In den frühen 2000ern bekam Lars Koehne einen Auftrag, wie ihn Redaktionen lieben: «Mach mal was mit Kindern, aber bitte so, dass es knallt und trotzdem sendeplatz-tauglich bleibt.» Also flog er 2001 auf die Philippinen, drehte mit versteckter Kamera, deckte Kinderhandel auf, gewann dafür einen Medienpreis, bekam Applaus, Schulterklopfer, vielleicht einen lauwarmen Sekt im Foyer. Und dann: Funkstille. Thema durch. Nächster Programmpunkt. Die Maschine läuft weiter.

Heute sitzt er in einem Interview, irgendwo zwischen Steiermark, Trauma und Trommelreise und sagt im Kern etwas, das man nicht hübsch verpacken kann: Das Unsagbare war bekannt. Es wurde gezeigt. Es wurde gesendet. Es wurde verdaut. Dann wurde weitergezappt. Und plötzlich, zwanzig Jahre später, sind «tausende Zuschriften» da, weil viele Menschen das zum ersten Mal wirklich wahrnehmen. Nicht, weil es neu ist, sondern weil es jetzt irgendwie… erlaubt ist, hinzusehen. Oder weil der Algorithmus gerade Bock drauf hat.

Koehne erzählt, wie er damals als Anfang-30-jähriger Reporter zu PREDA kam, zu Shay Cullen, dem irischen Priester, der seit Jahrzehnten Kinder aus Prostitution, Gefängnissen und Menschenhandel holt. Erst Portrait. Dann Undercover. Angeles City, die ehemalige US-Air-Force-Base-Umgebung, Sexindustrie im Schatten der Militärhistorie. Koehne spielt den «Betrunkenen», den Suchenden, den Kunden. Eine Rolle, die man nicht einfach nach Drehschluss auszieht wie ein Hemd. Und irgendwann steht er an dem Punkt, an dem ihm minderjährige Mädchen angeboten werden. «Cracker, Cherry» nennt man das dort. Ein Satz, der so abgrundtief ist, dass man ihn nicht analysieren muss. Er erklärt sich selbst.

Und jetzt kommt der Teil, den unsere Zivilisation am liebsten ausblendet: Das System ist nicht nur Täter. Das System hat Logistik. Das System hat Manager. Das System hat «Mamasans». Das System hat gefälschte Pässe. Das System hat die Routine, mit der man Menschen entmenschlicht. Koehne sagt: Offiziell alle über 18, praktisch Kinder. Entführt, verschoben, umetikettiert. Die Realität als Papierarbeit.

Dann erzählt er von dem Moment, an dem sogar die Profis vor Ort sagen: «Stopp.» Nicht weil nichts mehr zu finden wäre, sondern weil es ab hier lebensgefährlich wird. Da fallen Worte wie «rituelle Tötung». Und hier merkt man, wie dünn die Linie ist zwischen investigativ und Selbstmord. Koehne macht das, was verantwortliche Recherche tun muss: Er hält an, bevor er in Spekulation abgleitet oder in eine Zone, in der er nicht mehr zurückkommt. Die Kamera kann vieles, aber sie ist kein Schutzschild.

Und dann? Der Film läuft auf Arte. Süddeutsches Fernsehen. Er wird ausgestrahlt. Vielleicht mehrfach. Und dann passiert… nichts. Kein gesellschaftlicher Aufstand. Kein dauerhaftes Nachbeben. Kein «Nie wieder». Nur die übliche kulturelle Beruhigungspille: «Schlimm. Ja. Wirklich schlimm. Hoffentlich wird das mal aufgearbeitet.» Spoiler: Wird es nicht. Oder nur in Dosen, gerade so gross, dass niemand seine Komfortzone verlassen muss.

