Geschichte ist etwas Wunderbares. Sie existiert in Büchern, Museen und langweiligen Schulstunden, in denen gelangweilte Schüler lernen, dass früher Dinge passiert sind, die man heute angeblich nicht mehr wiederholen würde. Eine schöne Theorie. Eine beruhigende. Eine, die sich hervorragend in Reden eignet. In der Praxis allerdings wirkt Europa derzeit wie ein Patient mit selektiver Amnesie. Erinnerungen werden nicht gelöscht. Sie werden archiviert. Sauber abgelegt. Und dann konsequent ignoriert. Denn Geschichte ist nichts anderes als Politik, die lange genug vergangen ist, um ihre Verantwortlichen aus der Haftung zu entlassen.
Rom wusste das bereits. Rom war das erste grosse Experiment in europäischer Selbstüberschätzung. Legionen, Infrastruktur, Fussbodenheizung. Alles da. Alles funktionierte. Und genau deshalb begann der Verfall. Nicht durch äussere Feinde, sondern durch innere Müdigkeit. Rom wurde satt. Bequem. Selbstsicher. Es entwickelte das, was man heute politisches Selbstvertrauen nennt und was früher einfach Arroganz hiess. Während die Elite beim Wein lag und über Verwaltungsreformen diskutierte, klopfte die Realität an die Tür. Nicht aggressiv. Nicht dramatisch. Nur konsequent.
Rom fiel nicht, weil es schwach war. Rom fiel, weil es glaubte, unersetzlich zu sein. Europa hat diese Lektion sorgfältig dokumentiert. Und anschliessend beschlossen, sie nicht anzuwenden. Nach Rom kam das nächste grosse Experiment. Karl der Grosse, der erste grosse Copy-Paste-Imperator Europas. Er nahm die Idee eines Imperiums, änderte das Branding und erklärte das Problem für gelöst. Es war eine beeindruckende Demonstration politischer Kreativität: Wenn etwas scheitert, nennt man es einfach anders. Es funktionierte ungefähr so lange, wie man erwarten konnte.
Dann kam die Aufklärung. Ein tragischer Moment, in dem Menschen begannen, Fragen zu stellen. Fragen führten zu Konflikten. Konflikte führten zu Kriegen. Dreissig Jahre Krieg, um genau zu sein. Europa demonstrierte eindrucksvoll seine Fähigkeit, sich selbst zu zerstören, während es gleichzeitig überzeugt war, im Recht zu sein. Am Ende stand ein Frieden, der vorwiegend eines garantierte, dass beim nächsten Mal alles genauso chaotisch werden würde. Doch Europa lernte nichts. Es professionalisierte lediglich seine Fehler.
Die Habsburger perfektionierten die Kunst, Macht innerhalb einer Familie zu konzentrieren, bis selbst die Genetik begann, Protest einzulegen. Bismarck perfektionierte die Kunst, Konflikte zu orchestrieren, um nationale Einheit zu erzeugen. Das Ergebnis war ein Kontinent, der politisch geeint, aber emotional auf Sprengstoff gebaut war. Dann kam das 20. Jahrhundert. Zwei Weltkriege. Millionen Tote. Unermessliche Zerstörung. Eine Lektion, die so brutal war, dass sie unmöglich zu ignorieren schien. Europa reagierte darauf mit einer radikalen Strategie: Ablenkung.
Fernsehen. Konsum. Unterhaltung. Fussball. Der Kontinent entwickelte eine bemerkenswerte Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen. Geschichte wurde zu einem Ereignis, nicht zu einer Warnung. Und heute? Heute lebt Europa in einem Zustand permanenter moralischer Selbstvergewisserung. Man ist tolerant. Offen. Progressiv. Man diskutiert leidenschaftlich über Sprache, Symbole und Narrative. Man optimiert Begriffe, während Strukturen unangetastet bleiben. Die moderne Politik hat eine faszinierende Eigenschaft entwickelt: Sie reagiert auf Symptome, während sie Ursachen ignoriert.
Probleme werden nicht gelöst. Sie werden verwaltet. Verwaltung ist die höchste Form politischer Aktivität geworden. Ausschüsse werden gegründet. Berichte werden geschrieben. Strategien werden angekündigt. Und währenddessen bewegt sich die Realität weiter. Europa spricht ständig über Verantwortung. Über historische Schuld. Über moralische Verpflichtungen. Doch Verantwortung für die Zukunft ist komplizierter als Verantwortung für die Vergangenheit. Die Vergangenheit ist sicher. Sie kann nicht widersprechen. Die Zukunft schon.
Deshalb konzentriert sich die Politik lieber auf Narrative als auf Konsequenzen. Sie produziert Erklärungen statt Lösungen. Sie verwaltet Wahrnehmung statt Realität. Und die Öffentlichkeit? Sie ist müde. Nicht körperlich. Mental. Emotional. Müde von Krisen, die nie enden. Müde von Entscheidungen, die nie entschieden werden. Müde von einer politischen Klasse, die mit beeindruckender Konsistenz beweist, dass sie aus jeder historischen Katastrophe genau eine Lektion zieht: Wie man sie beim nächsten Mal verständlicher erklärt.
Europa steht heute vor denselben grundlegenden Fragen wie vor tausend Jahren. Fragen nach Identität. Nach Stabilität. Nach Grenzen. Nach Verantwortung. Doch statt Antworten zu suchen, produziert man Kommunikation. Kommunikation ist sicher. Kommunikation ist kontrollierbar. Kommunikation erfordert keine tatsächliche Veränderung. Geschichte war nie dazu gedacht, bewundert zu werden. Sie war dazu gedacht, verstanden zu werden.
Doch Verstehen ist gefährlich. Verstehen zwingt zu Konsequenzen. Verstehen macht Ausreden unmöglich. Deshalb bleibt Geschichte, wo sie hingehört. Im Museum. Sauber beschriftet. Sorgfältig ignoriert. Und während Europa weiter diskutiert, verwaltet und erklärt, bewegt sich die Zeit unbeeindruckt vorwärts. Denn Geschichte wiederholt sich nicht, weil sie es will. Sie wiederholt sich, weil niemand zuhört…

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








