Das grosse Abräumen – oder: Wie man in 18 Monaten eine Weltordnung entsorgt. Eine nüchterne Bestandsaufnahme dessen, was passiert, wenn die mächtigste Nation der Erde beschliesst, Geopolitik wie eine Reality-Show zu führen.
Man muss Trump lassen: Wenn er etwas ruiniert, dann richtig. Keine halben Sachen, keine schüchternen Kompromisse, kein zaghaftes Herumdrucksen. Vollgas, beide Hände am Steuer, Augen zu – und dann direkt in die Leitplanke der Weltgeschichte. Das hat eine gewisse Konsequenz, die man fast bewundern könnte, wenn man nicht gleichzeitig auf die Trümmer schauen müsste. Fangen wir mit dem an, was sich gerade so diskret anbahnt, dass die meisten es erst bemerken werden, wenn es längst vollzogen ist.
Ukraine: Das Ende mit Ansage
Die NATO kann die Ukraine nicht ewig versorgen. Das war immer die stille Wahrheit hinter den lautstarken Solidaritätsbekundungen – eine Wahrheit, die man in Brüssel, Berlin und Washington lieber mit Fahnenfarben übertünchte als offen aussprach. Jetzt, da die Munitionslager erschöpft sind und der politische Wille in den Mitgliedsstaaten mit jedem Monat weiter erodiert, nähert sich der Moment, in dem Kiew schlicht nicht mehr die Wahl haben wird. Ende des Krieges. Russische Bedingungen. Alles bis Odessa.
Man stelle sich kurz vor, wie das in den Geschichtsbüchern stehen wird: Die freie Welt verteidigte die Ukraine mit grosser Entschlossenheit – bis es unbequem wurde. Dann folgt eine Fussnote über territoriale Konzessionen, die man etwas beschönigend als Verhandlungsergebnis bezeichnen wird. Das Territorium ist weg. Der Präzedenzfall ist gesetzt. Und Russland weiss jetzt mit zertifizierter Gewissheit, dass man nur lange genug warten muss, bis der Westen das Interesse verliert. Wertvolle Erkenntnis. Kostenlos geliefert.
Iran: Der Krieg, der nichts löste — und alles veränderte
Im Nahen Osten läuft es nicht besser, nur lauter. Die USA und Israel haben den Iran angegriffen. Iran hat überlebt. Das ist das Problem mit Ländern, die 85 Millionen Einwohner, jahrzehntelange Sanktionserfahrung und eine Leidensfähigkeit haben, die jeden aussenpolitischen Zeitplan sprengt.
Was jetzt? Der Rückzug. Still, würdevoll verpackt in strategische Neuausrichtung und Prioritätensetzung – aber Rückzug. Das entstandene Machtvakuum füllen dann jene zwei Mächte, die geduldig gewartet haben, bis Amerika fertig ist mit dem Drohen: China und Russland.
Der Nahe Osten – mit seinen Energieressourcen, seinen Handelsrouten, seiner geopolitischen Zentrallage – gehört damit zum erweiterten Einflussbereich von Peking und Moskau. Nicht durch Eroberung. Durch amerikanische Erschöpfung. Man zahlt für dieses Ergebnis gerade Milliarden, verliert Menschenleben und verbrennt diplomatisches Kapital, das Generationen aufgebaut haben. Die Rechnung kommt später – und sie wird hoch sein.
Indo-Pazifik: Der leere Schrank
Und dann der dritte Akt – der ruhigste, der gefährlichste. Die amerikanischen Waffenlager im Indo-Pazifik sind nicht ausreichend gefüllt, um China noch ernsthaft abzuschrecken. Das ist kein Geheimnis – es ist eine militärische Tatsache, die in Washington seit Jahren bekannt ist und seit Jahren nicht behoben wurde. Jetzt, nachdem Europa und der Nahe Osten die Bestände weiter abgebaut haben, beginnt die stille Rechnung aufzugehen.
Die USA ziehen sich auf verteidigungsfähigere Positionen zurück. In der Sprache der Strategen klingt das nach Vernunft. In der Sprache der Verbündeten klingt es nach Verlassenwerden. Taiwan, Japan, die Philippinen – sie alle beobachten diese Bewegung und ziehen ihre eigenen Schlüsse. China zieht sie auch.
18 bis 24 Monate
So lautet die Prognose. Nicht Jahrzehnte. Nicht Generationen. Anderthalb bis zwei Jahre, um eine Weltordnung zu demontieren, die sieben Jahrzehnte gebraucht hat, um zu entstehen. Das ist die eigentliche Leistung. Nicht der Krieg im Iran, nicht die Aufgabe der Ukraine, nicht der Rückzug aus dem Pazifik – jedes dieser Ereignisse für sich wäre schmerzhaft, aber verkraftbar. Es ist die Gleichzeitigkeit. Die systematische Erschöpfung aller Fronten auf einmal, ohne Plan, ohne Priorisierung, ohne erkennbare Strategie ausser der nächsten Pressekonferenz.
Trump hat das hinbekommen, was Amerikas Gegner jahrzehntelang versucht haben: Die globale Führungsrolle der USA infrage zu stellen – von innen, ohne einen einzigen feindlichen Soldaten auf amerikanischem Boden. Man muss das anerkennen. Es ist eine Art Leistung. Nur leider die falsche.
Geschichte wird das korrigieren, sagen die Optimisten. Geschichte hat kein Korrektorat. Sie schreibt einfach weiter.
Trump wollte America First. Er bekam China First. Russland Second. Amerika irgendwo weit hinten…







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