Halbe Menschheit, halbe Sorgen: Bis zum Jahr 2200 soll die Weltbevölkerung von heute 8,3 auf rund 4 Milliarden schrumpfen. So steht es in einer Studie im Wiley-Fachblatt «Sustainable Development», erschienen im Juli 2026. Korrespondenzautorin ist eine Ökonomin der Athener Panteion-Universität und den Gratiszugang zum Papier beglich laut Fussnote das griechische Konsortium HEAL-Link, das sämtliche Hochschulen unter dem Athener Bildungsministerium vereint. Der griechische Steuerzahler finanziert also die Verbreitung der Anleitung zu seinem eigenen Verschwinden. Das Schönste daran: Niemand muss dafür vergiftet, sterilisiert oder abgeführt werden. Der geplante Bevölkerungsrückgang setzt auf das effizienteste Werkzeug überhaupt, auf dich selbst.
Bauplan einer halbierten Menschheit
Erstautor Mark Keegan stellte die Idee schon 2024 als Vorabfassung ins Netz, damals mit Absender Forstfakultät der Oregon State University. Ein Förster, der die Menschheit lichten will, das passt. Die Rechnung der Vorabfassung ist schlicht: Sinkt die weltweite Geburtenziffer bis 2050 auf 1,75 Kinder pro Frau und bleibt dort, schrumpft die Menschheit um 0,6 Prozent pro Jahr, bis sie 2200 wieder beim Stand von 1970 angekommen ist. Die gedruckte Fassung rechnet mit Szenarien: Bei 2,25 Kindern pro Frau zählt die Welt 2200 über 21 Milliarden Köpfe, bei 1,60 Kindern rund vier. Lebensqualität, Artenvielfalt, Klima, alles werde sich dann erholen, sobald nur genug Menschen fehlen.
Mitautor Philip Cafaro, Philosoph an der Colorado State University, erklärt auf der Seite des Overpopulation Project, was hinter der Zahl steckt. Vier Milliarden seien bloss eine Etappe. Manche Schätzungen setzten die tragbare Menschenzahl zwischen einer halben und drei Milliarden an, dafür habe man Sympathie.
Nimmt die Menschheit erst einmal Kurs auf vier Milliarden, steht nichts im Weg, weiter auf zwei oder weniger zu segeln. Die Halbierung ist also nur der Einstieg, über die Untergrenze verhandeln dann die Enkel, sofern es sie gibt. Wer am meisten stört, sagt Cafaro ebenfalls: Jeder zusätzliche Mensch in Kanada oder Australien, ob geboren oder eingewandert, belaste die Umwelt weit stärker als ein zusätzlicher Ugander. Das Kinderzimmer im Westen ist damit offiziell der teuerste Raum der Erde.
Freiwillig, versprochen
Fair bleibt fair: Zwang steht nicht im Papier. Die Autoren setzen auf Bildung für Mädchen, freien Zugang zu Verhütung und auf Regierungen, die das Kinderkriegen nicht länger fördern. Die «Ressourcenquoten», die in der Empörungspresse bereits nach Lebensmittelmarken riechen, meinen im Text Fang- und Abbaugrenzen für Fisch und Wald. Cafaro wird konkreter: Eine Welt, die es mit dem Klima ernst meine, verbiete den Besitz von Privatjets und begrenze private Flugreisen. Wer jetzt Beifall klatscht, sollte trotzdem kurz ins Archiv steigen.
Auch 1977 begann alles mit Familienplanung. Damals legten Paul und Anne Ehrlich mit John Holdren, später Wissenschaftsberater von Barack Obama, das Lehrbuch «Ecoscience» vor. Darin steht, Zwangsgesetze bis hin zur Zwangsabtreibung liessen sich unter der US-Verfassung halten, falls die Bevölkerungskrise die Gesellschaft gefährde. Ein Sterilisationsmittel im Trinkwasser scheitere vorerst an der Technik, es müsse unter anderem Haustiere und Vieh verschonen. Dazu kommt ein «Planetary Regime», das die optimale Bevölkerungszahl für jede Region festlegen und die Grenzen durchsetzen könnte, nachzulesen auf den eingescannten Buchseiten. Die Ehrlichs liessen 2009 ausrichten, man habe diese Massnahmen beschrieben, nicht empfohlen, Holdren verneinte vor dem Senat, dass der Staat eine optimale Bevölkerung festlegen solle. Das darf man glauben. Der Vorbehalt im Buch hiess allerdings, es brauche erst eine Krise, die schwer genug sei. Krisen gibt es inzwischen im Abonnement.
Der Plan läuft längst
Bleibt die Frage, wozu man das Papier überhaupt benötigt. Laut UNO-Bevölkerungsprognose liegt die Geburtenziffer in mehr als der Hälfte aller Länder unter 2,1 Kindern pro Frau, fast ein Fünftel liegt unter 1,4. In 63 Ländern ist der Höchststand bereits überschritten, ihre Bevölkerung soll in dreissig Jahren um 14 Prozent schrumpfen. Weltweit folgt der Gipfel Mitte der 2080er-Jahre bei rund 10,3 Milliarden. UNO-Untergeneralsekretär Li Junhua nannte das ein hoffnungsvolles Zeichen und schob gleich nach, auch langsameres Wachstum erspare niemandem die Pflicht, den eigenen Fussabdruck zu verkleinern. Weniger Menschen und trotzdem den Gürtel enger, das ist der Doppelpack.
Die Schweiz liefert schon brav: 1,28 Kinder pro Frau im Jahr 2025, der Geburtenüberschuss ist von 22’900 im Jahr 2016 auf 6300 geschmolzen. Österreich steht bei 1,29, Italien bei 1,14. Wie diese Kurve weltweit abstürzt, stand hier schon unter Geburtenraten weltweit auf Tiefstand. Das neue Papier soll bloss verhindern, dass jemand die Kurve wieder anhebt. Cafaro verlangt ausdrücklich, Gesellschaften sollten den Rückgang begrüssen, statt ihm mit Geburtenprogrammen entgegenzutreten. Den Rest erledigt die Moral: Wer ein Kind zeugt, gilt neuerdings als Emissionsquelle, wie hier bereits am Beispiel der «arischen CO2-Emittenten» zu bestaunen war. Der Säugling als Klimasünder, die Kinderlosigkeit als Ablass.
Aussterben mit Gütesiegel
Der geplante Bevölkerungsrückgang ist kein Geheimplan aus dem Bunker, er trägt eine DOI-Nummer und eine Fussnote zur Finanzierung. Gefährlich ist er gerade deshalb, weil ihn niemand erzwingen muss. Der Westen erfüllt ihn schneller, als die Autoren zu hoffen wagten. 1974 lebten vier Milliarden Menschen, 2200 sollen es wieder vier sein. Dazwischen liegt eine Menschheit, die sich selbst für den Fehler hält. 1977 stand der Zwang noch im Lehrbuch, 2026 steht nur noch die höfliche Bitte im Fachblatt, man möge doch nicht gegensteuern. Ein Comic-Bösewicht benötigte für die Halbierung noch sechs Steine und ein Fingerschnippen, der Nachhaltigkeitsforschung genügen ein Taschenrechner und ein Gratiszugang. Eine Zivilisation, die ihr eigenes Verschwinden als Umweltschutz verbucht, benötigt keine Feinde mehr, sie hat Gutachter!











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