Es gibt Sätze, die sich selbst demontieren. Man muss nichts hinzufügen. Man muss nur danebenstellen, was gleichzeitig passiert. «Männer haben Glück, dass wir keine Vergeltung wollen.» Luisa Neubauer, Klimaaktivistin, Dauerprotest-Profi und inzwischen auch Frontfrau des politisierten Digitalfeminismus, hat diesen Satz am 23. März 2026 vor dem Brandenburger Tor gesagt. Vor 6700 bis 13’000 Menschen, je nachdem, wen man fragt – Polizei oder Veranstalter, zwei Gruppen mit bekanntlich unterschiedlichem Verhältnis zur Arithmetik.
Drei Tage später, am 26. März 2026, um 17:00 Uhr, stirbt Noelia Castillo Ramos in einem Krankenhaus in Barcelona. 25 Jahre alt. In ihrem schönsten Kleid. Ohne Gerechtigkeit. Noelia war Opfer einer Gruppenvergewaltigung in einem staatlichen Aufnahmezentrum — jenem Ort, der sie schützen sollte. Sie überlebte, sprang danach aus grosser Höhe, blieb querschnittgelähmt, litt unter chronischen Schmerzen. Die Ermittlungen gegen ihre Täter: Eingestellt. Keine Festnahmen. Keine Verurteilungen. Der Staat versagte beim Schutz, beim Ermitteln und beim Sühnen. 30 Minuten nach Noelias Tod versammelt sich Hamburg. Gegen digitale Vergewaltigung. Für Collien Fernandes. Für Klarnamenpflicht. Luisa Neubauer ist nicht dabei. Aber ihr Satz ist es.
Der Satz und seine Implikation
«Männer haben Glück, dass wir keine Vergeltung wollen.» Analysieren wir das kurz, bevor die kollektive Begeisterung das Denken verdrängt. Der Satz teilt die Welt in zwei Gruppen: Wir – Frauen, die leiden, ertragen, verzichten. Und die Männer – die Glück haben. Als Gruppe. Kollektiv. Unabhängig davon, was sie getan oder nicht getan haben.
Das ist nicht Feminismus. Das ist Kollektivhaftung – jenes Prinzip, das in jeder anderen Anwendung als rückständig, ungerecht und gefährlich gilt. Wenn jemand sagen würde: «Migranten haben Glück, dass wir keine Vergeltung wollen», würde Neubauer – zurecht – von pauschalem Hass sprechen. Wenn jemand sagen würde: «Frauen haben Glück, dass wir keine Vergeltung wollen», würde sie von Frauenfeindlichkeit sprechen.
«Männer haben Glück» – das ist Applaus wert. Neubauer ist seit fünf Jahren unter Polizeischutz. Das ist real. Das verdient Empathie. Das ist ein konkretes Problem, das konkreter Lösungen bedarf. Stalking ist strafbar. Drohungen sind strafbar. KI-generierte Pornobilder sind möglicherweise strafbar – die Gesetze sind im Fluss, was angemessene Debatte erfordert, nicht Massenempörung als Ersatz.
Aber wenn eine Frau unter Polizeischutz steht, weil sie als öffentliche Person Drohungen erhält und daraus den Schluss zieht, dass alle Männer Glück haben, keine Vergeltung zu erfahren – dann ist das kein Hilferuf. Das ist Demagogie mit persönlicher Betroffenheit als Schutzschild.
Der Feminismus als politisches Instrument
Saskia Esken solidarisiert sich. Katrin Göring-Eckardt solidarisiert sich. Zwei Politikerinnen, die zur selben politischen Klasse gehören, die seit Jahren eine Migrationspolitik verantwortet, aus der heraus überproportional viele der täglich zwei Gruppenvergewaltigungen in Deutschland begangen werden. Man möchte kurz innehalten.
Göring-Eckardt und Esken, die solidarisch auf der Bühne stehen für das Recht auf digitale Unversehrtheit. Göring-Eckardt und Esken, die zur selben Zeit Teil eines politischen Systems sind, das Noelia Castillo Ramos nicht schützen konnte, nicht geschützt hat und nicht schützen wollte – weil ihr Schicksal keinen politischen Nutzen hatte. Noelias Täter: Keine Klarnamenpflicht. Kein Hashtag. Kein Brandenburger Tor. Im Gegenteil – Medien dürfen weder Namen noch Hintergrund nennen. Der Pressekodex schützt die Privatsphäre von Verdächtigen. Das ist im Prinzip richtig. In der Praxis bedeutet es: Noelia ist nicht mal als Warnung verwendbar.
