Im Gegensatz dazu bin ich der Auffassung, die Parallelen drängen sich geradezu auf und es verbietet sich regelrecht, sie nicht deutlich anzusprechen und offenzulegen. Schon ist wieder von «Volkschädlingen» oder «Sozialschmarotzern» die Rede. Blind muss sein, wer diese Parallelen nicht sieht. Die meisten wollen nicht, da sie damit in eine hässliche Fratze der Geschichte blicken müssen und dabei bemerken würden, dass sie ihnen aus dem Spiegel entgegen blickt. Dieser Rubikon-Text – hier nur Auszüge – trifft es sehr gut.
Wir haben uns ja immer gefragt, wie es bei Großmuttern so weit kommen konnte: Warum akzeptierten sie einen Staat, der munter diskriminierte und andere Meinungen nicht mehr zuließ? Eine Antwort darauf zu geben, war nie so leicht wie heute. So ungeniert wie lange nicht mehr wird derzeit die Diskriminierung einer Bevölkerungsgruppe vorangetrieben.
Mit vorne dabei sind gerade jene, die bei Gedenkveranstaltungen über die Hitler-Diktatur den Mund weit aufreißen und sich als verhinderte Widerstandshelden inszenieren. Die Art und Weise, wie „gute“ und „woke“ Demokraten derzeit Meinungen unterdrücken, zu Hexenjagden auf Abweichler blasen und Ungeimpfte zu Bürgern zweiter Klasse erklären wollen, erinnert mehr an das Verhalten der damaligen Täter als an jenes der Widerstandskämpfer.
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Letztlich erleben wir also seit geraumer Zeit schon, wie ein „faschistischer Antifaschismus“ versucht, die Deutungshoheit zu erlangen. Dass er dabei auf Menschen bauen kann, die freudig diesen Weg mitbeschreiten wollen, lässt sich in den letzten Monaten — und ganz speziell in den letzten Wochen — recht gut erkennen.
Und dass die, die meinen, das Gute zu verteidigen, auch vor Mitteln nicht zurückschrecken, die wir in der jahrzehntealten Gedenkkultur dieses Landes noch als verwerflich, ja als gefährlich auswiesen, mussten wir erschrocken und besorgt zugleich zur Kenntnis nehmen. Denn Diskriminierung wird offen als jetzt dringend angebrachte Methode vorgestellt. Als vereinbar mit dem Grundgesetz gar. Menschen vom sozialen Leben auszugrenzen, sei demnach völlig legitim.
Es sind die selben Politiker, die dergleichen Verachtung laut darlegen, die man sonst schon bei Feierlichkeiten zum Gedenken an die Verbrechen von einst sah und die dort voll von andächtiger Beseelung klarmachten: Nie wieder! Sowas dürfe einfach nie wieder passieren. Nicht mit uns!
Beklatscht wird diese Entwicklung der letzten Wochen gerade von Teilen eines Publikums, das sonst nicht müde ist zu betonen, dass es nicht so dumm wie Großmuttern gewesen wäre. Es wäre nicht mitmarschiert, hätte Paroli geboten, denn man hätte doch sehen können, wohin es ab 1933 ging. Sie sprechen freilich aus der Warte der späteren Generationen, die sich einen vollumfänglichen Blick auf jene Jahre erlauben konnten, weil die Tatsachen bereits geschaffen und nicht etwa in der Schwebe waren. Nichtsdestotrotz wähnen sie sich als Widerstandshelden, denen die Gnade der späten Geburt die Ehre verwehrt hat, in den Untergrund zu gehen, um gegen den braunen Geist zu konspirieren.
Diese Widerstandsmaulhelden sprechen nun jenen Hardlinern der Corona-Politik Mut zu, die offen über Ausgrenzung verhandeln, Grundrechte weiterhin aussetzen und Demonstrationen aus politischen Gründen verbieten. Sie scheinen nicht mehr zu spüren, dass sie einen demokratischen Geist zu verteidigen trachten, der ihnen längst abhandengekommen ist.


«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








