Im öffentlichen Debattenbetrieb des 21. Jahrhunderts genügt inzwischen oft ein einziger Name, und die Reflexe springen an wie ein kaputter Rauchmelder. Bei Roger Waters ist das seit Jahren zuverlässig zu beobachten. Kaum kritisiert der frühere Pink Floyd-Mitbegründer die Politik der Regierung in Israel, folgt fast mechanisch dieselbe Formel: Nicht Diskussion, nicht Einordnung, sondern moralische Etikettierung. Antisemit. Ende der Debatte. Der Fall ist geschlossen, bevor überhaupt jemand den Mund richtig aufgemacht hat. Eine bemerkenswert praktische Methode, um komplexe Fragen in die geistige Kurzwaschanlage zu schicken.
Dabei lohnt es sich, gerade bei Waters, einmal genauer hinzusehen, statt nur die immer gleichen Schlagzeilen zu recyceln wie altes Propagandamaterial mit neuer Typografie. Waters richtet seine Kritik seit Jahren gegen die Besatzung palästinensischer Gebiete, gegen die militärische Härte gegenüber Zivilisten und gegen eine politische Führung, die sich immer häufiger auf historische Verwundung beruft, während sie selbst neues Leid produziert. Dass man diese Politik kritisieren kann, ohne Juden zu hassen, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Doch wir leben in einer Zeit, in der moralische Hysterie oft schneller produziert wird als differenziertes Denken.
Besonders gern wird auf das berühmte aufblasbare Schwein verwiesen, das bei seinen Konzerten mit verschiedenen Symbolen versehen durch die Arena schwebte, darunter auch ein Davidstern. Das Bild wurde sofort als Beweis für Judenhass gehandelt. Nur wird dabei gern unterschlagen, dass dieses Schwein seit Jahrzehnten Teil von Waters‘ Bühneninszenierung ist und immer mit Symbolen von Macht, Geld, Religion und Unterdrückung versehen war. Selbst die Anti-Defamation League erklärte damals, man halte die Darstellung zwar für problematisch, sehe darin aber keine antisemitische Absicht. Das ist in der heutigen Empörungsökonomie natürlich unerquicklich, weil differenzierte Urteile sich schlechter verkaufen als moralische Lynchstimmung.
Auch die immer wieder angeführte Uniform bei seinen Konzerten wird oft aus dem Kontext gerissen. 2023 ermittelte die Berliner Polizei wegen eines faschistisch anmutenden Bühnenkostüms. Was in vielen Artikeln elegant unterschlagen wurde: Die Figur stammt aus dem Werk «The Wall», in dem Waters seit den späten 1970er Jahren ausdrücklich die Verführung durch Faschismus und autoritäres Denken inszeniert. Selbst ein deutsches Gericht sah in dem Bühnenprogramm letztlich ein Kunstwerk und keine Verherrlichung nationalsozialistischer Ideologie. Man muss die Symbolik nicht geschmackvoll finden. Vieles daran ist schwerfällig, provokant und manchmal fast peinlich plakativ. Aber Geschmacklosigkeit ist noch immer nicht automatisch Antisemitismus, auch wenn manche das inzwischen gern juristisch vereinfachen würden.
Dann kommt regelmässig das Argument mit der BDS-Bewegung. Der deutsche Bundestag verabschiedete 2019 eine Resolution, in der BDS als antisemitisch eingeordnet wurde. Das wird oft präsentiert, als sei damit endgültig bewiesen, dass jeder Unterstützer ein Judenhasser sei. Nur war diese Resolution politisch und nicht juristisch bindend. Mehrere internationale jüdische Intellektuelle und auch israelische Kritiker haben darauf hingewiesen, dass ein Boykottaufruf gegen staatliche Institutionen nicht automatisch ein Angriff auf jüdische Menschen ist. Man kann BDS ablehnen, ohne gleich so zu tun, als sei jede Kritik an israelischer Staatspolitik ein Wiedergänger der 1930er Jahre.
Waters selbst ist sicher kein einfacher Charakter. Er ist streitbar, oft arrogant und besitzt die emotionale Feinfühligkeit eines Presslufthammers auf Valium. Manche seiner Aussagen wirken unnötig zugespitzt. Manche seiner politischen Urteile sind grob. Doch gerade diese persönliche Sperrigkeit wird oft genutzt, um seine zentrale Aussage unsichtbar zu machen. Denn im Kern stellt Waters eine unbequeme Frage: Warum gilt Kritik an fast jeder Regierung der Welt als legitimer Bestandteil politischer Debatte, nur bei Israel wird sie für viele sofort zur moralischen Hochspannungszone?
Diese Frage ist unangenehm, weil sie den westlichen Zeitgeist entlarvt. Nicht nur das Bedürfnis, politische Komplexität in simple Schuldformeln zu pressen, sondern auch die Bereitschaft, jede Diskussion sofort in Lagerdenken zu verwandeln. Wer Israels Regierung kritisiert, muss angeblich gegen Juden sein. Wer dagegen widerspricht, gilt als naiv. Und irgendwo dazwischen stirbt jede ernsthafte Debatte an den Nebenwirkungen öffentlicher Erregung.
Roger Waters ist nicht deshalb wichtig, weil er immer recht hätte. Das hat er nicht. Menschen haben diese lästige Eigenschaft. Er ist wichtig, weil er einen Punkt berührt, den viele lieber meiden: Dass Menschenrechte universell sein sollten oder gar nichts bedeuten.
Und genau deshalb wird nicht seine Kritik gefürchtet.
Gefürchtet wird, dass andere anfangen könnten, genauer hinzusehen.



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