Was ist los mit Grönland? Offenbar sehr viel. So viel sogar, dass ein US-Präsident im Jahr 2026 glaubt, man könne einem verbündeten NATO-Land ganz entspannt mit Krieg drohen, ohne dass jemand ernsthaft nach der Fernbedienung greift. Donald Trump hat es geschafft, Geschichte zu schreiben: Als erster Präsident seit dem Zweiten Weltkrieg, der einem Verbündeten erklärt, dessen Territorium gehöre aus Sicherheitsgründen eigentlich jemand anderem. Begründung: Grönland sei entscheidend für die Sicherheit der westlichen Hemisphäre und gemäss der frisch entstaubten Monroe-Doktrin seien die USA dafür zuständig. Logik war noch nie eine amerikanische Kernkompetenz, aber das hier ist selbst für geübte Massstäbe bemerkenswert.
Denn was erhöht die internationale Sicherheit mehr, als ein offener Konflikt zwischen zwei NATO-Partnern? Richtig. Nichts. Wer Frieden will, muss zuerst drohen. Das hat schon immer hervorragend funktioniert. Besonders dann, wenn es um ein autonomes Gebiet geht, das zufällig auf riesigen Rohstoffvorkommen sitzt und dank schmelzendem Eis bald als Autobahn des Welthandels dienen könnte.
Offiziell kursieren drei Gründe für Trumps plötzliche Liebe zu Grönland. Erstens: Militär. Der geplante Raketenabwehrschild «Iron Dome», ein Projekt mit einem Preisschild von mindestens einer halben Billion Dollar, benötigt Platz, Kälte und eine strategische Lage. Zweitens: Neue Schifffahrtsrouten. Das Eis schmilzt, der Profit fliesst. Drittens: Rohstoffe. Öl, Gas, Metalle, seltene Erden. Alles, was eine technologische Zivilisation braucht, um sich selbst zu optimieren und gleichzeitig zu zerstören.
Das klingt schon gierig genug, beantwortet aber nicht die eigentliche Frage: Warum jetzt? Warum dieses Tempo? Warum die Bereitschaft, notfalls militärisch nachzuhelfen? Die Antwort liegt tiefer. Kälter. Und sie riecht nicht nach Diesel oder Schiesspulver, sondern nach Serverräumen.
Seit 2019 investieren US-Techmilliardäre auffällig gezielt in Unternehmen mit Fokus Grönland. Bill Gates, Jeff Bezos, Michael Bloomberg – allesamt beteiligt an Cobalt Metals, einem Silicon-Valley-Startup, das Geowissenschaften mit KI kombiniert, um Rohstoffe selbst unter extremen Bedingungen auszubeuten. Ewiges Eis als Businessmodell. Nachhaltig ist hier höchstens der Profit.
Trump wusste davon schon in seiner ersten Amtszeit. Als die Pläne 2019 öffentlich wurden, twitterte er ein Bild mit einem Trump Tower auf Grönland und versprach gönnerhaft, er werde «Grönland das nicht antun». Humor hatte er schon immer. Heute klingt dieses Versprechen wie ein schlecht gealterter Werbeslogan.
Inzwischen mischen noch andere mit. Sam Altman, CEO von OpenAI, investiert nicht nur in Cobalt Metals, sondern auch in Unternehmen wie Greenland Waterbank und die Greenland Investment Group. Dazu gesellt sich Ronald Lauder, milliardenschwerer Kosmetikerbe und politisch bestens vernetzt. Und dann wäre da noch Peter Thiel, Palantir-Mitgründer, Förderer des US-Vizepräsidenten und Mitinitiator eines Projekts namens «Praxis Nation».
Hier wird es interessant. Praxis Nation plant in Grönland eine sogenannte Hightech Freedom City. Freiheit, neu definiert: Keine Regierung, keine Behörden, keine Steuern, keine demokratische Kontrolle. Stattdessen eine technokratische Monarchie, geführt von CEOs, geregelt durch Code. Alles digital. Alles effizient. Alles alternativlos.
Ursprünglich sollte dieses Modell irgendwo im Mittelmeerraum entstehen. Im November 2024 wurden diese Pläne verworfen. Zu viele Menschen. Zu viel Öffentlichkeit. Zu viel Widerstand. Grönland dagegen ist kalt, abgelegen und weit weg von lästigen Demonstranten. Perfekt.
Die Zahlen sprechen für sich. Innerhalb eines Jahres explodierte Praxis Nation von 2000 digital registrierten «Bürgern» mit einem Unternehmenswert von 450 Milliarden Dollar auf 151’000 Bürger und 1,1 Billionen Dollar. Das ist kein Startup mehr. Das ist eine Parallelwelt.
Warum diese Eile? Weil die Tech-Elite unter Druck steht. KI bedroht Millionen Jobs. Soziale Unruhen sind keine dystopische Fantasie mehr, sondern eine mathematische Folge. Die USA taumeln politisch, Kriege verlaufen nicht nach Plan und selbst Interventionen in rohstoffreichen Ländern bringen nicht mehr die gewünschte Ruhe. Die Angst wächst. Nicht vor moralischer Kritik, sondern vor echter Gegenwehr.
Was also tun? Man zieht sich zurück. In die Kälte. Baut riesige Datenzentren, geschützt durch Eis, Distanz und militärische Infrastruktur. Orte, die niemand stürmen kann, weil niemand hinkommt. Von dort aus lässt sich die Welt wunderbar steuern. Beobachten. Regulieren. Optimieren.
Wir leben längst in einer Welt, die von wenigen Tech- und Finanzkonzernen geprägt wird. Der Unterschied zu früher ist nur: Sie brauchen den Staat nicht mehr. Faschismus war die Verschmelzung von Staat und Konzern. Heute erleben wir etwas Neues. Postfaschismus. Konzerne, die souverän genug sind, um den Staat nur noch als Werkzeug zu benutzen.
Dass Trump dabei als politische Speerspitze dient, spricht weniger für seine Genialität als für die Nervosität jener, die ihn benutzen. Grönland ist kein Sicherheitsproblem. Es ist ein Fluchtpunkt. Ein Rückzugsort für eine Elite, die weiss, dass ihre digitale Utopie auf immer mehr Widerstand stösst. Und die sich deshalb ein neues Zentrum baut. Kalt. Abgelegen. Und erschreckend real.

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








