Full MovieHier ist der ganze Film eingebettet — nicht nur die Kritik.
Ein Arzt stirbt auf dem Operationstisch und wacht in einer Wüste aus Geschrei auf. Kein Engel, kein Richter, kein Licht. Nur Hunger, Durst, Kälte und die Erkenntnis, dass der Titel vor dem Namen im Sarg geblieben ist. So beginnt «Astral City: Unser Heim», die brasilianische Verfilmung des Buches «Nosso Lar», das der Erzähler André Luiz dem Medium Chico Xavier aus dem Jenseits diktiert haben soll. Der Tod ist hier kein Ende, sondern eine Schwelle und die Schwelle trägt einen Namen: Umbral.
Wagner de Assis hat den Stoff 2010 mit dem Zürcher Kameramann Ueli Steiger und einer Partitur von Philip Glass auf die Leinwand gebracht. Eine Million Zuschauer in fünf Tagen, am Ende vier Millionen und mit 20 Millionen Real die bis dahin teuerste Produktion des Landes. Den ganzen Film findest du nachfolgend eingebettet..
Umbral: Die Schwelle, die niemand überspringt
Umbral bedeutet auf Portugiesisch Türschwelle und trägt zugleich das lateinische umbra in sich, den Schatten. Genau dort landet André Luiz: Zwischen einem Körper, der nicht mehr antwortet und einer Welt, die ihn noch nicht will. Das ist keine Hölle. Es ist ein Spiegel, in dem ein Mann sieht, was von ihm übrig bleibt, wenn man Praxis, Auto und Ehrentitel abzieht. Sehr wenig.
Die Lehre, die der Film hier setzt, ist alt und unbequem: Der Tod befreit dich nicht von dir selbst. Er entkleidet dich nur. Rettung kommt erst, als André um Hilfe schreit. Nicht, als er sie verlangt. Das ist der Unterschied zwischen Arzt und Mensch.
Nosso Lar: Eine Präfektur für Verstorbene
Dann das Licht, die Stadt in den obersten Schichten der Atmosphäre. Lar ist das portugiesische Wort für Herd und Heim und stammt vom römischen Lar ab, dem Hausgeist, der über Feuerstelle und Türschwelle wachte. Die Toten kehren also heim zu den Hausgöttern. Schön gedacht. Nur: Dieses Heim hat einen Gouverneur, mehrere Minister, einen Vizeminister für Aufklärung und einen Jungminister für Kommunikation und der Film führt seine Regierungsorganisation samt Luftbus vor wie eine Stadtführung. Die Ewigkeit als Verwaltungseinheit. Genau darin liegt die unfreiwillige Wucht des Films: Nosso Lar ist die Vision einer Seele, die selbst im Jenseits nicht ohne Hierarchie denken kann. Allan Kardecs Lehre steckt in jedem Stein. Aufstieg durch Arbeit, Läuterung durch Dienst, Wiederkehr als Schulweg.
André Luiz, eben noch entkleidet im Schatten, bekommt ein Amt. Der Abspann verrät, dass er bis heute als Diener in Nosso Lar arbeitet. Er hat den weissen Kittel gegen die Livree getauscht und der Sarg war die einzige Kündigung, die er je eingereicht hat. Wer dem Kreislauf misstraut, hat auf diesem Blog längst gelesen, was Keine Rückkehr bedeutet und warum Befreiung dort beginnt, wo die Illusion endet.
Chico Xavier: Die Hand, die nicht ihre eigene sein wollte
Das Buch erschien 1944 und gilt Spiritisten als psychografiert, also vom Geist André Luiz diktiert und von Xavier bloss niedergeschrieben. Das Spirituelle des Films liegt nicht in der Frage, ob das stimmt, sondern in ihrer Verweigerung: Xavier hat die Urheberschaft abgetreten wie André den Körper. Beide verschwinden hinter dem, was durch sie hindurchging. Spiritualität ist nicht Esoterik: Sie verlangt nichts von dir, ausser dass du dich selbst durchschaust.
Die Schwelle ist die Lehre, nicht die Stadt
André Luiz lernt im Umbral mehr als in Nosso Lar. Der Schatten nimmt ihm alles und gibt ihm den einzigen Besitz zurück, der zählt, nämlich sich selbst. Die Stadt gibt ihm ein Amt und nimmt ihm genau das wieder ab. Die Kraft liegt im Menschen, nicht in der Kolonie, die ihn verwaltet. Der Tod ist der Wegbereiter, die Stadt ist der Umweg. Wer seine Kraft im Schatten gefunden hat, benötigt keinen Gouverneur, er braucht eine Tür. Und wer nach dem Sterben als Erstes nach dem Dienstplan fragt, war auch im Leben nie frei!







«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.