Fernandes‘ Noch-Ehemann: Volle mediale Behandlung, Namensnennung, öffentlicher Pranger, Demo, Eilgesetz-Diskussion. Der Unterschied ist nicht juristischer Natur. Er ist politischer Natur. Der eine Fall erzeugt das richtige Narrativ für die richtige Agenda. Der andere nicht.
Die Agenda hinter der Demo
Luisa Neubauer sagt, sie wolle sich «so gerne einfach nur ums Klima kümmern». Aber es gehe nicht. Das ist bemerkenswert ehrlich – wenn auch vermutlich unbeabsichtigt. Denn es geht offensichtlich auch nicht mehr ums Klima. Es geht ums Digitale. Um Gesetze. Um Überwachung. Um Klarnamenpflicht, die zufällig seit Jahren im Werkzeugkasten derjenigen liegt, die den digitalen Raum kontrollieren wollen.
Union und SPD haben im Koalitionsvertrag bereits Reformen des Cyberstrafrechts vereinbart. Justizministerin Hubig kündigt einen Gesetzentwurf für den Frühling an. Das Gesetz stand bereit. Es benötigte einen Auslöser. Collien Fernandes hat ihn geliefert. HateAid hat ihn organisiert. Neubauer hat ihn legitimiert. Esken und Göring-Eckardt haben ihn politisch verwertbar gemacht. Das ist keine Verschwörung. Das ist Kampagnenarbeit. Das nennt man in der PR-Branche «Issue Management»: Man wartet auf den richtigen Fall, der die vorbereitete Massnahme emotional trägt. Der richtige Fall für Überwachungsgesetze ist ein prominentes Opfer mit Medienanbindung. Noelia Castillo Ramos war kein richtiger Fall. Sie war nur ein Opfer.
Was Neubauers Satz wirklich sagt
Zurück zu «Männer haben Glück, dass wir keine Vergeltung wollen.» Dieser Satz ist der Satz einer Frau, die weiss, dass sie vor Zehntausenden spricht und die weiss, was bei Zehntausenden ankommt. Er ist kein Ausrutscher. Er ist kalkuliert. Er ist der Satz, der aufwühlt, der trennt, der mobilisiert. Er ist auch der Satz, der Noelia Castillo Ramos unsichtbar macht.
Denn wer die Männer als Gruppe für das Leid der Frauen verantwortlich macht – pauschal, kollektiv, öffentlich — der muss dann erklären, warum Noelias Täter nicht Teil dieser Kollektivverantwortung sind. Warum über sie geschwiegen wird. Warum der Schutz der Privatsphäre von Verdächtigen in ihrem Fall ausreicht, um die gesamte Kampagne zum Schweigen zu bringen. Die Antwort ist bekannt. Sie wird nur nicht gesagt.
Was Feminismus sein sollte – und was er gerade ist
Feminismus, in seiner grundlegenden Form, ist die politische Überzeugung, dass Frauen dieselben Rechte, denselben Schutz, dieselbe Würde verdienen wie Männer. Dass Gewalt gegen Frauen systematisch bekämpft wird. Dass Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Noelias Täter wurden nicht zur Rechenschaft gezogen. Der Staat hat versagt. Die Medien haben geschwiegen. Die NGOs haben keine Kampagne gestartet. Die Politikerinnen haben keine Demo organisiert.
Weil der Feminismus, der gerade auf deutschen Bühnen stattfindet, kein Feminismus ist. Er ist Instrumentarium. Er ist das emotionale Vehikel für Gesetze, die mit dem Schutz von Frauen so viel zu tun haben wie ein Parkausweis mit Gerechtigkeit. Er ist die Sprache, in der Überwachungsgesetze als Solidarität verkauft werden. Er ist die Energie, mit der HateAid Zensurwerkzeuge durchsetzt. Er ist der Applaus, der Neubauers kollektive Männeranklage bejubelt – während Noelia in Barcelona stirbt.
Noelia Castillo Ramos war 25 Jahre alt. Sie hat niemanden auf einer Demo vertreten. Sie ist ohne Gerechtigkeit gegangen. Ihr Name gehört gesagt.
Luisa Neubauers Satz gehört hinterfragt. Und der Unterschied zwischen beiden – der ist die eigentliche Geschichte.
Männer haben Glück, sagt Neubauer. Noelia hatte keines. Das war kein Zufall.


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