Die Schweiz lacht nicht mit – und das ist vielleicht das erste Mal, dass ein Schweizer Publikum kollektiv das Richtige tut.
Hazel Brugger, 32, ist in Deutschland ein Star. Nicht primär weil sie lustig ist, sondern weil sie exakt das bedient, was der linksliberale Medienbetrieb seit Jahren als Comedy durchgehen lässt: Bürgerliche Lebensrealitäten verspotten, die eigene Herkunft als pittoresken Witz verkaufen und das Ganze mit einem Lächeln umhüllen, das sagt, man sei einer von ihnen – während man in einem Kaff in Hessen sitzt, den deutschen Comedy-Bambi abgeräumt hat, die grösste Musikshow der Welt moderieren durfte und 5000-Personen-Hallen füllt. In der Schweiz springt der Funke nicht über. Das ist kein kulturelles Missverständnis. Das ist ein Qualitätsurteil.
Ihre neue Show heisst «Good Evening Europe» – ein Titel so international wie das Selbstbild dahinter. Das Plakat zeigt Brugger als phönizische Prinzessin Europa auf einem weissen Stier, Kunstwind in den Haaren. Selbstironie soll das sein. In Wahrheit ist es das Gegenteil: Selbstverliebtheit im Kostüm der Bescheidenheit. Niemand, der tatsächlich für bodenständig gehalten werden will, lässt sich so plakatieren. Das SRF hat ihr den ESC-Moderationsjob gegeben. Deutschland hat ihr den Comedy-Bambi gegeben. Die Schweiz gibt ihr jetzt ihre ehrlichste Bewertung.
Was sie als Humor verkauft
In Dübendorf referierte Brugger vor fünftausend zahlenden Gästen über nervige Kinder, die man sich in den Winterschlaf wünscht, über Handwerkerfrust beim Eigenheimumbau und über zwei Schildkröten als Kompromiss zwischen Haustier und Velohelm. Das Highlight: Eine Begegnung mit Angela Merkel am Flughafen, die auf einer Bank mit baumelnden Füssen auf einem No-Name-Tablet «Buchstabensalat» spielt – eine Plastiktüte neben sich. Brugger werde in Deutschland so lange Steuern zahlen, bis sich Seniorinnen eine vernünftige Handtasche leisten können. Das ist der Stoff, aus dem Mittagspausen-Podcasts gemacht sind – kein Material für grosse Bühnenshows. Wer fünftausend Leute diesen Satz zahlen lässt, muss sich fragen, ob der Ruhm dem Produkt um Jahre vorausgeeilt ist.
Die Mechanik dahinter ist seit Jahren erprobt. Brugger beansprucht gleichzeitig Insider- und Aussenseiterposition: Schweizerin, also darf sie über die Schweizer lachen. Wohnhaft in Deutschland, also kann sie über Deutsche lachen. Mutter, also darf sie Kinder als Belastung beschreiben. Als Introvertierte mit einem extrovertierten Mann darf sie über gesellige Menschen spotten. Alle Kategorien abgedeckt, keine Flanke offen. Wer immer auf der sicheren Seite des Witzes steht, betreibt keine Kunst. Der betreibt Risikomanagement. Und die Schweiz soll dafür applaudieren.
Das Schweigen als Antwort
Ein Schlüsselmoment der Show: Brugger erklärt, dass Deutsche sofort lachen, wenn sie ihnen sagt, der Vibe in Deutschland sei schlecht – weil sie es selbst wissen. In Dübendorf folgt Stille. Brugger interpretiert das als typische Schweizer Reserviertheit. Das Publikum, schlussfolgert sie, sei eben ein Wasserglacé: Kühl, süss, eiskalt und mit einem Stock im Arsch. Die naheliegendere Erklärung ist ungleich banaler: Es fand es schlicht nicht lustig. Nicht aus Verkrampfung – sondern weil der Witz auf Kosten derer geht, die im Saal sitzen und 60 bis 100 Franken Eintritt bezahlt haben, um von einer Hessen-Auswanderin über ihren eigenen Nationalcharakter belehrt zu werden.
Man nennt das anderswo Häme. Dabei hat Brugger in derselben Schweiz bewiesen, dass sie weiss, wie das Land funktioniert: Dem SRF schlug sie für den ESC ein Stage Diving vor, um dem Publikum etwas Leben einzuhauchen. Gestattet wurde es ihr nur nach dreimaliger Probe – mit sechs Security-Männern im Einsatz. «Nie hatte ich mehr Sehnsucht nach Deutschland als in diesem Moment», sagt Brugger. Was sie als Kritik am verkrampften Schweizer Fernsehbetrieb meint, entlarvt sie in Wirklichkeit selbst: Wer die Heimat als Punchline nutzt und dann erwartet, die Lacher dafür zu kassieren, hat die Heimkarte verloren.
Wenn Verachtung als Punchline verkauft wird
Was Brugger betreibt, ist strukturell dasselbe wie das, was ein bestimmter Typus von Comedy seit Jahren erfolgreich skaliert: Definierte Gruppen, Lebensweisen und Haltungen werden als selbstverständliches Witz-Rohmaterial behandelt – der reservierte Schweizer, die traditionelle Frauenrolle, der emotional unzugängliche Mitteleuropäer. Das funktioniert, weil das Lächeln als Lizenz gilt. Wäre dieselbe Struktur auf andere Gruppen angewandt, läge die Kommentatorin seit Wochen in der Medienkritik-Mangel. Brugger darf es, weil sie zum richtigen Lager gehört und weil Comedy seit jeher als Freifahrtschein für Verachtung gilt, solange man dabei die richtige Grimasse zieht. Verachtung mit Eintrittspreis ist noch immer Verachtung.
Das Schweizer Publikum, das nicht mitlacht, sendet eine klarere Botschaft als jeder Verriss. Dass Brugger beim Prix Walo in der Publikumsgunst gegen Nik Hartmann den Kürzeren gezogen hat, ist fast zu schön für die Pointe – aber es stimmt. Der Mann mit dem sympathischen Gesicht und ohne globale Ambitionen schlägt die ESC-Moderatorin. Weitere Auftritte in Basel, Bern, St. Gallen und Genf sind laut Management in Planung. Man kann nur hoffen, dass das Publikum dort genauso ehrlich reagiert wie jenes in Dübendorf – nicht aus Schweizer Reserviertheit, sondern weil ein leerer Saal die aufrichtigste Kritik ist, die eine Bühne kennt.
Witzlos und stolz drauf, bei Hazel Brugger ist das Programm.









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