Es ist eigentlich rührend, wie zuverlässig das Ganze abläuft. Man könnte meinen, irgendwo gäbe es ein Drehbuch, das jede Woche neu kopiert und mit frischen Buzzwords angereichert wird. Die Masche ist simpel, effektiv und so alt wie der Wunsch, Menschen davon abzuhalten, selber zu denken: Manipulation greift nicht zuerst den Körper an, sondern die Denkfähigkeit. Nicht den Verstand als Werkzeug, sondern den Mut, ihn zu benutzen.
Denn was man in solchen Debatten auf keinen Fall tun darf, ist diese gefährliche, ketzerische Handlung namens Nachfragen:
«Wie meinst du das genau?»
«Stimmt das wirklich?»
«Welche Daten tragen das?»
«Welche Alternativen gibt’s?»
Das ist im System der Tabus ungefähr so willkommen wie ein Feueralarm im Kanzleramt.
Tabus bleiben Tabus nicht, weil sie wahr sind, sondern weil sie bewacht werden. Und bewacht werden sie nicht durch gute Argumente, sondern durch Tricks, die auf dem schnellen Denken reiten. Das schnelle Denken ist das, was läuft, während man die Katze füttert, WhatsApp tippt und nebenbei «Diskurs» konsumiert. Es ist bequem, automatisiert und praktisch. Es ist aber auch das Einfallstor für jeden rhetorischen Taschenspieler.
1) Strohmann & Etikettierung: Die Strohpuppe mit deinem Gesicht
Du sagst: «Ich finde diese Massnahme übertrieben.»
Antwort: «Aha, du bist also gegen Klimaschutz/gegen Solidarität/gegen Menschlichkeit.»
Das ist nicht nur unredlich. Es ist genial in seiner Faulheit. Man nimmt eine differenzierte Aussage, zieht sie in die Extreme, klebt ein Etikett drauf und schon kann man eine Position bekämpfen, die du nie vertreten hast. Nah dran ist nicht identisch. Aber für den Zuschauer, der «ungefähr» hört, reicht’s. Und «ungefähr» ist die Währung der Massenkommunikation.
Die Strohmann-Technik hat einen Vorteil: Sie erspart die Arbeit, den echten Satz zu widerlegen. Man schiesst stattdessen auf eine Strohpuppe und verkauft das als Sieg. Applaus inklusive.
2) Ad Personam: Wenn dir nichts einfällt, attackier das Gesicht
Wenn das Argument stabil bleibt, dann wird eben die Person weichgekocht. Klassiker:
«Alter weisser Mann.»
«Du bist ja katholisch.»
«Du hast doch keine Ahnung.»
«Du bist doch nur…» (bitte passend einsetzen)
Die Botschaft ist nicht: «Du liegst falsch.»
Die Botschaft ist: «Du bist falsch.»
Und das ist praktischer, weil man dann nichts mehr erklären muss. Der Mensch wird zum Makel. Denken wird zur Störung.
Bonuspunkt für die Moderne: Selbst Frauen können inzwischen «alte weisse Männer» sein. Logik ist flexibel geworden. Hauptsache, das Etikett sitzt.
3) Whataboutism: Ablenkung, bis niemand mehr weiss, worum es ging
Du sagst: «In Europa ist Meinungsfreiheit in Gefahr.»
Antwort: «Ja, aber in den USA ist es auch nicht besser!»
Mag sein. Und? Das ändert exakt nichts an der Ausgangsaussage. Das ist wie zu sagen: «Dein Haus brennt.»
«Ja, aber das vom Nachbarn hat auch einen Kabelbrand!»
Glückwunsch. Zwei brennende Häuser. Die Feuerwehr wird begeistert sein.
Whataboutism ist kein Argument. Es ist ein Themenwechsel mit moralischem Anstrich, damit man sich nicht schmutzig fühlen muss, während man ausweicht.
4) Reductio ad Hitlerum: Der Hitler-Joker, wenn Differenzierung nervt
Das ist die rhetorische Atombombe. Sobald jemand eine Position ausdrückt, die man nicht mag, wird sie historisch kontaminiert:
«Familie ist Mann, Frau, Kind» wird plötzlich «rechtsradikal», weil irgendwo irgendwann irgendwer ähnliches gesagt hat.
