Mach Dir keine Sorgen um nichts. Nichts auf der Welt geschieht ohne Grund.
Man stelle sich das vor: Ein Mann lebt in einer Hütte auf dem Dach eines Hochhauses. Nicht aus Armut, nicht aus Esoterik, sondern aus Prinzip. Eine Insel im Betonmeer, Tauben als Mitbewohner, Stille als Luxus. Während unten der urbane Lärm rotiert wie ein kaputtes Hamsterrad, kultiviert dieser Mann das Alleinsein so konsequent, dass ihn die Welt schlicht übersieht. Phantomstatus erreicht. Name: Ghost Dog. Beruf: Auftragskiller. Ethos: Samurai. Schon hier merkt man, dass Jim Jarmusch keinerlei Interesse an Realismusseminaren oder moralischen Erklärbär-Runden hatte. Zum Glück.
Forest Whitaker spielt Ghost Dog nicht, er verkörpert ihn. Ein massiver Körper, der sich bewegt, als hätte er mit der Schwerkraft ein separates Abkommen geschlossen. Wenn er mit dem japanischen Schwert trainiert, wirkt er leichter als der Zeitgeist, den dieser Film seziert. Whitaker ist Präsenz ohne Eitelkeit, Kraft ohne Geschrei. In einer Filmwelt, die sonst permanent um Aufmerksamkeit bettelt, ist das beinahe subversiv.
Nichts zählt so sehr wie der gegenwärtige Augenblick. Das Leben eines Menschen besteht aus einer Abfolge von Augenblicken. Verstehht man den gegenwärtigen Augenblick vollkommen, gibt es nichts anderes zu tun und nichts anderes zu erstreben.
Ghost Dog lebt nach dem Hagakure, dem Kodex der Samurai. In einer Zeit, in der Werte vorzugsweise als PowerPoint-Folien existieren, ist das ein Affront. Sein Herr ist Louie, ein alter Mafioso, Verlierer im Ruhestand, moralisch bankrott. Treue zu so jemandem ist irrational, unzeitgemäss und gerade deshalb radikal. Jarmusch erzählt hier keinen Killerfilm, sondern eine Parabel über Loyalität in einer Welt, die Loyalität nur noch als Marketingbegriff kennt.
Nachts gleitet Ghost Dog durch die Stadt, in gestohlenen Limousinen, begleitet von RZAs Soundtrack, der nicht untermalt, sondern pulsiert. Das ist kein Hip-Hop zur Dekoration, das ist Herzschlag. Ritual statt Raserei. Jeder Handgriff sitzt. Töten ist hier kein Action-Feuerwerk, sondern eine ernste, traurige Notwendigkeit. Paradox, ja. Aber wahr.
Die Mafia, gegen die Ghost Dog antritt, ist ein Museum des Verfalls. Alte Italo-Gangster, geistig bereits im Cartoon-Fernsehen beerdigt, Zombies mit Pistolen. Henry Silva als Boss Vargo wirkt, als habe der Tod ihn längst reserviert. Dieser Krieg ist kein Duell, sondern ein Auslaufen zweier Spezies. Ghost Dog weiss das. Er benennt es. Und er akzeptiert es.
Nach den Worten der Ahnen soll man seine Entscheidungen innerhalb von sieben Atemzügen treffen. Wichtig dabei ist, dass man die innere Entschlossenheit und die Stärke dabei besitzt, zur anderen Seite durchzubrechen.
Elektronik nutzt Ghost Dog nur funktional. Wirklicher Kontakt läuft über Brieftauben. Während die Welt permanent kommuniziert und nichts sagt, verschickt dieser Mann Botschaften mit Flügeln. Seine Freunde sind Aussenseiter: Ein Mädchen mit Büchern statt TikTok, ein Franzose ohne gemeinsame Sprache, aber mit Verständnis. Kommunikation ohne Algorithmus.
Jarmusch mischt schwarzen Humor, Groteske und bittere Wahrheit. Eine Szene, in der politische Korrektheit im Sterben noch verspottet wird, sitzt wie ein kalter Schlag ins Gesicht der Wohlfühlmoral. Und am Ende bleiben zwei Mädchen zurück, ein ausgeschalteter Fernseher und ein weitergegebenes Buch. Der Kodex lebt weiter.
Ghost Dog ist kein Film für Eilige. Er ist ein Totentanz für eine konsumkranke Welt. Manchmal zu reflektiert, ja. Aber wie ein guter Rap lebt er von Wiederholung, Rhythmus und Haltung. Ein Film mit Würde. Und davon gibt es viel zu wenige.
Das Ende ist wichtig in allen Dingen.

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








