Raphael Bonelli spricht mit Peter Hahne über ein neues Buch. Titel: «Warum macht ihr uns kaputt?» Untertitel: «Wie wir unsere Zukunft verspielen.» Und schon ist es wieder passiert: Bestseller in der ersten Woche. Natürlich. In einer Zeit, in der man kaum noch einen kaputten Toaster reparieren kann, aber problemlos eine ganze Gesellschaft ideologisch zerlegt, verkauft sich ein Buch über Verfall wie warme Semmeln. Die Apokalypse als Hardcover. Herrlich.
Der Einstieg ist gewohnt heiter: gegenseitige Gratulationen, Bestsellerlisten-Fetisch, medialer Triumph, der so demütig vorgetragen wird, dass man fast den Heiligenschein quietschen hört. «Bescheiden bleiben», sagt man, während man gerade Platz 6 erklimmt und dem ZDF beweist, dass man noch lebt. Das ist ungefähr so, als würde ein Boxer nach dem K.O. flüstern: «Ich hau eigentlich gar nicht gern zu.» Aber hinter dem Humor liegt das eigentliche Thema: Macht. Und was Macht mit Moral macht, wenn sie merkt, dass sie ohne Konsequenzen bleibt.
Hahne beschreibt eine Welt, in der Politik sich «wie ein Selbstbedienungsladen» einrichtet. Neue Steuern, neue Abgaben, neue moralische Kampagnen, während sich oben eine Parallelgesellschaft formt: Sicherheitskonferenz hier, Davos dort, ein kleines Elite-Picknick auf dem Rücken jener, die unten Schlange stehen. Nicht vor der Wahrheit, sondern vor dem Zahnarzt, weil man Angst hat, als Nächstes wird Gesundheit zur Luxusleistung.
Und dann diese groteske Verdrehung, dieses ständige Moral-Theater: Man nennt Massenschulden «Sondervermögen», Überwachung «Schutz», Zensur «Verantwortung», Krieg «Friedenssicherung». Das ist keine Kommunikation mehr, das ist Etikettenschwindel im Grossformat. Und der Witz: Es funktioniert, weil die Menschen gelernt haben, dass Sprache biegsam ist, solange sie von oben kommt.
Bonelli bringt den psychologischen Unterbau ins Spiel: Nicht nur Libido, auch Thanatos, der Todestrieb. Die Lust am Zerstören, am Niederreissen, am Sabotieren der eigenen Grundlagen. Und ja: Wenn man sich manche politische Entscheidungen ansieht, wirkt das nicht wie ein Irrtum, sondern wie Absicht mit Ansage.
Hahne liefert sein Lieblingsbeispiel: Ein funktionierendes Kernkraftwerk wird gesprengt und drei Tage später wird gefordert, man benötige dringend Atomkraft. Das ist nicht «Fehler», das ist Verfall als Strategie. Erst kaputtmachen, dann Angst erzeugen, dann als Retter auftreten. Das ist nicht neu. Das ist nur inzwischen so dreist, dass man es kaum noch als Trick bezeichnen kann. Es ist eher ein Ritual.
Und während die Gesellschaft in moralische Grabenkämpfe gejagt wird, tauchen die echten Abgründe in regelmässigen Abständen als Schlagzeilen auf: Epstein, Missbrauchsskandale, Netzwerke, Vertuschung. Der Punkt ist nicht, dass es «böse Menschen» gibt. Der Punkt ist: Das System schützt sie. Und die öffentliche Moral spielt mit, solange sie die richtigen Feindbilder hat und die falschen Namen meidet.
Hier wird Moral zur Waffe: «Gut» ist, was dem Zeitgeist dient. «Böse» ist, was stört. Und irgendwann ist man so weit, dass man nicht mehr fragt: Ist das wahr? Sondern nur noch: Ist das erlaubt zu sagen?
Hahne trifft dabei einen Nerv, den Kirchen und Institutionen längst verloren haben: Menschen wollen keine weichgespülte Anpassung an die nächste Parole. Sie wollen Klartext. Nicht, weil sie «radikal» sind, sondern weil sie merken, dass sie betrogen werden. Und zwar nicht nur finanziell, sondern moralisch: Man verkauft ihnen Tugend und liefert Kontrolle.
Die Hoffnung, sagen beide, liegt in Gemeinschaft, in Wahrheit, in Widerstand, im Dienst. Schön. Aber die eigentliche Hoffnung wäre vielleicht erst mal, dass wir wieder merken, wie tief wir schon im Sumpf stehen. Denn Verfall beginnt nicht mit Armut, sondern mit Lüge als Normalzustand.
Wenn Moral zur Dekoration wird und Macht ihre eigenen Regeln schreibt, entsteht kein «Zeitalter der Krisen». Es entsteht etwas viel Hässlicheres: Ein System, das den Zerfall verwaltet, während es den Leuten einredet, sie müssten nur «mitziehen» und «vertrauen».
Und dann, irgendwann, fragt jemand: «Warum macht ihr uns kaputt?»
Die bitterste Antwort lautet: Weil ihr es erlaubt…

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








