Acht Jahre. In der Musikindustrie ist das eine Ewigkeit — genug Zeit, um vergessen zu werden, neu erfunden zu werden oder still und leise in der Versenkung zu verschwinden, irgendwo zwischen einem Reunion-Tour-Angebot und einem Reality-TV-Auftritt. Everlast hat keines von beidem gemacht. Er hat geschwiegen. Gewartet. Und jetzt – mit der Wucht eines ausgeschlafenen Mannes, der endlich wieder etwas zu sagen hat – kommt er zurück.
Die Single heisst «Stones». Und ja, das passt. Steine trägt man. Steine wirft man. Steine bleiben liegen, lange nachdem der Moment vergessen ist, in dem man sie aufgehoben hat. Everlast selbst sagt, der Song handele von Schuld und Reue — von Selbsthass bis zur Selbstheilung. Klingt nach Therapiestunde? Falsch. Klingt nach dem Blues, wie er gemeint war: Roh, ehrlich, ohne Netz, ohne doppelten Boden. Produziert von Yelawolf — einem Mann, der selbst weiss, wie es sich anfühlt, gegen den Strich der Erwartungen zu leben. Die Kombination ist kein Zufall. Es ist Handwerk.
Whitey Ford singt noch
Wer ist dieser Mann überhaupt, für alle, die ihn vergessen haben – oder nie alt genug waren, ihn zu kennen? Erik Francis Schrody. Genannt Everlast. Genannt Whitey Ford. Ein irisch-amerikanischer Junge aus Los Angeles, der mit House of Pain «Jump Around» in jeden Keller, jeden Club und jedes Fussballstadion der frühen Neunziger gebracht hat – und danach, statt den einfachen Weg zu gehen, lieber alles hinwarf und neu anfing.
Sein Album «Whitey Ford Sings the Blues» war keine Karrierestrategie. Es war ein Fingerzeig: Ich mache, was ich will. Hip-Hop? Folk? Blues? Rock? Alles davon. Nichts davon ausschliesslich. Das Genre-Schubladendenken der Industrie hat ihn nie interessiert – und die Industrie hat ihn dafür geliebt und gehasst in ungefähr gleichen Teilen. Dann kam Carlos Santana. «Put Your Lights On» – ein Song, der sich in das kollektive Gedächtnis einer Generation eingebrannt hat. GRAMMY-Gewinner. Kein Kommentar nötig. Danach eine Emmy-Nominierung für den Titelsong von «Saving Grace». Der Mann hat mehr Leben als eine streunende Katze in New Orleans – und klingt bei jedem Comeback, als hätte er die Pause gebraucht, um die richtigen Worte zu finden.
Revolution braucht einen Soundtrack
Während er an «Embers To Ashes» arbeitete – so heisst das kommende Album – schrieb er auch «Rubber Bullets». Entstanden während der George-Floyd-Proteste. Kein PR-Move, kein schnell produziertes Opportunismus-Stück. Everlast hat nie besonders gut darin funktioniert, zum richtigen Zeitpunkt das Richtige zu tun, weil es gerade passt. Er tut es, weil er es nicht lassen kann.
Dazu gesellt sich «Blood on the Wheel» — eine Anti-ICE-Hymne mit Multi-Platin-Produzent WLPWR. «Jede Revolution braucht einen Soundtrack», heisst es dazu. Everlast liefert schon seit dreissig Jahren Soundtracks für die kleinen und grossen Revolutionen des Alltags – für die Verlorenen, die Wütenden, die Müden, die irgendwie trotzdem weitermachen.
Was bleibt
Was Everlast von den meisten unterscheidet, die ähnlich lang im Geschäft sind: Er klingt nie nostalgisch. Kein «früher war alles besser», kein Ausruhen auf alten Lorbeeren. «Stones» klingt wie ein Mann, der die Last kennt – und trotzdem weitergeht. Acht Jahre Stille. Und dann — ein Stein. Manchmal reicht das…






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