Beruhigen wir uns erst einmal. Tief durchatmen. Alles ist unter Kontrolle. War es immer. Wird es immer sein. Zumindest offiziell. Inoffiziell hingegen sitzen dieselben Institutionen, die uns Stabilität versprechen, seit Monaten mit Taschenrechnern, Stressmodellen und Notfallplänen da und spielen «Was tun, wenn alles brennt?» durch. Nur eben ohne Publikum. Panik? Nein, natürlich nicht. Vorbereitung. Ganz normal. Rein technisch.

Während der Öffentlichkeit erklärt wird, dass das Finanzsystem «robust», «resilient» und «besser kapitalisiert als je zuvor» sei, üben Zentralbanken intern Szenarien, die eher nach Endzeitproben aussehen. Vertrauensverlust in US-Staatsanleihen zum Beispiel. Also ausgerechnet in jenem Fundament, auf dem das globale Finanzsystem ruht. Aber bitte keine Sorge. Das Fundament wackelt nur ein bisschen. Rein hypothetisch.

Die Repo-Märkte geraten ins Schlingern. Dort, wo Banken sich über Nacht Geld leihen, weil Vertrauen billiger ist als Sicherheiten. Oder besser gesagt: Dort, wo Vertrauen war. Wer die Repo-Märkte nicht versteht, versteht die Krise nicht, heisst es. Das stimmt. Noch treffender wäre: Wer sie versteht, schläft schlecht. Denn dort zeigt sich zuerst, ob Marktteilnehmer einander noch glauben oder nur noch so tun, als ob.

Und Vertrauen ist nun mal die einzige Währung, die sich nicht drucken lässt. Man kann Billionen in die Märkte pumpen, Bilanzen aufblasen, Zinsen verbiegen und Notenbanker mit ernster Miene vor Kameras stellen – wenn das Vertrauen weg ist, ist die Liquidität eine Illusion mit Wasserzeichen.

Aber keine Sorge. Das Problem sind natürlich nicht strukturelle Fehlanreize, jahrzehntelange Schuldenorgien oder politische Instrumentalisierung von Märkten. Nein. Es sind «abziehende Grossgläubiger». China. Japan. Fonds. Pensionskassen. Diese undankbaren Investoren, die plötzlich anfangen, Risiko wieder als Risiko zu betrachten. Wer konnte das ahnen?

US-Treasuries, einst der sichere Hafen schlechthin, sind heute vor allem eines: Ein politisch gestütztes Versprechen. Solange die Nachfrage von echten Marktteilnehmern kommt, kann man das noch Markt nennen. Wenn aber Zentralbanken die Hauptkäufer sind, ist das keine Preisfindung mehr, sondern Selbstbestätigung. Applaus aus dem eigenen Publikum.

Natürlich wird das offiziell nicht bestätigt. Muss es auch nicht. Historisch bekannt reicht völlig. So liefen alle grossen Finanzkrisen. 2008. 2011. 2020. 2023. Das Drehbuch ist altbewährt, nur die Schauspieler wechseln. Erst heisst es: «Alles unter Kontrolle.» Dann: «Einzelfälle.» Dann: «Unerwartete Ereignisse.» Und schliesslich: «Plötzlich und unerwartet.» Das ist das Narrativ für die Öffentlichkeit. Für Insider ist es ein jahrelang sichtbarer Zerfall mit Ansage.

Intern hingegen rechnet man längst mit Kapitalverkehrskontrollen. Ein Wort, das man öffentlich nur in sehr exotischen Ländern verortet, aber im Westen natürlich niemals… ausser es wird notwendig. Bankfeiertage werden durchgespielt. Als letztes Mittel. Rein präventiv. Um Abhebungen zu stoppen, falls Bürger auf die absurde Idee kommen, ihr eigenes Geld besitzen zu wollen.

Billionenverluste bei Pensionen? Eingepreist. Man spricht darüber erstaunlich nüchtern. Wahrscheinlich, weil Zahlen jenseits einer Billion ohnehin jede emotionale Reaktion lähmen. Rentenfonds verlieren. Lebensversicherungen wackeln. Aber bitte keine Panik. Das sind langfristige Effekte. Irgendwann später. Für irgendwen anders.

Besonders pikant ist die unbequeme Wahrheit, die hinter verschlossenen Türen erstaunlich offen ausgesprochen wird: Diejenigen, die Stabilität garantieren sollen, rechnen selbst mit dem Bruch. Nicht mit dem ob, sondern mit dem wann und wie stark. Das ist keine Schwarzmalerei, sondern Szenarioplanung. Professionell. Verantwortungsbewusst. Und maximal beunruhigend.

Ein nordischer Zentralbanker soll es so formuliert haben: «Es gibt kein Szenario, das gut endet.» Kein Skandal. Kein Leak. Nur ein nüchterner Satz aus einem internen Raum, in dem niemand beschwichtigen muss. Zeitfenster laut Worst-Case-Modellen: 12 bis 18 Wochen. Also genug Zeit, um öffentlich weiter zu lächeln und intern die Feuerwehrpläne zu aktualisieren.

Wer jetzt noch sagt «alles unter Kontrolle», hat entweder keine Ahnung – oder eine Rolle zu spielen. Meistens Letzteres. Denn das System lebt nicht von Wahrheit, sondern von Zeit. Jeder Tag ohne Panik ist ein guter Tag. Jeder weitere Monat ein Bonus. Und wenn es dann kracht, war es eben… plötzlich.

Was wir erleben, ist keine überraschende Krise, sondern die nächste Eskalationsstufe eines lange sichtbaren Prozesses. Vertrauen wurde über Jahre verbraucht, verspielt, politisiert und ersetzt durch Narrative. Märkte wurden nicht stabilisiert, sondern sediert. Risiken nicht gelöst, sondern verschoben. Und jetzt wundert man sich, dass die Nebenwirkungen auftreten.

Die Zeichen sind seit Jahren da. Explodierende Schulden. Dauer-Notfallpolitik. Abhängigkeit von Zentralbankinterventionen. Politische Eingriffe in Kapitalmärkte. Moralische Umdeutung von Insolvenz als Solidarität. All das ist bekannt. Nur eben unbequem.

Wir beobachten. Wir dokumentieren. Wir warnen. Nicht aus Angst. Sondern aus Verantwortung. Denn das Gefährlichste an diesem System ist nicht der Crash selbst, sondern die Illusion, dass er nicht kommen könnte. Und diese Illusion wird gerade mit beeindruckender Disziplin aufrechterhalten.

Also bitte: Ruhig bleiben. Vertrauen Sie den Experten. Sie haben alles im Griff. Zumindest die Modelle. Und falls nicht – gibt es ja immer noch Bankfeiertage…

Panik in Basel - oder wie Zentralbanken lächelnd den Untergang proben
Panik in Basel - oder wie Zentralbanken lächelnd den Untergang proben

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