Die grosse Schlacht wird nicht in den Nachrichten geführt. Sie tobt zwischen deinem freien Bewusstsein und den Mustern, die man dir eingepflanzt hat, bevor du das erste eigene Wort gesprochen hast. Wer das nicht versteht, sucht den Feind im Aussen und übersieht, dass das Schlachtfeld der eigene Brustkorb ist.
Es gibt eine Geschichte, die seit Jahren von Mund zu Mund wandert, und sie lässt sich nicht weicher erzählen, als sie ist. Ein Ordensmann, dessen Glaube über Jahrtausende in seinem Land gelebt worden war, wurde von einer grösseren Macht verschleppt, weil diese Macht behauptete, sein kleines Land gehöre ihr. Man warf ihn in eine Zelle. Zwanzig Jahre. Zwanzig Jahre mit jener Routine aus Gewalt, die im Vokabular der Folterknechte «Umerziehung» heisst, weil Aberglaube schliesslich ausgetrieben gehört und der berechnende Verstand keine Heiligkeit benötigt. Als er nach zwei Jahrzehnten freikam und das Oberhaupt seines Glaubens ihn endlich zu sich rief, stellte dieses ihm die einzige Frage, die zählt: Was war das Schlimmste? Der alte Mann antwortete nicht «die Schläge» und nicht «die Schmerzen». Er sagte: Das Schlimmste waren die Momente, in denen ich begann, das Mitgefühl mit meinen Peinigern zu verlieren.
Drei Aggregatzustände einer einzigen Wahrheit
Damit ist alles gesagt und doch fängt hier erst an, was begriffen werden will. Niemand, der noch bei Sinnen ist, hält die äussere Welt für stabil. Niemand glaubt ernsthaft, der Wohlstand mehre sich, der Frieden breite sich aus und die Kriege würden nicht mehr um Öl und Erze geführt. Das Aussen brodelt und der Mensch spürt es in den Knochen, lange bevor er es benennen kann.
Stell dir Wasser vor. Atomar bleibt es dasselbe, ob als Eis, als Flüssigkeit oder als Dampf. Generationenlang hat man uns beigebracht, der Boden, auf dem wir stehen, sei Eis: Feste Struktur, berechenbar, begehbar. Man hackt ein Loch hinein und weiss, wo das Loch ist. Diese Mentalität haben uns die Eltern weitergereicht wie ein Erbstück. Dann steigt die Temperatur. Das Eis wird Wasser. Plötzlich schwimmt der Mensch, will sich festhalten, doch die letzten Eisschollen werden kleiner und schmelzen unter den Fingern weg. Bleibt nur das Treiben. Und während er sich noch ans Treiben gewöhnt, kommt die nächste Stufe: Es beginnt zu kochen. Blasen steigen aus einer Tiefe auf, deren Quelle keiner kennt.
Wer in dieser Phase mutlos, antriebslos, abgekoppelt durch die Tage geht und glaubt, er selbst sei defekt, hat den Mechanismus nicht durchschaut. Es ist nicht dein Fehler. Die äusseren Strukturen brechen weg, weil sie schmelzen sollen. Das Gefühl der Haltlosigkeit ist kein Versagen, es ist die korrekte Reaktion auf einen Phasenübergang. Die Verzweiflung jener, die sich selbst die Schuld geben, ist die bitterste Frucht dieser Zeit, denn sie bestrafen sich für eine Gesundheit, die sie für Krankheit halten.
Initiation – das Wort, das man dir verschwiegen hat
Initiatio heisst Anfang. Eine Einweihung ist kein sanftes Hinübergleiten, sie ist der gewaltsame Bruch mit dem, was war. In jeder ernsten Tradition wurde der Eingeweihte durch Dunkelheit, durch symbolischen Tod, durch das Zerbrechen der alten Form geführt, bevor er auf der anderen Seite ankam. Was hier kollektiv geschieht, trägt denselben Namen: Eine Passage, durch die nicht der Bequeme geht, sondern der, der bereit ist, seine erstarrte Form aufzugeben. Wer eine Alchemie der Angst durchschritten hat, weiss, dass am Ende eines solchen Sturms kein zerstörter Mensch steht, sondern ein gehärteter.
Und genau hier liegt die einzige Antwort, die trägt. Finde etwas in dir, das absolut heilig, unantastbar und ewig ist. Nenne es Liebe, nenne es Mitgefühl, nenne es, wie du willst – aber dort, in jenem Kern, sitzt die Heiligkeit, die kein Gefängnis und kein Phasenübergang zerstören kann. Der Mönch überlebte nicht, weil er stärker schlug. Er überlebte, weil sein Mitgefühl ausserhalb der Zeit lag, ewig, unberührbar von zwanzig Jahren Brutalität. Solange er diesen Kern hielt, glitt er durch die Hölle, statt in ihr zu verbrennen.
Der Stamm erkennt sich im Kochen
Wer diesen Kern findet, bemerkt zwei Dinge. Erstens: Die bisher erlebte Realität wird unwahr, fremd, seltsam. Mit Menschen, die nur den äusseren Weg gehen, lässt sich kaum noch reden – nicht aus Hochmut, sondern weil die Sprache eine andere geworden ist. Zweitens: Man findet andere, die ebenso anders sind. Kein Stamm, der lokal in Zelten haust, sondern einer, der sich auf der Reise erkennt. Ein Nicken, ein Wiedererkennen, ein «gute Wege, wir sehen uns woanders wieder». Diese Codierung trägt jeder in sich, und manche entziffern gerade jetzt die geheime Codierung ihrer Seele, weil das kochende Wasser sie dazu zwingt.
Die heiligen Tugenden – Mitgefühl, Wohlwollen, Liebe – sind keine Dekoration für Postkarten. Sie sind das Tor selbst, durch das diese Passage führt. Nicht das Anrufen von Namen rettet, sondern die Integration dessen, was hinter den Namen lebt. Religion taugt, wenn sie zum Gefühl wird. Sie versagt, wenn sie zur Litanei erstarrt.
Misstraue daher jedem, der dir mit der Sicherheit eines Kontoauszugs verkündet, was richtig sei – ob von der Kanzel, vom Lehrpult oder aus den Abendnachrichten. Niemand weiss, was kommt. Niemand weiss, wie es kommt. Niemand ist darauf vorbereitet. Wer das Gegenteil behauptet, verkauft dir Eis und nennt es Fundament.
Das Aussen wird heisser, nicht kälter. Wer keinen heiligen Kern in sich trägt, wird im kochenden Wasser zergehen wie der letzte Eiswürfel. Wer ihn trägt, durchschreitet das Tor – nicht unversehrt, aber unauslöschlich! Und die bitterste Wahrheit dieser Zeit lautet: Die meisten werden lieber an der Schuld zerbrechen, sich selbst defekt zu fühlen, als zu begreifen, dass ihr Schmerz der Beweis ihrer Lebendigkeit ist!
Die Anregung stammt aus diesem Almgespräch von Lars Köhne (Shaman Cross), dessen Arbeit unter shamancross.com und lars-koehne.onepage.me zu finden ist.









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