Es gibt zwei Arten von Menschen auf dieser Welt. Die einen schreiben Tweets über «Menschenrechte», während sie ihren Soja-Latte umrühren und darauf warten, dass ihnen jemand dafür applaudiert. Und dann gibt es Shay Cullen. Einen irischen Priester, der 1969 nicht beschloss, seine Moral auf Konferenzen zu präsentieren, sondern sie in ein Flugzeug setzte und auf die Philippinen brachte.
Cullen gründete 1974 die Preda Foundation. Nicht etwa eine Organisation, die bunte Broschüren druckt und bei Empfängen mit Champagnergläsern klirrt, sondern eine, die Kinder aus Bordellen holt. Aus Gefängnissen. Aus der Hölle, die Menschen mit erstaunlicher Kreativität erschaffen, solange Geld dabei herauskommt.
Während andere Organisationen «Bewusstsein schaffen», hat Preda etwas Unhöfliches getan: Sie haben gehandelt. Sie haben Kinder gerettet, die für den globalen Markt der menschlichen Verzweiflung vorgesehen waren. Denn Kinderhandel ist kein Mythos, kein dystopischer Roman, sondern ein Geschäft, wie auch die Epstein Akten beweisen. Und wie jedes Geschäft funktioniert es nur, solange genug Menschen wegsehen.
Preda tut genau das Gegenteil. Sie schauen hin.
Mit einem Team von etwa 50 Mitarbeitern rettet die Organisation Kinder aus sexueller Ausbeutung, aus Gefängnissen. Danach bekommen diese Kinder Therapie, Schutz und etwas, das in unserer hochentwickelten Welt offenbar ein Luxus ist: Eine zweite Chance.
Natürlich ist so etwas unbequem. Denn jede Rettung ist eine stille Anklage. Gegen ein System, das diese Realität zulässt. Gegen Gesellschaften, die lieber moralische Hashtags teilen, als sich mit den Ursachen auseinanderzusetzen. Gegen Institutionen, die «Menschenrechte» predigen, solange es keine Konsequenzen hat.
Cullen tat noch etwas besonders Unhöfliches: Er legte sich mit mächtigen Interessen an. In den 1980er und 1990er Jahren führte er eine Kampagne gegen die US-Militärbasen auf den Philippinen, die zufällig auch ein florierendes Zentrum für Sextourismus waren. Denn wo Macht konzentriert ist, folgt oft ein Markt für Ausbeutung. Zufall, natürlich.
Die Basen wurden schliesslich geschlossen. Nicht, weil plötzlich alle moralisch erwacht waren, sondern weil jemand hartnäckig genug war, nicht zu schweigen.
Neben der direkten Rettungsarbeit gründete Cullen auch Preda Fair Trade. Ein Unternehmen, das benachteiligten Menschen Einkommen verschafft und seine Gewinne wieder in die Rettung und Rehabilitation investiert. Kein globaler Konzern. Kein Aktienkurs. Nur ein Modell, das zeigt, dass Wirtschaft auch existieren kann, ohne Menschen zu zerstören.
Das ist vermutlich der grösste Affront gegen unsere Zeit. Die Vorstellung, dass ein System nicht auf maximaler Ausbeutung basieren muss.
Cullen wurde viermal für den Friedensnobelpreis nominiert. Eine beeindruckende Ehrung, die ungefähr so viel praktischen Schutz bietet wie ein Regenschirm im Hurrikan. Denn Auszeichnungen retten keine Kinder. Menschen tun es.
Er schreibt Artikel, hält Vorträge und dokumentiert eine Realität, die viele lieber ignorieren würden. Nicht weil sie kompliziert ist, sondern weil sie unangenehm ist. Denn sie zwingt zu der Frage, wie eine Welt existieren kann, in der Organisationen wie Preda überhaupt notwendig sind.
Die Antwort ist simpel und unerfreulich: Weil Ausbeutung profitabel ist. Weil Gleichgültigkeit bequem ist. Und weil moralische Empörung am Bildschirm deutlich weniger kostet als tatsächliche Veränderung.
Preda arbeitet gegen diese Gleichgültigkeit. Nicht mit Parolen, sondern mit Konsequenzen. Sie holen Kinder aus Bordellen, während anderswo Strategiepapiere über «Bewusstseinsbildung» verfasst werden. Sie bieten Therapie, während andere Statistiken veröffentlichen. Sie retten Leben, während andere Narrative verwalten.
Das ist keine glamouröse Arbeit. Es gibt keine Standing Ovations in klimatisierten Konferenzräumen. Nur Narben, Trauma und die mühsame Aufgabe, zerstörte Leben wieder aufzubauen.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum Shay Cullen eine Anomalie ist. In einer Welt, die moralische Symbolik liebt, aber echte Konsequenzen fürchtet, ist jemand, der tatsächlich handelt, eine unangenehme Erinnerung daran, dass Veränderung möglich ist.
Und dass Untätigkeit eine Entscheidung ist.
Während also Institutionen weiterhin Erklärungen veröffentlichen und Politiker weiterhin über «Werte» sprechen, arbeitet eine kleine Organisation auf den Philippinen daran, das zu tun, was angeblich jeder unterstützt: Menschenrechte verteidigen… und Cullen warnt: Epstein nur Spitze des Eisbergs!

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