Man muss es ihnen lassen: Für eine Organisation, über die kaum jemand spricht, haben sie einen erstaunlich langen Arm. Chabad Lubawitch, eine chassidische Bewegung, gegründet im 18. Jahrhundert in Weissrussland, heute in über 900 Städten weltweit präsent, ist keine Synagogengemeinde, der man gelegentlich begegnet. Es ist ein globales Netzwerk mit einer Reichweite, die jeden PR-Strategen neidisch machen würde: Diplomatisch, finanziell, theologisch und politisch, dabei offiziell «apolitisch.» Dieses Bekenntnis zur Apolitizität ist eine der grossen Performance-Künste der Neuzeit.
Rabbi Levi Shemtov, Chabads Repräsentant in Washington, kennt nach Aussagen der Autorin Sue Fishkoff «praktisch jeden Kongressabgeordneten, Senator und ausländischen Botschafter in der Hauptstadt — sowie ihre Assistenten, Sekretärinnen und die Reinigungskräfte.» Das ist keine Übertreibung als Vorwurf, das ist ein Eigenlob. Chabad sagt das über sich selbst, stolz, weil Netzwerk in ihrer Welt ein Sakrament ist.
Die Kushner-Familie spendete zwischen 2003 und 2013 insgesamt 342’500 Dollar an verschiedene Chabad-Einrichtungen, darunter 150’000 Dollar an Harvards Chabad-Zentrum – die grösste Einzelspende der Kushner-Stiftung an eine Lubawitch-Institution. Jared Kushner, Schwiegersohn Trumps und zeitweise mächtigster Mann im Weissen Haus ohne Amtseid, ist ein bekennender Chabad-Anhänger. Das ist keine Verschwörungstheorie. Das steht in Steuerunterlagen.
Am 7. Oktober 2024 — dem Jahrestag des Hamas-Angriffs – besuchte Donald Trump das Grab des verstorbenen Chabad-Führers Rabbi Menachem Mendel Schneerson in New York, trug eine Kippa und hinterliess ein schriftliches Gebet. Das war kein zufälliger Abstecher. Das war Symbolpolitik mit Adresse.
Und dann war da noch der Staatsbesuch. Als Netanyahu im Juli 2025 das Weisse Haus besuchte, überreichte er Trump einen Dollar-Schein vom Rebbe Schneerson als Staatsgeschenk – plus eine Mesusa aus den Trümmern einer iranischen Rakete. Ein Dollar vom Rebbe. Als Staatsgeschenk. Von einem amtierenden Premierminister an einen amtierenden US-Präsidenten. Das Weisse Haus meldete keine Bedenken hinsichtlich des Protokolls.
Netanyahu selbst beschreibt seine erste Begegnung mit Schneerson 1984 mit den Worten: «Er sagte, du wirst in der Halle der Dunkelheit eine Kerze der Wahrheit anzünden.» Er bewahrt bis heute ein Foto von sich mit dem Rebbe in seinem Büro auf. Das ist kein Randdetail. Das ist das persönliche Koordinatensystem des israelischen Premierministers.
Ein Chabad-Vertreter erklärte 2025 öffentlich: «Wir sehen Weltführer – darunter Nicht-Juden – die öffentlich erklären, dass der Rebbe ihre Entscheidungen und ihr Leben beeinflusst.» Gesagt mit unverhohlenem Stolz. Bemerkt von praktisch niemandem.
Zum politischen Drift: Jahrelang pflegte Chabad das Image einer apolitischen Bewegung – dann begann eine zunehmende Allianz mit Itamar Ben-Gvir und seiner rechtsextremen Partei. Chabads messianische und rechtsgerichtete Ideologie trat dabei immer deutlicher in den Vordergrund. Israels Oppositionsführer Yair Lapid kritisierte das offen: «Man kann nicht das ganze Jahr behaupten, alle Juden zu vertreten, und dann zur Wahl zur politischen Bewegung werden.»
Das ist das Kernproblem. Nicht Theologie. Nicht Tradition. Sondern die Inkongruenz zwischen dem offiziellen Selbstbild – apolitische Gemeinschaft, Outreach-Bewegung, spirituelle Heimat für jeden Juden weltweit – und der dokumentierten Realität: Ein hochpolitisches Netzwerk mit Direktdraht in die weltweit mächtigsten Büros, das seine Einflusssphäre systematisch ausbaut und dabei religiöse Autorität als Deckmantel nutzt.
Hier muss eine Unterscheidung getroffen werden, die in der öffentlichen Debatte regelmässig kollabiert: Chabad Lubawitch ist nicht «die Juden.» Es ist eine spezifische ultraorthodoxe Bewegung mit einer spezifischen Ideologie – der messianischen Überzeugung, dass Schneerson der Moshiach war oder sein wird, und einer Weltsicht, in der das jüdische Volk eine besondere kosmische Rolle zu erfüllen hat. Diese Überzeugung prägt politische Positionen. Das zu benennen ist keine Feindseligkeit gegenüber Juden, so wie die Kritik an der Pius-Bruderschaft keine Feindseligkeit gegenüber Katholiken ist.
Was legitim zu fragen ist: Wie kommt es, dass eine religiöse Organisation mit einigen zehntausend Mitgliedern Zugang zu US-Präsidenten, israelischen Premierministern, argentinischen Staatschefs und russischen Oligarchen hat – und das alles weitgehend ausserhalb demokratischer Kontrolle, Rechenschaftspflicht oder öffentlicher Debatte?
Der Bewegungsanalytiker fasste es so zusammen: Die bescheidene Mitgliederzahl Chabads verbirgt eine Organisationsstruktur, die eine aussergewöhnliche Durchdringung der höchsten Ebenen internationaler Macht erreicht hat – durch dezentrale Netzwerke statt zentralisierter Institutionen, was es ihr erlaubt, Ereignisse zu beeinflussen und dabei weitgehend im Verborgenen zu bleiben.
Weitgehend im Verborgenen. Das ist die operative Zusammenfassung.
Die Frage ist nicht, ob Chabad existiert und Einfluss hat. Die Frage ist, warum dieser Einfluss so selten Gegenstand kritischer Berichterstattung wird – und wer sich daran gewöhnt hat, dass das so bleibt…



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