Es gibt sie noch, diese Abende, an denen zwei Entertainer zusammensitzen und das Land sezieren, als wäre es ein leicht angeschimmeltes Stück Käse: Vorsichtig, aber ohne falsche Höflichkeit. Harald Schmidt trifft Monika Gruber – und plötzlich geht es nicht mehr um Pointen, sondern um Gedächtnislücken. Grosse, historische Gedächtnislücken. Schmidt sagt einen Satz, der hängen bleibt: Uns fehlt «Opa erzählt vom Krieg». Früher sass bei jedem Kaffeekränzchen mindestens ein amputiertes Bein mit am Tisch. Russland geblieben. Zwei Söhne gefallen. Brücke weg. Stadt weg. Illusion weg. Heute? Die Generation ist tot – und mit ihr das Geräusch einstürzender Häuser im kollektiven Ohr.
Wir rufen «Nie wieder», als wäre es ein Rabattcode. Keiner weiss mehr genau, wofür. Hauptsache moralisch korrekt empört. Gleichzeitig reden wir über «Verteidigungsbereitschaft» und «Mindset», als wäre Krieg ein Coaching-Seminar. Das Problem: Laut Bundeswehrverband fehlen Kasernen, Ausbilder, Waffen, Munition – und Menschen. Europa? Zuschauer mit Premium-Abo. Zwei unterschreiben, der Rest darf aufs Foto. Vierzehn Tage später brennt es wieder irgendwo. Neue Krise, neues Panel, neue Experten. Vor drei Wochen war Trump der Untergang des Rechtsstaats, dann plötzlich Friedensstifter. Die gleiche Zeitung, andere Schlagzeile. Wer noch Zeitungsausschnitte sammelt, benötigt bald ein eigenes Archiv für Meinungsumschwünge.
Schmidt betrachtet das mit chirurgischer Gelassenheit. Kann ich es beeinflussen? Nein? Dann spare ich mir den Blutdruck. Gruber hingegen regt sich noch auf – was in diesem Land fast schon als patriotische Pflicht gilt. Wir sind schliesslich Weltmeister im Dauerempörtsein. Der Kanzler sagt «Stadtbild» – und die Republik diskutiert Fassaden, während anderswo Raketen fliegen. Deutschland, dieses Land zwischen Grössenwahn und Wehleidigkeit. Wir retten selbstverständlich das Weltklima im Alleingang, während wir gleichzeitig beleidigt in der Ecke stehen, weil der Rest der Welt uns nicht genug bewundert. Jammern als Nationalsport, moralische Selbstüberhöhung als Mannschaftsdisziplin.
Währenddessen diskutieren wir über das Mindset für den Ernstfall. Welches Mindset genau? Das, mit dem wir uns am Automaten ein Ticket erkämpfen? Das, mit dem wir empört twittern, aber bitte nicht persönlich betroffen sein wollen? Wir sind Weltmeister im Kommentieren. Handeln überlassen wir anderen. Schmidt bewundert an Trump nicht die Politik, sondern die Show. Und das ist vielleicht die ehrlichste Analyse des Ganzen. Politik als Entertainment. Empörung als Quote. Talkshows als Ersatzhandlung. Wenn der Wahlsieger nicht ins Drehbuch passt, wird eben das Drehbuch umgeschrieben.
Das eigentliche Thema bleibt: Wir haben vergessen, wie sich Zerstörung anfühlt. Wir kennen sie nur noch als Livestream. Brücken im Wasser sind für uns Bildband-Ästhetik, nicht Alltag. Vielleicht ist das gut. Vielleicht ist es gefährlich. Vielleicht ist es einfach bequem. Am Ende sitzt man im Grossraumabteil dieses Landes, während draussen die Weltpolitik vorbeizieht wie eine schlecht koordinierte Fahrplananzeige. Manche regen sich auf, manche beobachten, manche machen Witze. Und vielleicht ist genau das unsere Überlebensstrategie: Zynismus als Selbstschutz, Ironie als Restwürde…

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








