. Lautstark, unbequem, so oft wie nötig, bis irgendjemand mit echter Entscheidungsmacht aufhorcht. Und wenn du selbst Bauer bist, oder jemanden kennst, der in der Krise steckt: Das bäuerliche Sorgentelefon in Deutschland erreicht man unter 0800-1110111, in Österreich unter 0810-67 68 10, in der Schweiz unter 041 820 02 15. Kostenlos. Anonym. Von Menschen, die verstehen, worum es geht. Die Felder werden nicht von Arbeitsgruppen bestellt. Und Bauern werden nicht von Bürokraten und Pressemitteilungen gerettet.

Das stille Sterben auf dem Feld: Wer rettet die Bauern, wenn nicht wir?
(via Martin)

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