Viereinhalb Stunden. Ein Mikrofon. Kein Tribunal. Kein Einordnungs-Teppich, den man dem Gast unter den Füssen wegzieht. Podcaster Ben Berndt hat Björn Höcke einfach reden lassen — und damit das wohl grösste Verbrechen der deutschen Medienlandschaft seit Jahren begangen: Er hat zugehört. Die Reaktion des Mainstreams war vorhersehbarer als ein Tatort-Ende. Nicht Höckes Argumente wurden seziert. Nicht seine Thesen demontiert. Nein — Ben Berndt wurde zur Gefahr erklärt. Der Bote erschossen. Das Monster ignoriert.
Deplatforming: Die Strategie, die nie funktioniert hat
Man muss den deutschen Redaktionsstuben eines lassen: Sie sind konsequent. Konsequent falsch, aber konsequent. Seit Jahren läuft die AfD im öffentlich-rechtlichen Betrieb unter Quarantäne. 2023, als die Partei bundesweit erstmals über 20 Prozent lag, konnte man AfD-Vertreter bei den grossen Talkshow-Formaten an einer Hand abzählen. Die Strategie: Ignorieren, bis das Problem sich in Luft auflöst. Wie das ausging, sehen wir an den aktuellen Wahlergebnissen.
Statt Auseinandersetzung also Brandmauer. Statt Debatte Kontaktschuld. Wer mit dem Falschen spricht, wer den Falschen teilt, wer auch nur in seiner Timeline ein Zitat des Falschen erscheinen lässt, bekommt sofort die Nachricht: «Dir ist klar, dass der bei der AfD ist?» Als ob politische Infektion per Mausklick übertragbar wäre.
Und Björn Höcke ist dabei das ultimative Endgegner-Monster, irgendwo zwischen Voldemort und Sauron, nur mit Thüringer Dialekt. Wer ihm eine Plattform gibt, begeht wirtschaftlichen und sozialen Selbstmord. Ben Berndt wusste das. Er hat es trotzdem getan. Dafür — unabhängig davon, was man von Höcke hält — gehört ihm eine Portion Rückgrat zugestanden.
Der Spiegel fragt, wen es nicht interessieren sollte
Innerhalb von 24 Stunden: fast eine Million Aufrufe. Zwischenzeitlich 3,7 Millionen. Der Bedarf war offensichtlich vorhanden. Die Überraschung darüber offenbart eigentlich alles über den Zustand des deutschen Mediensystems.
Und was machte der Mainstream? Er berichtete. Natürlich. Nur nicht über Höcke. Stern: «No Bullshit — das ist der Mann, der Björn Höcke interviewte.» Spiegel: «Wer ist der Podcaster, der Björn Höcke viereinhalb Stunden lang eine Bühne bietet?» Focus fragte, wie Ben es überhaupt gewagt habe. Das Monster selbst blieb unangetastet. Man geht auf den Messenger, nicht auf die Botschaft — und das ist kein journalistisches Versehen, sondern Methode.
Hätte man Höckes Argumente tatsächlich zerlegt, hätte man sie nämlich ernst nehmen müssen. Das wäre unbequemer gewesen als ein paar Klicks auf Ben Berndt.
Doppelmoral als Geschäftsmodell
Besonders delikat: Die gleichen Stimmen, die jetzt Sturm liefen, haben bei anderen Ben-Gästen geschwiegen. Jan van Aken von der Linkspartei sass im selben Podcast und erklärte entspannt, er grüsse keine Nazis mehr auf dem Bundestagsflur — damit meinte er offenbar Kollegen, keine verurteilten Extremisten. Keine Einordnung gefordert, kein Aufschrei. Auch der Vater von Maja T., der mutmasslichen Linksextremistin, die nach Ungarn ausgeliefert wurde — kein Problem. Kein Tribunal. Kein Artikel im Spiegel.
Es geht also nicht um journalistische Prinzipien. Es geht darum, wer das Weltbild der Kritiker stört.
Den Tiefpunkt lieferte Kabarettist Florian Schröder, der Bens Format «Pseudointeresse» vorwarf und forderte, man müsse «bewaffnet» in solche Gespräche gehen. Und dann — der Knaller — erklärte er journalistische Neutralität zum rechtsextremen Kampfbegriff. Neutralität als Hundepfeife für Demokratiefeinde. Wer objektive Berichterstattung als Bedrohung betrachtet, hat den Begriff Demokratie entweder nie verstanden oder bewusst umgedeutet. Dass solche Aussagen heute Applaus ernten, erklärt immerhin, warum Deutschland in der aktuellen Pressefreiheitsstudie auf Platz 14 abgerutscht ist.
Was Höcke tatsächlich sagte
Zur Fairness gehört: Höcke ist kein Trottel. Er ist ein studierter Rhetoriker und ehemaliger Geschichtslehrer, der seine Sprache als Werkzeug einsetzt — und das präzise. Sein «kein Rassenfimmel»-Versprechen klingt beruhigend, bis man versteht, was Ethnopluralismus bedeutet: Keine Rassenbiologie mehr, dafür Kultur und Abstammung als Trennlinie. Klingt harmloser. Ist es nicht. Wer von «demografischer Katastrophe» spricht, argumentiert nicht mehr über Integration oder Kriminalität — er problematisiert die blosse Existenz bestimmter Menschen in diesem Land. Das ist eine Grenze, hinter der valide Kritik in Identitätspolitik kippt.
Und sein «Alles für Deutschland»-Auftritt? Ein studierter Historiker, der behauptet, die NS-Konnotation dieser Parole nicht gekannt zu haben? Das war kein Versehen. Das war ein kalkulierter Flirt mit dem radikalen Rand seiner Anhängerschaft.
Betreutes Denken als Demokratiemodell
Der eigentliche Skandal ist nicht Höcke. Der eigentliche Skandal ist die Botschaft, die hinter dem Mainstream-Aufschrei steckt: Ihr seid zu dumm, um viereinhalb Stunden selbst zuzuhören. Wir müssen euch vor falschen Gedanken schützen. Eine Gesellschaft, die jahrelang in Cancel-Culture, Brandmauern und Kontaktschuld eingesperrt wird, entwickelt keine Antikörper — sie verliert schlicht die Fähigkeit, zwischen einem Argument und einer Gefahr zu unterscheiden.
Das ist kein Schutz der Demokratie. Das ist ihre Aushöhlung durch betreutes Denken. Das Immunsystem einer Gesellschaft wird nicht stärker, indem man es von allem Unbequemen fernhält — und wer das weiss und trotzdem weitermacht, will gar keine starke Gesellschaft!






«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