Das Prinzip ist perfide: Man ersetzt das Prüfen von Inhalten durch Assoziationsmagie. Wer’s wagt, bestimmte Sätze auszusprechen, wird nicht geprüft, sondern verurteilt. Das spart Zeit. Und Zeit ist heutzutage bekanntlich wichtiger als Wahrheit.
5) Falsches Dilemma: Entweder du bist für alles oder du bist gegen die Menschheit
«Entweder wir besiegen Putin oder die Welt geht unter.»
«Entweder du genderst hemmungslos oder du bist homophob/transphob/irgendwas-phob.»
Schwarz oder weiss. Gut oder böse. Team A oder Team Untergang. Differenzierung ist Verrat, Nuance ist Feigheit und Nachdenken ist schon fast Kollaboration. Wer Grautöne will, wird behandelt, als hätte er Blut an den Händen.
6) Wiederholung als Wahrheit: Bis zum Erbrechen plausibel
Das ist der Wahrheitseffekt: Je öfter man etwas hört, desto «stimmiger» wirkt es. Nicht, weil es richtig ist, sondern weil das Gehirn sagt: «Wenn’s dauernd kommt, wird’s wohl stimmen.» Praktisch, oder?
So entstehen «Realitäten», die nie bewiesen wurden, aber ständig zirkulieren. Und wenn dann später herauskommt, dass etwas doch anders war, ist es kein Skandal mehr, sondern nur ein leises «Ah, interessant». Die Empörung hat längst ein neues Thema.
7) Zersetzung: Nicht widerlegen, sondern ruinieren
Wenn Argumente nicht reichen, wird der Mensch beschädigt: Rufmord, Ausschluss, Kündigungsdrohungen, Bankkonto-Probleme, Deplatforming. Das ist keine Debatte mehr, das ist soziale Kriegsführung mit sauberem Anzug.
Das Ziel ist nicht, dass du falsch liegst. Das Ziel ist, dass du verstummst. Und dass alle anderen zusehen und lernen:
«Bestrafe einen, erziehe hundert.»
Astroturfing & soziale Kontrolle: Die künstliche Mehrheit
Künstlicher Rasen, künstliche Empörung, künstliche «Zivilgesellschaft», die aussieht wie Volkswille, aber oft nur eine gut vernetzte Mini-Struktur mit grossem Megafon ist. Es erzeugt den Eindruck: «Alle denken so.» Und weil Menschen Ausgrenzung fürchten, schliessen sie sich lieber an, als Fragen zu stellen.
Dazu kommt Kontaktschuld: Wenn du mit dem «Falschen» sprichst, bist du selbst falsch. Inhalt egal, Kontext egal, Argumente egal. Nähe ist Schuld. Das ist nicht Aufklärung, das ist Hygiene-Ideologie fürs Denken.
Wer bleibt widerstandsfähig?
Menschen, die totalitäre Muster schon einmal gerochen haben. Menschen mit Bodenhaftung. Menschen, die gelernt haben, Kritik auszuhalten, ohne daran zu zerbrechen. Und ja: Menschen, die nicht bei 99 Lobeshymnen am einen «Du Trottel» mental implodieren.
Die anfälligsten sind nicht die Dummen. Es sind oft die Angepassten. Die Perfektionisten. Die Zugehörigkeitsabhängigen. Die, die lieber ein grünes Häkchen bekommen als eine unbequeme Wahrheit auszusprechen.
Und genau darum ist das Tabu so stabil: Es lebt davon, dass die Normalen gutmütig schweigen. Dass sie denken: «Betrifft mich nicht.» Bis es sie betrifft.
Der Ausweg ist unerquicklich und langweilig, darum wird er selten gewählt: Aufstehen, präzisieren, wiederholen, widersprechen, ruhig bleiben, nicht etikettieren lassen, nicht ablenken lassen, nicht in falsche Dichotomien ziehen lassen. Und vor allem: Die Wahrheitsfrage nicht outsourcen.
«Verschwörungstheorie» ist kein Argument. Es ist ein Stoppschild. Das einzige echte Kriterium bleibt: Stimmt es?
Das ist anstrengend. Aber wenn Denken leicht wäre, hätten wir dieses Problem nicht.

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








