Es war einmal ein Land. Ein Land, das Autos baute, die die Welt kaufte. Das Maschinen exportierte, die niemand sonst so präzise fertigen konnte. Das einen Mittelstand hatte, der so stabil und so verlässlich war wie das Fundament eines Schweizer Tresorraums. Dieses Land hiess Deutschland. Und Deutschland gibt es noch. Nur das Fundament ist weg.
Antje Hermenau, Politikerin, Unternehmensberaterin, Mitbegründerin der Grünen Sachsen und eine Frau, die offensichtlich irgendwann entschieden hat, die Wahrheit zu sagen, statt Karriere zu machen, bringt es ohne Umschweife auf den Punkt: Deutschland ist pleite. Nicht auf dem Weg dahin. Nicht in einer Schieflage. Pleite. Jetzt. Und wer das immer noch nicht glaubt, möge sich die Rekordinsolvenzahlen aus dem Jahr 2025 zu Gemüte führen – und dann den Ausblick auf 2026, der laut Mittelstandsanalyse des IT-Dienstleisters Datev noch schlechter ausfällt. Erstmals will eine Mehrheit der Unternehmer mit der Rente auch gleich den Betrieb schliessen. Nicht weil sie keine Lust mehr haben. Sondern weil es sich nicht mehr lohnt.
Der Haupttäter ist bekannt und wird trotzdem nicht benannt: Energie. Deutschlands Strompreise liegen laut Bloomberg bei etwa dem Vierfachen der französischen. Viermal so teuer. Für denselben Strom. Für dieselbe Produktionsstunde. Eine Eiserei im Erzgebirge, die dreissig Jahre lang Eigenkapital im Millionenbereich aufgebaut hat – aufgezehrt in sieben Monaten durch Energiekosten. Eine Chemiefirma nach Japan abgewandert. Eine weitere nach North Carolina. Ein Thüringer Betrieb nach Schweden. Die gehen alle weg, sagt Hermenau, schlicht und nüchtern: Die gehen den Energiepreisen hinterher. Ist ganz einfach.
Dabei wäre es nicht nötig. Das ist das Schönste an dieser Geschichte – das Schönste im Sinne von: Das Grausamste. Deutschland könnte sich selbst versorgen. Gas aus eigenen Reserven – ein Jahr Vorlauf, dreissig Jahre Unabhängigkeit. AKWs reaktivieren – zwei Jahre, CO2-frei, stabile Grundlast. Kohle mit Carbon Capture – heimischer Rohstoff, sauber nutzbar. Und Russland? Das Gas ist bezahlt bis Ende 2026. Die Pipeline liegt. Man müsste nur anklopfen, sich kurz entschuldigen für den bösen Ton und die Tanks füllen lassen. Aber das passiert nicht. Stattdessen friert der Mittelstand, zahlt viermal so viel wie Frankreich und schaut zu, wie seine Marktanteile von Konkurrenten aus Ländern übernommen werden, die von ihren Regierungen tatsächlich unterstützt werden. Italien senkt per Dekret die Benzinsteuer. Deutschland überlegt, ob man noch eine Maut einführen kann.
Und die Regierung? Die zählt Rekordsteuereinnahmen und überlegt, wie sie Bürger und Unternehmen noch effizienter schröpfen kann. Während die Kaufkraft sinkt, die Inflation frisst und die Lebenshaltungskosten explodieren, sitzt eine Gruppe von sechs bis sieben Millionen Menschen – Beamte, Verwaltungsangestellte, subventionierte Institutionen – auf einem Lebensstandard, der sich auf Kosten aller anderen stabilisiert. Eine Minderheit, die bestens davon lebt, dass die Steuern so hoch sind, die Sozialabgaben so üppig, die Gebühren so kreativ. Und wer das sagt, gilt als rechts. Natürlich.
Brüssel macht fleissig mit. Die EU-Bürokratie toppt nationale Gesetzgebung, schichtet Verordnungen auf Verordnungen, beschäftigt in mittelständischen Betrieben inzwischen eigene Compliance-Mitarbeiter, die nichts anderes tun als Vorschriften lesen. Und HERA – die Notfallinstitution mit dreissig Milliarden Euro Budget, gegründet am Parlament vorbei, unkontrollierbar vom Rechnungshof – sitzt irgendwo in Brüssel und schuldet niemand Rechenschaft. Dreissig Milliarden. Unkontrolliert. Zweckfrei. Unerreichbar.
Hermenau spricht das aus, was viele denken und sich nicht trauen zu formulieren: Die Schulden sind das eigentliche Problem. Nicht der Iran, nicht Putin, nicht Trump, nicht die Marsmenschen, denen man abwechselnd die Schuld gibt. Deutschland versucht, Staatsanleihen zu platzieren – und bekommt nicht einmal alle los. Das Vertrauen in den Standort schwindet. Die Zinsen für langfristige Anleihen steigen. Das ist kein politisches Signal. Das ist das Urteil der Märkte. Und Märkte lügen selten.
Die EU? Löst sich laut Hermenau von selbst auf – sobald die Italiener und Spanier erklären, die EZB-Schulden nicht zurückzahlen zu können. Dann bleiben die Deutschen auf weiteren Billionen sitzen. Zum wiederholten Mal. Weil Deutschland immer zahlt. Immer. Für alle. Und nichts entscheidet.
Das Bild, das Hermenau zeichnet, ist präzise und gnadenlos: Deutschland als ausgeplündertes Haus, das seine Gläubiger durchfüttert, seine Ideologie über seine Industrie stellt, seinen Mittelstand auf dem Altar der grünen Romantik opfert und dabei lächelnd so tut, als sei das alles ein vorübergehender Zustand. Es ist keiner. Der Mittelstand hat aufgegeben. Nicht laut. Nicht dramatisch. Leise, geordnet, mit dem Tagesabschluss in den schwarzen Zahlen und dem stillen Entschluss: Kein Nachfolger. Kein Weitermachen. Schluss. Das Fundament ist weg. Das Haus steht noch. Aber nicht mehr lange…


«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








