Vierzig junge Menschen sterben. In einem Land, das sich selbst wie ein Uhrwerk betrachtet: präzise, zuverlässig, neutral. In der Schweiz funktioniert alles. Züge fahren pünktlich. Banken wissen alles. Behörden sehen alles. Kameras sehen alles. Ausser, natürlich, wenn sie plötzlich nichts mehr sehen. Dann ist die Schweiz nicht mehr das Land der Präzision. Dann ist sie das Land des kollektiven Gedächtnisverlusts. Willkommen in Crans-Montana.
Ein Feuer. Ein Nachtclub. Sekunden, die zu einer Ewigkeit werden. Flammen, die schneller sind als jede Vorschrift. Rauch, der schneller ist als jede Verantwortung. Und danach: Stille. Nicht die ehrfürchtige Stille der Trauer. Sondern die sterile Stille der Verwaltung. Denn nach dem Feuer beginnt das eigentliche Ritual.
Nicht das Trauern. Das Verwalten.
Ein Betreiber wird verhaftet. Dann freigelassen. Gegen eine Kaution, die ungefähr dem Preis eines gut ausgestatteten Sportwagens entspricht. Genug, um symbolisch zu wirken. Nicht genug, um existenziell zu schmerzen. Man nennt das Rechtsstaat. Ein Wort, das beruhigend klingt. Wie ein Schlaflied. Wie ein Versprechen, dass alles seinen geordneten Weg geht.
Und während Familien ihre Kinder begraben, beginnen Behörden, Dokumente zu sortieren. Zuständigkeiten zu klären. Formulare zu prüfen. Und irgendwo, zwischen all den Aktenordnern und Protokollen, verschwinden Dinge. Aufnahmen. Zugriffe. Spuren. Nicht mit einem Knall. Sondern mit einem Klick. «Nicht mehr verfügbar.» Eine technische Formulierung. Neutral. Sauber. Klinisch. Fast poetisch.
Denn nichts verschwindet so elegant wie Verantwortung, wenn sie sich auf viele Schultern verteilt. Verantwortung verdampft, wenn jeder nur ein kleines Stück davon trägt. Am Ende trägt niemand genug, um daran zu ersticken. Das ist die wahre Meisterleistung moderner Systeme. Nicht Kontrolle. Sondern die perfekte Verteilung von Schuld, bis sie unsichtbar wird.
Man wird dir sagen, dass ermittelt wird. Dass Prozesse laufen. Dass Geduld notwendig ist. Dass der Rechtsstaat funktioniert. Und technisch stimmt das sogar. Er funktioniert genau so, wie er gebaut wurde.
Langsam genug, damit Emotionen sterben.
Komplex genug, damit niemand den Überblick behält.
Neutral genug, damit niemand persönlich schuld ist.
Denn Systeme haben keine Gesichter. Keine Gewissen. Keine Albträume. Sie haben nur Verfahren. Und Verfahren brennen nicht. Menschen schon.
Was in Crans-Montana verbrannt ist, war nicht nur ein Gebäude. Es war die Illusion, dass Sicherheit ein Naturgesetz ist. Dass Kontrolle automatisch Schutz bedeutet. Dass jemand am Steuer sitzt. Vielleicht sitzt jemand am Steuer. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist das Steuer längst nur noch eine Attrappe.
Denn moderne Macht zeigt sich nicht mehr durch Gewalt. Sondern durch Distanz. Durch die Fähigkeit, omnipräsent und gleichzeitig nirgends verantwortlich zu sein. Das Feuer war real. Die Toten sind real. Die Familien sind real. Und alles andere?
Ist ein System, das gelernt hat, dass nichts so stabil ist wie eine Wahrheit, die langsam genug verschwindet. Nicht durch Lügen. Sondern durch Zeit. Und durch Schweigen.


«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








