Welche Ausmasse ein rassistisch motiviertes Hassverbrechen haben kann, zeigt Deon Taylors Film, der auf einer wahren Begebenheit beruht. Ein nahezu zeitloses Thema, bei dem die beiden Seiten zunächst klar abgesteckt zu sein scheinen. Auf der einen Seite ein vor nichts zurückschreckender hasserfüllter Racheengel, der eine offenbar völlig unschuldige Familie überwältigt. Auf der anderen Seite verzweifelte Opfer, nackte Panik und die niemals endende Debatte um den Rassismus. Allzu viel Idealismus gibt es weder bei den Tätern, noch bei den Geiseln, zumindest nicht lange. Bis zuletzt wird ein Geheimnis nach dem anderen offenbart, das die Motive der Beteiligten in jeweils neuem Licht erscheinen lassen.
Wenn man das Thema Rassismus filmisch bearbeitet, geschieht es leicht, dass man übertrieben pathetisch wird, sich zu sehr auf die Täter konzentriet und die Opfer aussen vorlässt oder umgekehrt, nur das Leiden der Opfer darstellt ohne auf Ursachen und mögliche Gegenmassnahmen einzugehen. «Supremacy» schafft es, all diese Fallgruben zu umgehen und im Rahmen der Dynamik einer Geiselnahme sein Thema interessant zu illustrieren. Man möchte Tullys Ideologieversessenheit und seinen Gewaltfanatismus von Herzen verabscheuen, kommt an ihm als gebrochenem und scheinbar wiederauferstandenem Charakter aber nicht vorbei. Ähnlich verhält es sich mit dem von Danny Glover hervorragend gespielten Walker, der mehr mit Tully gemeinsam hat, als es zunächst scheint. Auch Doreen verbirgt mehr, als man ihr anfänglich zutraut, womit sie eines der größten Risiken eingeht. Es hätte so einfach sein können – fanatische Geiselnehmer versus bemitleidenswerte Opfer. Dass es die Regie dem Zuschauer nicht ganz so einfach macht, spricht in jedem Fall für den Film.
So zeigt sich im Verhältnis der beiden Geiselnehmer Doreen und Tully nicht nur die eine oder andere Widersprüchlichkeit in rassistischer Ideologie auf, sondern auch Differenzen innerhalb der White Supremacy Bewegung und sogar in den Charakteren selbst. Die Charaktere verkommen dabei allerdings nicht zu einfachen Stereotypen, sondern werden als dreidimensionale Personen präsentiert, die zwar tief gestört, aber auch irgendwie nachvollziehbar sind. Gewalt wird hier nicht als Machtausübung, sondern als Kontrollverlust dargestellt. Jedesmal wenn Tully oder Doreen ihre Waffe erheben, ist in ihren Gesichtern eher Panik und Ratlosigkeit als Entschlossenheit zu sehen. Dem entgegen steht vor allem die eiserne Ruhe des zerbrechlichen, alten Mr. Walker, der brilliant von Danny Glover dargestellt wird. Sein Charakter ist durchgehend interessant und läuft in seinem Schlussmonolog nochmal zu richtiger Höchstform auf.
An keiner Stelle wird das pseudoarische Gedankengut verherrlicht, der ihm verfallene Mensch wird dennoch als Charakter ernst genommen und verkommt nie zur geifernden Karikatur eines ewiggestrigen Spinners. Visuell wird die beklemmende Zwickmühle, in der sich hier fast jeder befindet, passend dargestellt. Die Handkamera unterstreicht die vorherrschende Stimmung. Gelegentlich verliert man dank ihr ein wenig die Orientierung in der Szene, dann folgen aber wieder ruhig gefilmte Sequenzen, die für die Verwirrung entschädigen. Darüber hinaus darf man nicht erwarten, in diesem Film die definitive Antwort auf das Rassismusproblem schlechthin zu erhalten. Diesem Anspruch wird der Film, der immer seine Figuren in den Vordergrund stellt, nicht gerecht. Muss er auch nicht. Zu sehen, wohin entsprechende Ideen Menschen bringen können, die ausserdem noch von ganz anderen Dämonen geplagt werden, ist beängstigend genug. Dank hervorragender Darsteller und der schleichenden Enthüllung entscheidender Details ist es in jedem Fall ein spannender Thriller, der zeigt, dass Gewalttätigkeit nicht nur durch möglichst viele Blutlachen im Bild dargestellt werden kann und nackter Psychoterror auch ohne übernatürliche Geistererscheinungen möglich ist. Ein harter Film mit einem Ende, an das man mitunter nicht mehr geglaubt hat.




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