Man stelle sich vor: Harald Schmidt sitzt mit Monika Gruber in einem Vodcast, und plötzlich passiert etwas, das in Deutschland inzwischen als Naturereignis gilt: Zwei Leute reden frei, pointiert und ohne den üblichen Talkshow-Schutzhelm aus Phrasen, Triggerwarnungen und «Experten»-(Ab)Schaum. Ein Gespräch über Krieg, kollektives Vergessen und den medialen Dauer-Irrsinn. Also quasi alles, was unsere Gegenwart ausmacht, minus der obligatorischen Werbepause für Angst und Empörung.
Schmidt sagt einen Satz, der eigentlich selbstverständlich sein müsste, aber in Deutschland schon als subversive Handlung zählt: Uns fehlt «Opa erzählt vom Krieg». Früher, beim Kaffeetisch, war das keine Folklore. Da war das die Erinnerung daran, dass Krieg nicht aus Strategiepapiersprache besteht, sondern aus «in Russland geblieben», «Bein verloren», «zwei Söhne gefallen». Heute ist diese Generation tot. Übrig ist ein moralisches Vakuum, das wir tapfer mit Gedenktagen, Hashtags und „Nie wieder“-Kerzen füllen. Das Problem: Keiner weiß mehr, wofür genau. Man geht nicht hin, man liest nichts, man fühlt nichts, aber man ist sehr dafür. Das ist die neue deutsche Form von Verantwortung: Emotional entkoppelt, aber rhetorisch maximal aufgeladen.
Und dann kommt der Part, in dem Deutschland sich selbst beim Denken zuschaut. «Nie wieder», fragt Gruber sinngemäss, was heisst das eigentlich noch, wenn wieder «kriegstauglich» das Zauberwort ist? Schmidts Antwort ist eiskalt und darum so passend: «Das ist solch eine Floskel.» Europa habe geopolitisch eine Zuschauerrolle. Man unterschreibt mit auf Fotos, während andere entscheiden. Der Rest darf lächeln. Nach 14 Tagen wird wieder bombardiert und wir diskutieren derweil über «Stadtbild», weil der Kanzler ein Wort gesagt hat, das sich perfekt als Wochenend-Aufreger eignet. Nichts brennt so zuverlässig wie ein Nebensatz.
Dann die Bundeswehr: In Talkshows sitzen Menschen, die «wir brauchen dies und das» sagen, als würde man bei Amazon eine Bestellung aufgeben. Und dann sitzt da einer vom Bundeswehrverband, hört sich das an und zählt trocken auf: Keine Kasernen, keine Ausbilder, keine Waffen, keine Leute, keine Munition. Der Stand der Dinge. Aber keine Sorge: Es gibt ein neues Zauberwort. Mindset. Das ist wie Logistik, nur ohne Material. Eine Art psychologisches Ersatzteil, das man angeblich per Kampagne nachbestellen kann. «Wir brauchen das Mindset», sagen Leute, die beim Anblick eines falsch abgestellten E-Rollers bereits nach einem Ausschuss rufen.
Was das Gespräch so angenehm macht: Schmidt und Gruber haben die seltene Gabe, den Irrsinn nicht zu leugnen, sondern ihm die Würde zu verweigern. Gruber bewundert Schmidts Grundoptimismus, Schmidt antwortet mit dem einzigen erwachsenen Werkzeugkasten: «Kann ich was beeinflussen oder nicht?» Der Rest wird kommentiert, nicht konsumiert. In Zeiten, in denen sich Millionen freiwillig im Empörungs-Abo befinden, ist das fast schon eine Selbsthilfegruppe.
Natürlich kommt Donald Trump vor. Schmidt nennt ihn einen grossartigen Unterhalter, und das ist eine Beobachtung, keine Wahlwerbung. Trump ist Bühnenmensch, er improvisiert, er dominiert Räume, er produziert Sätze, die deutsche Politiker höchstens im Albtraum überleben würden. Und das Schönste: Die mediale Erzählung über ihn wechselt schneller als ein Talkshowgast seine Meinung nach der Werbepause. Vor drei Wochen: Faschismus, Abgrund, Rechtsstaat weg. Dann: Frieden in Gaza, plötzlich ist er «ruppig, aber genau so braucht man das». Und irgendwo sitzt ein Redakteur und fragt sich, ob er seine alten Zeitungsausschnitte jetzt heizen soll.
Am Ende landet das Gespräch da, wo Deutschland sich wirklich zuhause fühlt: Im Alltagspanik-Theater. Deutsche Bahn, Bordrestaurant-Plörre, Wagen fehlt, Ticketsystem nur für Studierte. Und doch ist es nicht nur Jammern, sondern ein Spiegel: Wir sind süchtig nach Störungen, weil sie uns das Gefühl geben, wenigstens irgendwo noch recht zu haben. Wenn die Welt brennt, diskutieren wir über Currywurst im Abteil. Das ist nicht Dummheit. Das ist Überlebensstrategie im Land zwischen Grössenwahn und Wehleidigkeit.
Ein intelligentes, witziges Gespräch, das aus Versehen etwas macht, was hier selten geworden ist: Es erinnert daran, dass Realität nicht aus Narrativen besteht, sondern aus Konsequenzen. Und dass «Nie wieder» mehr sein müsste als ein dekoratives Wort im Schaufenster unserer Selbstbeschreibung.

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








