Es gibt diese rituellen Momente der Politik, in denen alle so tun, als sei gerade etwas von weltgeschichtlicher Gravitas passiert. Kameras klicken, Hände liegen auf Papier, Gesichter werden ernst. Der neue Bürgermeister von New York, Zohran Mamdani, legt seinen Amtseid ab. Auf den Koran. Und irgendwo im Off hört man Andreas Thiel trocken anmerken: Zum Glück hat er ihn nicht gelesen.

Damit ist eigentlich alles gesagt. Und doch lohnt sich das Ausschlachten.

Politiker schwören bekanntlich gern auf Dinge, die sie weder gelesen noch verstanden haben. Verfassungen, Bibeln, Verfassung. Hauptsache, es wirkt feierlich und erzeugt dieses warme Gefühl von Verantwortung, ohne lästige Nebenwirkungen wie Kenntnis oder Konsequenz. Der Eid ist Symbol, kein Versprechen. Ein Bühnenrequisit. Wer ihn ernst nähme, müsste ja handeln.

Platon hätte dazu vermutlich nur müde genickt. Für ihn entsteht alles Übel aus Ignoranz. Nicht aus Bosheit, sondern aus dem hartnäckigen Nicht-wahrhaben-Wollen. Genau hier wird es interessant. Denn der Eid auf ein Buch, dessen Inhalt man nicht kennt, ist Ignoranz in Reinform. Man schwört auf eine Projektionsfläche. Auf das, was man glaubt, dass andere darin sehen sollen.

Beim Eid auf eine Verfassung schwört man wenigstens theoretisch auf den Schutz von Leben, Freiheit und Eigentum. Das glaubt man dem Politiker zwar auch nicht, aber die Richtung stimmt. Beim Eid auf religiöse Schriften wird es heikler. Nicht, weil Religion per se böse wäre, sondern weil heilige Texte komplex, widersprüchlich und historisch aufgeladen sind. Wer sie reduziert, macht sie entweder harmlos oder gefährlich. Beides ist bequem.

Thiels Pointe zielt genau darauf: Wenn Mamdani den Koran nicht gelesen hat, ist das beruhigend. Denn dann schwört er nicht auf Inhalte, sondern auf ein Symbol. Auf Identität, nicht auf Text. Das ist politisch kalkuliert, nicht spirituell. Und es ist exakt dieselbe Ignoranz, die man auch bei christlichen Politikern findet, die auf die Bibel schwören und am nächsten Tag Nächstenliebe outsourcen.

Die eigentliche Tragik ist nicht der Koran, nicht die Bibel und nicht der Eid. Die Tragik ist, dass wir uns an diese hohlen Rituale gewöhnt haben. Ignoranz als Tugend, Symbolik statt Verantwortung. Geduld, sagt Platon, sei eine Tugend. Stimmt. Aber irgendwann wird Geduld zur Ausrede. Und Ignoranz zum Regierungsstil.

Schwören auf Unwissen
Schwören auf Unwissen

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