Tabus sind eigentlich genial. Sie sparen Zeit, Energie und vor allem: Denken. Man muss sich das so vorstellen wie eine geistige Schnellstrasse mit Tempolimit «Gefühl» und der festen Abfahrt «Empörung». Sobald ein Thema als Tabu markiert ist, passiert etwas Wunderbares: Man denkt nicht mehr. Man reagiert. Und Reagieren fühlt sich viel aktiver an als Denken, obwohl es oft genau das Gegenteil ist.
Das Schöne an modernen Tabus ist ihre Benutzerfreundlichkeit. Früher brauchte man Kirche, König oder Zensurbehörde. Heute liefert dir der Nachrichtenartikel gleich die passende Meinung mit, praktisch wie ein Fertiggericht. Du musst nur noch aufwärmen und servieren. Zwischen Überschrift und letztem Absatz steht, manchmal unausgesprochen, manchmal fett gedruckt in moralischer Tinte: «Lieber Leser, falls du anderer Meinung bist, bist du ein schlechter Mensch!» Ausrufezeichen. Doppelt. Zur Sicherheit.
Wer Angst hat, kann nicht denken. Das ist keine Metapher, sondern Biologie. Bei Gefahr schaltet der Kopf auf Sprint, nicht auf Analyse. Wenn ein Löwe anläuft, ist es unpraktisch, erstmal zu diskutieren, ob es ein Löwe oder doch ein besonders aggressiver Labrador ist. Dumm nur, dass moderne Löwen oft aus Schlagzeilen bestehen. Und trotzdem löst das gleiche System aus: Panik, Tunnelblick, Aggression. Angst ist der beste Türsteher für Denkprozesse. Sie lässt niemanden rein.
Damit sind wir mitten in der Gegenwart, diesem hübschen Mix aus Truman Show und Matrix, nur ohne coole Sonnenbrillen und mit deutlich schlechterer Musik. Der Trick ist simpel: Du lebst in einer konstruierten Wirklichkeit und irgendwann fällt eine Lampe vom Himmel. Ein Widerspruch. Ein Mediengleichklang. Eine Nachricht, die überall gleich klingt, mit denselben Schwerpunkten, denselben Phrasen, demselben Vokabular. Und plötzlich denkst du: Moment. Warum lesen sich alle wie ein Copy-Paste aus derselben moralischen Textbaustein-Hölle?
Viele Menschen berichten genau von diesem Moment: Sie vergleichen Medien und merken, dass nicht nur die Themen synchron laufen, sondern auch die Wortwahl. Und wenn man dann noch auf die Idee kommt, ausserhalb der offiziellen Kanäle zu schauen, merkt man: Manche Dinge kommen gar nicht vor. Oder sie kommen erst vor, wenn sie so gross sind, dass sie nicht mehr zu übersehen sind. Ein Lehrstück war für viele die Silvesternacht in Köln 2015/16: Erst hiess es sinngemäss «nichts Besonderes», bis es irgendwann nicht mehr zu halten war. Psychologisch faszinierend. Gesellschaftlich beunruhigend. Journalistisch… sagen wir: ausbaufähig.
Das wirklich Interessante ist: Diese Mechanik funktioniert nicht nur bei einem Thema. Man sieht sie überall. Bei grossen politischen Konflikten, bei gesellschaftlichen Debatten, bei Krisen. Und sie funktioniert nicht, weil «die da oben» nachts im Kerzenlicht böse Pläne schmieden. Sie funktioniert, weil sie bequem ist. Weil sie unser Gehirn optimal ausnutzt.
Daniel Kahneman hat das in «Schnelles Denken, langsames Denken» beschrieben: System 1 ist schnell, automatisch, mühelos. System 2 ist langsam, anstrengend, schmerzhaft. System 2 ist das Denken, bei dem man am Ende das Gefühl hat, der Kopf sei «voll». Viele kennen dieses Gefühl nicht mehr, weil das Handy jede freie Sekunde zuverlässig mit irgendwas füllt. System 1 ist dagegen herrlich: Ein Etikett drauf, fertig. «Diese Person ist…» und zack, Schlussfolgerung. Der Inhalt muss nicht geprüft werden, weil das Label schon alles erledigt. Das ist die magische Abkürzung: Nicht Argumente prüfen, sondern Menschen markieren.
Ein besonders beliebtes Werkzeug ist das V-Wort, dieses praktische Totschlagetikett, das signalisiert: «Darüber musst du nicht nachdenken.» Es ist wie ein rotes Schild im Kopf: Strasse gesperrt, bitte wenden. Und plötzlich ist Analyse nicht mehr nötig, weil du dich moralisch bereits korrekt positioniert hast. Das ist bequem. Und gefährlich.
