Dr. Walter Siegrist, Internist und einer der wenigen Schweizer Ärzte, die seit 2020 konsequent unbequeme Fragen stellen, hat auf X einen Post publiziert, der eine der bemerkenswertesten Ungereimtheiten der Pandemiezeit in den Fokus rückt. Eine Ungereimtheit, die nie öffentlich diskutiert wurde – weil sie das sorgfältig konstruierte Narrativ der «Risikogruppen» in ein schiefes Licht rückt.
Zur Erinnerung: Im Frühjahr 2020, als die Panik-Maschinerie auf Hochtouren lief, wurden Obdachlose und Drogenabhängige von Gesundheitsbehörden europaweit zu einer der höchsten Risikogruppen überhaupt erklärt. Das RKI formulierte es so: «Es wird angenommen, dass diese aufgrund der prekären Lebensverhältnisse, Armut, des eingeschränkten Zugangs zur Gesundheitsversorgung und bestehender Vorerkrankungen ein erhöhtes Risiko sowohl für eine Infektion mit Sars-CoV-2 als auch für einen schweren Covid-19-Krankheitsverlauf haben.»
Lunge kaputt vom jahrelangen Rauchen oder Crackkonsums. Herz geschwächt. Leber vorgeschädigt durch Alkohol oder Hepatitis. Immunsystem am Boden. Kein fester Wohnsitz, keine Möglichkeit zur Isolation, kein Zugang zur Medizin. Nach der offiziellen Modelllogik hätte diese Gruppe die Leichenhallen füllen müssen. Dringlichste Priorität bei der Impfkampagne. Mobilisierung aller Kräfte. Katastrophe voraus. Und dann? Nichts.
«Street Immunity» – der Begriff, den niemand hören wollte
In London wurden hohe Covid-19-Infektions- und Sterberaten unter Obdachlosen befürchtet. Die tatsächlichen Raten blieben jedoch während des gesamten Jahres 2020 weit unter den Erwartungen – eine Erfahrung, die sich mit anderen Schauplätzen weltweit deckte.
Forscher versuchten zu erklären, was passiert war. Dabei entwickelten sie das Konzept der «Street Immunity»: Obdachlose selbst lieferten eine spezifische Erklärung: «Ich war ehrlich gesagt ziemlich überrascht, dass hier niemand Covid bekommen hat. Aber ich denke, weil wir so vielen Elementen ausgesetzt waren und auf der Strasse gelebt haben, ist unser Immunsystem vielleicht etwas stärker.» Ein Sozialarbeiter formulierte es so: «Die Kerle wurden in ihrem Leben so vielen Dingen ausgesetzt, dass sie wahrscheinlich ziemlich robust sind. Ihr Immunsystem hat schon alles gesehen.»
Mit anderen Worten: Jahre der Extrembelastung durch Viren, Bakterien, Kälte, Unterernährung und ein Leben ohne Sterilität hatten ein robustes, trainiertes Immunsystem produziert. Kein Labor, kein mRNA-Konstrukt – nur das älteste Immuntraining, das es gibt: Die Realität.
In Frankreich wurden Obdachlose untersucht, die seropositiv für Covid-19 getestet wurden – zwei Drittel von ihnen berichteten von keinerlei Symptomen. Die höchste Risikogruppe. Asymptomatisch.
San Francisco: Nicht Covid, sondern Drogen
In San Francisco, einer der Städte mit den grössten Obdachlosenlagern der USA, lieferten Forscher ein weiteres ernüchterndes Bild: Während die Sterblichkeit der Obdachlosen-Bevölkerung in San Francisco während der Pandemie zwar anstieg, war nicht Covid-19, sondern Drogentoxizität die häufigste Todesursache obdachloser Menschen in dieser Periode.
Die Risikogruppe starb. Nur nicht an dem, wofür man sie zur Risikogruppe erklärt hatte. Sie starb an Fentanyl, Methamphetamin, Überdosierungen – getrieben auch dadurch, dass die Behandlungszentren während der Pandemiemassnahmen ihre Kapazitäten reduzierten. Die Schutzmassnahmen für die Risikogruppe hatten sie anderweitig getötet. Elegant.
Was das Paradox bedeutet
Die offiziellen Gesundheitsbehörden hatten mit ihrer Risikogruppen-Logik durchaus recht in einer Hinsicht: Drogenabhängige weisen eine hohe Prävalenz von Grunderkrankungen auf – Diabetes, Atemwegserkrankungen, kardiovaskuläre Probleme, die mit schwerem Covid-19-Verlauf assoziiert werden können. Das war keine Falschinformation. Es war eine korrekte Einschätzung des theoretischen Risikos.
Aber zwischen theoretischem Risiko und beobachteter Realität klaffte ein Abgrund, der nie systematisch untersucht wurde. Weil die Antwort auf die Frage «Warum ist die schlimmste Risikogruppe nicht in den Massen gestorben?» zu viele andere Fragen aufgeworfen hätte.
Zum Beispiel: Wenn ein jahrelang immungestresstes, vorerkranktes Immunsystem auf der Strasse zu «Street Immunity» führt – was sagt das über die Behauptung, das menschliche Immunsystem sei grundsätzlich überfordert mit diesem Virus? Was sagt das über die Modelle, die kollabierte Gesundheitssysteme und Massentote prognostizierten? Was sagt es über die Entscheidung, Gesellschaften einzusperren, um «vulnerable Gruppen» zu schützen, während genau diese Gruppen draussen lebten und das Virus trotzdem nicht in der vorhergesagten Wucht traf?
Das Narrativ und seine Lücken
Dr. Siegrist stellt diese Frage nicht zufällig. Als Internist hat er jahrelang beobachtet, wie die Pandemie-Kommunikation systematisch mit selektiver Datenpräsentation arbeitete. Zahlen, die das Bild stützten, wurden täglich in die Kamera gehalten. Zahlen, die es störten, verschwanden in Fachpublikationen, die niemand las.
Die Obdachlosen-Paradoxie ist ein solches Datum. Es existiert, ist peer-reviewed veröffentlicht, wurde von Londoner Forschern explizit als «Street Immunity»-Phänomen beschrieben – und es hat die öffentliche Debatte über Covid-Risikogruppen nie erreicht. Kein Tagesschau-Beitrag. Keine Lauterbach-Pressekonferenz. Keine Neubewertung der Modelle.
Weil es nicht passte.
Aufgrund der hohen Vulnerabilität sei für wohnungs- und obdachlose Menschen als priorisierte Gruppe der Zugang zur Impfung gegen Covid-19 sicherzustellen. So stand es auf der RKI-Homepage. Mobilisierung, Impfbusse, Sozialarbeiter als Impfvermittler – der ganze Apparat rollte an.
Die Strasse interessierte das wenig. Sie hatte bereits immunisiert. Auf ihre eigene Art. Seit Jahren.
Das ist das unbequeme Datum, das Dr. Siegrist in den Raum stellt. Nicht als Beweis, dass Covid harmlos war. Sondern als Beweis, dass die Risikomodelle selektiv konstruiert und die Abweichungen nie erklärt wurden. In einer Wissenschaft, die sich auf ihre Evidenzbasierung beruft, wäre genau das die Pflicht gewesen.
Sie wurde nicht erfüllt. Und niemand fragt warum…



«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








