Manche reden darüber, als käme es serienmässig mit der Nabelschnur. Gleich nach dem Herzschlag, kurz vor dem ersten Schrei. Dabei eine einfache Frage: Haben Sie jemals einen hassenden Säugling gesehen? Nicht wütend. Nicht schreiend. Sondern wirklich hassend. Mit ideologischer Zielsetzung und Vernichtungsfantasie? Eben.
Babys schreien. Laut. Unnachgiebig. Mit einer Inbrunst, die ganze Flugzeugkabinen in existenzielle Krisen stürzen kann. Aber das ist kein Hass. Das ist nacktes Überleben. Aufmerksamkeit oder Untergang. Kühlschrank und Lichtschalter sind leider noch ausser Reichweite. Tragisch, aber biologisch sinnvoll.
Hass ist kein Naturtrieb. Hass ist eine kulturelle Fehlleistung. Eine Umdeutung. Eine Perversion. So wie Krieg keine heldenhafte Notwendigkeit ist, sondern eine groteske Umfunktionierung menschlicher Energie. Die Kraft, die ein Säugling braucht, um zu schreien, wird irgendwann umgedeutet in: «Du bist gefährlich. Du bist zu viel. Du zerstörst mich.»
Wenn Eltern zu einem Kind sagen: «Wenn du so weitermachst, bringst du mich noch ins Grab», dann ist das kein pädagogischer Grenzrahmen. Das ist Hass. Elegant verpackt, moralisch aufgeladen, emotional tödlich. Der Säugling versteht das nicht rational, aber emotional sehr wohl. Er lernt: Mein Bedürfnis ist tödlich. Meine Existenz ist schädlich.
In der Psychoanalyse nennt man die ursprüngliche Kraft des Kindes «konstruktive Aggression im Dienste des Ichs». Klingt sperrig, ist aber simpel: Ich schreie, also lebe ich. Diese Energie ist weder böse noch destruktiv. Sie wird es erst, wenn Erwachsene ihre Überforderung nicht aushalten und sie dem Kind zurückwerfen.
Und ja, Eltern dürfen genervt sein. Erschöpft. Am Rand. Aber dafür ist nicht das Kind verantwortlich. Erwachsene sind verantwortlich für ihre Grenzen. Früher halfen Gemeinschaften. Grossfamilien. Heute hilft oft nur Durchhalten, Schuldgefühle und der leise Hass auf das eigene Leben.
Ein Dreijähriger ist kein Monster. Auch wenn man ihn so nennt. Die Mutter des norwegischen Massenmörders Anders Breivik bezeichnete ihn rückblickend als Monster. Ein Kind wird nicht als Monster geboren. Es wird so gespiegelt. Und irgendwann glaubt es das. Das ist kein Freispruch für spätere Taten. Aber es ist eine Einladung, über Ursachen nachzudenken, statt sich moralisch zu erhöhen.
Hass ist fast immer umgeleiteter Selbsthass. Wer sich selbst nicht erträgt, sucht ein Ziel. Einen Sündenbock. Praktisch, wenn viele denselben finden. Dann nennt man es Bewegung, Haltung oder «klare Kante».
Dem Hass geht die Luft aus, wenn niemand zum Opfer gemacht wird. Wenn Unterschiedlichkeit nicht als Bedrohung gilt, sondern als Reibung. Ja, Reibung. Lustvolle, anstrengende, nervige Reibung. Die Art von Reibung, die Wachstum erzeugt, nicht Vernichtung.
Wer dem Hass den Krieg erklärt, landet zuverlässig in seinem Dienst. Denn nichts legitimiert Hass besser als der feste Glaube, auf der richtigen Seite zu stehen.
Vielleicht wäre es an der Zeit, Hass nicht länger zu bekämpfen, sondern ihn arbeitslos zu machen. Indem jeder Verantwortung für sich übernimmt. Klingt simpel. Ist es nicht. Aber alles andere kennen wir schon…

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