Dann kommt die nächste Stufe: Moralin. Diese säuerliche Substanz, die aus Texten tropft und dir erklärt, wie du dich zu fühlen hast. Es ist nicht mehr «Hier sind Informationen», sondern «Hier ist die richtige Haltung». Und wenn du abweichst, bist du nicht einfach anderer Meinung, sondern problematisch. Verdächtig. Unsensibel. Rückständig. Irgendwas, das deine Zugehörigkeit zur «guten Gruppe» infrage stellt. Und weil wir soziale Wesen sind, wirkt das. Wir haben Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Angst vor Ausschluss. Das ist der Hebel.
Dazu kommt: Wiederholung. Wiederholung ist nicht nur ein Stilmittel, sondern ein Vorschlaghammer fürs Unterbewusstsein. Wenn du jeden Tag hörst: «sicher und wirksam, sicher und wirksam, sicher und wirksam», dann glaubt ein Teil deines Gehirns irgendwann, er habe das selbst geprüft. Hat er nicht. Er hat’s nur oft genug gehört. Und ja: Man findet diese Phrasen später auf der Strasse wieder. Eins zu eins. Wie eine Werbekampagne. Nur dass es nicht um Zahnpasta geht, sondern um Gesellschaft.
Und wenn Angst erst einmal installiert ist, kommt die hässliche Schwester: Aggression. Angst kippt schnell in Hass, das ist ein alter psychologischer Mechanismus. Und plötzlich braucht es ein Feindbild, jemanden, der schuld ist. In Krisen war das oft sichtbar: Menschen, die sich für moralisch gut hielten, konnten erstaunlich brutal werden, sobald sie sich im Recht fühlten. Diskriminierung wird dann zur Tugend umdekoriert. Und das Gewissen bleibt sauber, weil man ja «für das Gute» handelt. Das ist vermutlich die gefährlichste Form menschlicher Selbsttäuschung.
Ein weiterer Trick: Vereinfachung. Schwarz oder Weiss. Entweder du bist für alles, was als progressiv gilt oder du bist gegen Menschen. Entweder du bist auf Linie, oder du bist «-phob» oder «-feindlich» oder «-irgendwas». Graustufen stören. Graustufen machen Arbeit. Graustufen brauchen System 2. Also weg damit.
Und jetzt wird’s richtig kabarettreif: Wer Tabus am lautesten bricht, setzt meist auch am schnellsten neue. Die 68er wollten Tabus zertrümmern und haben teils sinnvolle Grenzen mit abgeräumt, während gleichzeitig neue moralische Sperrzonen entstanden. Tabus sind nämlich nicht grundsätzlich schlecht. Es gibt natürliche Tabus, die schützen: Nicht töten, nicht stehlen, nicht entwürdigen. Das sind keine Fesseln, das sind Leitplanken. Aber synthetische Tabus, die Denken blockieren, sind etwas anderes. Sie dienen nicht dem Schutz, sondern der Steuerung.
Heute erleben wir zusätzlich eine merkwürdige Hierarchisierung von Menschen nach Zugehörigkeiten, als wäre Würde ein Sammelalbum. Je mehr «Schutzkategorien» du vereinst, desto höher stehst du in der moralischen Hackordnung. Und ganz unten, Überraschung, steht der «weisse alte Mann». Also das neue, gesellschaftlich genehmigte Objekt der Verachtung. Das Wort «normal» wird dabei behandelt, als hätte es schon beim Aussprechen Hakenkreuze im Gepäck. Logik ist in solchen Systemen nicht gefragt, weil Logik stört. Logik fragt: «Wofür ist das gut?» Moral-Management fragt: «Bist du dafür oder dagegen?»
Der Kern ist simpel: Tabus greifen unser Denken an, indem sie Angst, Zugehörigkeitsdruck, Etiketten, Wiederholung und Vereinfachung kombinieren. Und wenn das nicht reicht, kommt der Klassiker: Reduktion auf die Person statt auf das Argument. Nicht widerlegen, sondern diskreditieren. Nicht prüfen, sondern markieren. Das ist das Gegenteil von Aufklärung, aber es fühlt sich wahnsinnig gut an. Kurz. Schnell. System 1.
Und am Ende sitzen wir da, geschniegelt, informiert wirkend, moralisch geschniegelt obendrein und merken nicht einmal, dass wir längst im Modus «nicht denken» gelandet sind. Tabus sind die bequemste Art, sich selbst zu verlieren. Und die eleganteste Art, das für Anstand zu halten.

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