Das Erschütternde ist aber nicht nur das Thema. Es ist die Frage, die Koehne stellt: Was treibt Menschen dazu? Und er sagt etwas, das viele nicht hören wollen: Das ist nicht mehr «Sex». Das ist ein dunkles Ritual. Eine totale Abkehr vom Heiligen, vom Schutz des Schwächsten. Wenn du ein Kind beschädigst, zerstörst du nicht nur einen Körper, du demolierst einen ganzen inneren Kosmos. Das ist nicht «Ausrutscher». Das ist eine andere Art von Logik. Oder eben das Fehlen von Logik, ersetzt durch Trieb, Macht, Zerstörung.

Und während er darüber redet, biegt das Interview ab in Richtung Spiritualität, Schamanismus, Christentum, «Humanenergetiker». Jetzt kann man das belächeln, weil Menschen ja gerne entweder materialistisch geschniegelt oder spirituell verklärt auftreten sollen, bitte nie beides. Koehne ist beides nicht. Er klingt wie jemand, der versucht, eine Sprache für etwas zu finden, das die normale Psychologie oft nur umkreisen kann: Das reine Böse, die innere Leere, die Besetzung, wie er es nennt. Psychologen, sagt er, wechseln irgendwann in Religion, weil die klinischen Begriffe nicht reichen. Und das ist der Moment, in dem sich der aufgeklärte Mensch nervös räuspert und lieber wieder über Wetter spricht.

Aber seine eigentliche Botschaft ist nicht «Glaubt an Dämonen». Seine Botschaft ist: Schaut hin, ohne euch zu verlieren. Und wenn ihr betroffen seid, dann hört auf mit diesem widerwärtigen Reflex, Schuld beim Opfer zu suchen. «Warum hast du nichts gesagt?» «Warum hast du dich nicht gewehrt?» Weil Kinder keine Anwälte im Kopf haben. Weil Angst die Sprache frisst. Weil Täter nicht nur Gewalt anwenden, sondern Realität umschreiben: «Darüber redest du nicht.» Und dann wird Verdrängung zur Notwendigkeit, nicht zur Schwäche.

Koehne arbeitet heute mit Menschen, vorwiegend Frauen, sagt er. Viele mit Missbrauchserfahrungen. Seine Herangehensweise: den Menschen nicht als Opfer fixieren, sondern als ursprüngliches, gesundes Wesen sehen. Schuld rausnehmen. Isolation rausnehmen. «Du bist nicht allein.» Das ist banal und gleichzeitig revolutionär, weil unsere Gesellschaft gerne so tut, als wären diese Dinge seltene Einzelfälle, die man am besten in True-Crime-Form konsumiert, damit man sich danach sauber fühlt.

Und dann kommt der Bruch: Er spricht über seinen eigenen Weg. Ausstieg aus dem Journalismus. Zerfall eines «normalen Lebens». Trennung. Verlust des Kontakts zur Tochter. Dunkelheit. Ein Gebet: «Hol mich hier raus und verfüge über mich.» Ab da: Dienst. Nicht die Instagram-Version von «Healing», sondern die blutige Variante, bei der man etwas aufgibt, das man liebt.

Am Ende sagt er etwas, das gleichzeitig kitschig und wahr ist, und genau deshalb so gefährlich für Zyniker: Wir tragen ein kindliches Reich im Herzen, eine Ahnung von einer Welt ohne Krieg, Missbrauch, Hierarchie, Gewalt. Und wir werden trainiert, das zu vergessen, weil «Realität».

Vielleicht ist das der eigentliche Skandal: Nicht nur, dass es das Böse gibt. Sondern, dass wir es als Programm akzeptieren, solange es uns nicht direkt betrifft. Und dann wundern wir uns, warum Menschen nach zwanzig Jahren plötzlich tausendfach schreiben: «Das ist ja unfassbar.»

Nein. Das ist nicht unfassbar. Das ist nur verdrängt. Und Verdrängung war schon immer die Lieblingsdroge der Zivilisation…

Undercover auf den Philippinen – sein Wendepunkt
Undercover auf den Philippinen – sein Wendepunkt

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