Gaslighting ist so ein Wort, das inzwischen inflationär gebraucht wird. Früher ein psychologischer Fachbegriff, heute ein gesellschaftlicher Dauerzustand. Ursprünglich stammt er aus Patrick Hamiltons Theaterstück Gas Light von 1938. Die Handlung ist simpel, perfide und erschreckend zeitlos: Ein Mann manipuliert seine Ehefrau so lange, bis sie selbst glaubt, den Verstand zu verlieren. Nicht mit Gewalt, sondern mit Wiederholung. Mit kleinen Verschiebungen. Mit Behauptungen, die jede Beobachtung negieren. Die Gaslampen im Haus werden langsam dunkler. Jedes Mal, wenn die Frau es bemerkt, erklärt ihr Mann, es habe sich nichts verändert. Sie irre sich. Sie sei überempfindlich. Vielleicht krank.
Spoiler: Am Ende ist nicht das Licht das Problem, sondern die systematische Leugnung der Realität.
Fast forward ins Heute. Die Gaslampen stehen nicht mehr im Wohnzimmer, sondern in Nachrichtensendungen, Pressemitteilungen, Talkshows und Studienzusammenfassungen. Und sie werden nicht gedimmt, sondern umetikettiert. Das Licht ist nicht schwächer, es heisst jetzt nur «komplexe Lage». Der Lärm ist nicht lauter, er ist «Einzelfall». Der Widerspruch ist kein Widerspruch, sondern «Desinformation». Und wer darauf hinweist, dass sich etwas verändert hat, bekommt kein Argument, sondern ein Etikett.
Du hast etwas gesehen? Interessant, aber hast du es auch richtig eingeordnet? Du hast etwas gehört? Möglich, aber Experten sagen etwas anderes. Du stellst Fragen? Vorsicht, das klingt problematisch. Du zweifelst? Dann bist du Teil des Problems. Willkommen im kollektiven Gaslicht.
Gaslighting funktioniert nicht durch Lügen allein. Lügen sind zu grob. Gaslighting lebt von der ständigen Wiederholung einer alternativen Erklärung, die immer dann greift, wenn deine Wahrnehmung unbequem wird. Es lebt davon, dass Institutionen einander bestätigen, bis der Einzelne anfängt, sich selbst zu misstrauen. Nicht weil er dumm ist, sondern weil er allein steht.
Das Absurde daran: Je offensichtlicher der Widerspruch zwischen Erzählung und Realität wird, desto aggressiver wird die Verteidigung der Erzählung. Wer sagt «Ich sehe das anders», wird nicht widerlegt, sondern pathologisiert. Bigott. Extrem. Aluhut. Verschwörungstheoretiker. Verrückt. Die Wortwahl ist austauschbar, die Funktion immer gleich: Diskreditieren statt diskutieren.
Das ist der Punkt, an dem Gaslighting politisch wird. Es geht nicht mehr darum, wer recht hat, sondern wer überhaupt noch als zurechnungsfähig gilt. Wer darf Realität benennen und wer gilt als defekt, wenn er es tut? Und vor allem: Wer profitiert davon, wenn Menschen lernen, ihren eigenen Augen weniger zu trauen als einer Pressekonferenz?
Man kann das alles für übertrieben halten. Man kann auch sagen, das sei nun mal der Preis einer komplexen Welt. Oder man kann feststellen, dass eine Gesellschaft, die systematisch Wahrnehmung von Urteil trennt, irgendwann beides verliert.
Ich für meinen Teil mache es kurz: Ich bin nicht verrückt. Ich bin nicht verwirrt. Ich bin kein Etikett. Ich sehe, höre, denke und erinnere mich. Und ich lasse mir nicht einreden, dass Selbstwahrnehmung ein Makel ist.
Wenn das Licht flackert, dann flackert es.
Und wenn mir jemand zehnmal sagt, es sei hell wie immer, frage ich nicht mich selbst, sondern den, der am Dimmer steht.


«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








