Bastian Barucker hat sich etwas Unverschämtes erlaubt. Er hat sich hingesetzt, tief durchgeatmet und eine Frage gestellt, die im öffentlichen Diskurs ungefähr so willkommen ist wie ein Stromausfall in Berlin: Was, wenn das Problem nicht falsche Herrscher sind, sondern das Prinzip Herrschaft selbst?
In seinem neuen Dialogformat «Selbstbestimmung statt Herrschaft» spricht Barucker mit der Neurowissenschaftlerin und Psychotherapeutin Dr. Valeria Petkova. Und nein, es geht nicht darum, welche Partei es dieses Mal «besser meint». Es geht um etwas deutlich Unangenehmeres: Um innere Strukturen, psychische Prägungen und die kollektive Bereitschaft, sich führen zu lassen, solange jemand verspricht, es «richtig» zu tun.
Die sogenannte Demokratie wird derzeit wie ein antikes Heiligtum behandelt. Politiker beschwören sie, Medien verteidigen sie und wer zu viele Fragen stellt, gilt schnell als Gefahr für sie. Demokratie wird zum Schlagwort, zur moralischen Keule, zur Nebelmaschine. Barucker und Petkova machen den Fehler, genauer hinzusehen.
Was, wenn das Demokratieversprechen in seiner aktuellen Form weniger mit Selbstbestimmung zu tun hat als mit einem gut geölten Verwaltungssystem für Gehorsam? Was, wenn die viel zitierte «Herrschaft des Volkes» in Wahrheit eine emotionale Beruhigungstablette ist, damit sich möglichst viele Menschen freiwillig Fremdbestimmen lassen?
Im Gespräch geht es nicht um Parolen, sondern um Psyche. Um die Frage, warum Menschen überhaupt nach Führung verlangen. Warum Sicherheit oft wichtiger ist als Freiheit. Warum Verantwortung delegiert wird wie eine lästige Aufgabe. Und warum das Bedürfnis nach Herrschaft möglicherweise weniger politisch als traumatisch ist.
Die kapitalistische Demokratie, so die nüchterne Beobachtung, funktioniert hervorragend darin, Mitbestimmung zu simulieren, während echte Selbstermächtigung systematisch vermieden wird. Alle dürfen wählen, aber kaum jemand darf wirklich gestalten. Alle dürfen reden, aber nur innerhalb akzeptierter Meinungskorridore. Freiheit wird gewährt, solange sie nicht stört.
Barucker und Petkova sprechen dabei aus Erfahrung. Nicht aus theoretischen Elfenbeintürmen, sondern aus jahrelanger Arbeit mit Menschen. Mit ihren Ängsten, Anpassungsstrategien, inneren Konflikten. Mit dem tief sitzenden Wunsch, dass «da oben» bitte jemand Ordnung macht.
Der Dialog stellt deshalb eine unbequeme Frage: Ist eine Gesellschaft, die permanent nach Führung ruft, überhaupt demokratiefähig? Oder reproduziert sie lediglich alte Machtmuster mit neuen Etiketten?
Statt Herrschaft schlagen die beiden etwas vor, das im politischen Betrieb fast revolutionär klingt: Selbstverantwortung. Mitbestimmung ohne Vormundschaft. Gemeinschaft ohne Autoritätsersatz. Nicht als romantische Utopie, sondern als psychologischen Reifeprozess.
Das ist anstrengend. Selbstbestimmung bedeutet, nicht mehr alles delegieren zu können. Keine Ausreden mehr. Kein «die da oben». Keine Erlösung durch Wahlen. Sondern innere Arbeit, Konfliktfähigkeit und die Bereitschaft, Verantwortung zu tragen.
«Selbstbestimmung statt Herrschaft» ist kein Wohlfühlformat. Es ist ein Spiegel. Und wie alle guten Spiegel zeigt er Dinge, die man lieber nicht sehen möchte. Genau deshalb lohnt es sich hinzuschauen.

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