Antares brennt. Der Vollmond entzündet ihn. Was hier kommt, kam schon vor zehntausend Jahren über die Welt – und es wird wiederkommen, lange nachdem niemand mehr weiss, dass es einen Namen hatte.
Am 31. Mai 2026 steht der Mond in direkter Konjunktion mit dem Herzen des Skorpions. Das gegenüberliegende Auge des Stiers, Aldebaran, glüht mit. Zwei der vier persischen Königssterne stehen sich gegenüber. Dazwischen die Erde, ahnungslos wie immer.
Das Herz des Skorpions
Antares heisst auf Griechisch Anti-Ares. Gegenspieler des Mars. Ein Stern, der dem Kriegsgott trotzt, indem er ihn imitiert. Rot wie geronnenes Blut. Glühend wie eine Wunde, die nie verheilt. Die Alten nannten ihn das Herz des Skorpions und das war keine Sentimentalität. Ein Skorpion hat sein Herz dort, wo das Gift sitzt.
Vier Königssterne wachen über die Himmelsrichtungen. Antares im Westen. Aldebaran im Osten. Regulus im Norden. Fomalhaut im Süden. Wenn zwei dieser Wächter sich gegenüberstehen und der Mond zwischen ihnen entzündet wird, schliesst sich ein Kreis, der seit Jahrtausenden offen war. Niemand fragt die Sterne, ob sie schliessen wollen. Sie schliessen.
Das Quadrat als Geburtsritual
Heute, am 26. Mai, ist das exakte Quadrat zwischen Mars und Pluto. Astrologen reden von Transformation. Das Wort ist zu sanft. Was hier wirkt, sieht aus wie Geburt – und Geburt ist ein blutiges Geschäft, an das sich niemand erinnert, weil das Bewusstsein gnädig erst danach einsetzt.
Pluto reisst nieder, was sich überlebt hat. Mars setzt das Beil an. Beide kennen keine Schonung. Hades öffnet das Tor nicht aus Mitleid. Er öffnet es, weil die Zeit reif ist. Der Tod ist hier kein Ende, sondern Wegbereiter. Wer das versteht, geht hindurch. Wer es nicht versteht, wird hindurchgezerrt.
Sieben Tage als Stationenweg
Montag: Heilung mit Karmaschlag. Dienstag: Das exakte Quadrat. Mittwoch: Wut und Isolation. Donnerstag: Glanz mit Saturn-Schatten. Freitag: Das Saraswati Yoga, Klarheit des Geistes. Samstag: Das vorausgeworfene Licht des Vollmonds. Sonntag: Der Schlag selbst.
Die Tage stehen nicht zusammenhanglos nebeneinander. Sie bilden eine Treppe. Jede Stufe verlangt etwas, das die vorherige losliess. Wer nicht loslässt, fällt. Wer fällt, beginnt die Treppe von unten. Es gibt keinen Aufzug. Es gab nie einen.
Der Vollmond und die Schwelle
Am Sonntag, dem 31. Mai, kulminiert die Konstellation. Antares wird vom Vollmond entzündet. Mars beeinflusst den Mond in einem Aspekt, der zwischen dem 30. und 31. Mai etwas Plötzliches auslösen kann. Astrologen sprechen von einem Angriff. Das mag äusserlich zutreffen oder nicht. Innerlich trifft es immer.
Vollmonde enthüllen nichts, was die Augen nicht schon sehen könnten. Sie beleuchten, was die Menschen freiwillig im Schatten lassen, weil sie das Licht fürchten. Korruption, Skandale, Verschleierungen sind seit Jahren am hellen Tag sichtbar. Niemand musste auf einen Fixstern warten, um sie zu erkennen. Was am 31. Mai zerbricht, war längst gebrochen. Der Mond legt nur den Riss frei.
Was bleibt, wenn die Sterne schweigen
Jupiter tritt im Juni in den Krebs. Astrologen feiern den Übergang in ein höheres Bewusstsein. Bewusstsein steigt nicht durch Planeten-Aspekte. Es steigt durch das, was im Inneren übrig bleibt, wenn alles Äussere zerschlagen ist. Die Sterne sind nicht die Ursache. Sie sind Zeugen. Sie sehen zu, wie der Faden, der schon morsch war, endlich reisst.
Die Nornen weben am Brunnen der Urd ohne Rücksicht darauf, ob Antares brennt oder schweigt. Was geschehen muss, geschieht. Der Skorpion sticht. Der Stier sieht. Der Mond steht zwischen ihnen wie das Tor, durch das niemand zweimal geht.
Wer am Sonntag den Himmel sucht, wird ihn finden. Wer den Himmel in sich sucht, wird etwas Älteres finden als jeden Stern. Antares wird nicht antworten. Aldebaran wird nicht antworten. Antwort gibt nur das Schweigen, das hinter beiden steht – jenes Schweigen, das schon da war, bevor die Götter ihre Namen hatten.
Die Nornen kennen den Faden, die Sterne kennen nur das Licht. Das Licht erlischt – der Faden bleibt. Antares brennt seit zehntausend Jahren und wird brennen, wenn niemand mehr da ist, der hinsieht. Wer auf seine Erlaubnis wartet, hat die Schwelle bereits verfehlt. Der Skorpion sticht nicht, um zu töten. Er sticht, um zu zeigen, was schon tot war!









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