Jedes Jahr verschwinden Kinder. Viele Kinder. Offiziell sind es Tausende. Inoffiziell sind es mehr. Viel mehr. Und das Erstaunlichste daran ist nicht, dass es passiert. Das Erstaunlichste ist, wie effizient es ignoriert wird. Denn wir leben in einer Zeit, in der wirklich alles Aufmerksamkeit bekommt. Ein falsches Wort im Internet. Ein missverstandener Witz. Ein Prominenter, der den falschen Kaffee trinkt. Ganze Nachrichtenzirkusse entstehen innerhalb von Minuten. Empörung wird produziert, verteilt und monetarisiert. Doch wenn Kinder verschwinden, geschieht etwas Magisches. Stille.
Plötzlich wird die Welt ruhig. Plötzlich wird differenziert. Plötzlich wird erklärt, relativiert und beruhigt. «Die meisten tauchen wieder auf», heisst es dann lapidar. Eine statistische Beruhigungspille für eine Gesellschaft, die gelernt hat, mit Zahlen statt mit Realität zu denken. Natürlich tauchen viele wieder auf. Ausreisser. Familienstreit. Missverständnisse. Alles plausible Erklärungen. Alles bequem.
Doch selbst wenn nur ein kleiner Prozentsatz nicht zurückkehrt, sprechen wir von Tausenden. Jedes Jahr. Menschen, die einfach verschwinden. Aus Familien. Aus Leben. Aus der Realität. Und die Welt dreht sich weiter. Die Medien berichten. Kurz. Sachlich. Ohne Emotion. Ohne Dramatik. Ein weiterer Datensatz. Eine weitere Statistik. Kein Skandal. Kein Dauerfokus. Keine wochenlangen Sondersendungen mit dramatischer Musik und besorgten Moderatoren.
Denn verschwundene Kinder sind kein profitables Dauerthema. Einzelfälle. Sie erzeugen keine stabilen Narrative. Sie lassen sich nicht einfach in politische Lager einordnen. Sie sind unbequem. Sie werfen Fragen auf, die keine einfachen Antworten haben. Und Fragen sind schlecht für Systeme, die auf Kontrolle der Wahrnehmung basieren.
Es ist faszinierend, wie selektiv Aufmerksamkeit funktioniert. Flughäfen werden mit Milliarden gesichert, weil theoretisch Bedrohungen existieren. Kameras überwachen Städte, weil Sicherheit Priorität hat. Daten werden gespeichert, Bewegungen analysiert, Kommunikation überwacht. Alles im Namen des Schutzes. Und trotzdem verschwinden Kinder. Nicht in dystopischen Filmen. Nicht in Verschwörungstheorien. In der Realität.
Doch statt Panik gibt es Rationalisierung.
Statt Empörung gibt es Verwaltung.
Statt Fragen gibt es Statistiken.
«Die meisten tauchen wieder auf.»
Ein Satz, der beruhigend klingt, bis man darüber nachdenkt, was er tatsächlich bedeutet. Er bedeutet, dass einige nicht zurückkehren. Dass jedes Jahr eine Anzahl von Kindern verschwindet, deren Schicksal nie vollständig geklärt wird. Und das System akzeptiert diese Zahl. Es integriert sie. Es macht sie zu einer Variablen.
Denn moderne Gesellschaften sind erstaunlich gut darin, menschliches Leid zu abstrahieren. Sobald etwas zu einer Statistik wird, verliert es seine emotionale Wirkung. Es wird zu einer Zahl. Und Zahlen sind sauber. Sie sind kontrollierbar. Sie sind beruhigend.
Ein verschwundenes Kind ist eine Tragödie.
Zehntausend verschwundene Kinder sind eine Statistik.
Und Statistiken erzeugen keine Revolten.
Die Öffentlichkeit wird gleichzeitig mit Informationen überflutet und von Bedeutung isoliert. Nachrichten kommen und gehen. Skandale entstehen und verschwinden. Aufmerksamkeit wird gelenkt. Fokus wird verschoben. Und irgendwo, während die Welt diskutiert, argumentiert und konsumiert, verschwindet ein weiteres Kind.
Nicht spektakulär.
Nicht dramatisch.
Einfach still.
Die grösste Stärke moderner Systeme ist nicht ihre Fähigkeit, Probleme zu lösen. Es ist ihre Fähigkeit, Probleme zu absorbieren. Sie verwandeln Katastrophen in Datenpunkte. Sie verwandeln Tragödien in Berichte. Sie verwandeln Realität in Verwaltung. Und Verwaltung ist emotionslos. Sie kennt keine Angst. Keine Wut. Keine Empörung. Nur Prozesse.
Die Eltern eines verschwundenen Kindes erleben eine andere Realität. Eine Realität ohne Statistiken. Ohne Relativierung. Ohne beruhigende Erklärungen. Für sie ist es kein Datensatz. Es ist ein leerer Stuhl am Esstisch. Ein stilles Zimmer. Eine Frage ohne Antwort. Doch ihre Realität ist privat. Das System bleibt öffentlich. Und das System funktioniert. Es produziert Berichte. Es veröffentlicht Zahlen. Es zeigt Aktivität. Es erzeugt den Eindruck von Kontrolle. Der Eindruck ist entscheidend.
Denn Kontrolle muss nicht absolut sein. Sie muss nur überzeugend wirken. Die Gesellschaft vertraut darauf, dass Probleme gelöst werden. Dass Institutionen funktionieren. Dass Sicherheit gewährleistet wird. Und solange dieses Vertrauen besteht, bleibt die Struktur stabil. Auch wenn Kinder verschwinden. Die grösste Tragödie ist nicht nur das Verschwinden selbst. Es ist die Normalisierung.
Es ist die stille Akzeptanz, dass es Teil der Realität ist. Dass es passiert. Dass es weiter passieren wird. Und dass die Welt gelernt hat, damit zu leben. Denn nichts ist stabiler als eine Gesellschaft, die gelernt hat, nicht zu genau hinzusehen…

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








