Meinungsfreiheit? Nur solange du die richtige Meinung hast. Gio reagiere auf die neue ZDF-Reportage – und spricht über Angst, Anpassung und echte Toleranz.
ZDF, das ist doch dieser öffentlich-rechtliche Ort, wo man investigativ fragt, was man noch sagen darf – und dann 90 Minuten damit verbringt, genau das zu beweisen: Man darf alles sagen – solange es vorher abgesegnet ist. Allein der Titel schreit schon nach intellektueller Tiefenmassage: «Was darf man in Deutschland noch sagen?» – Ach, bitte! So, als würde nachts das Meinungsministerium klingeln und dein WLAN beschlagnahmen, weil du «Zigeunerschnitzel» gegoogelt hast.
Schon im Intro weint der deutsche Durchschnittsbürger ins Mikrofon: «Man darf ja nix mehr sagen!» – während er es im Fernsehen sagt. Ein Paradoxon so elegant, dass Kafka applaudieren würde. Und das ZDF nickt mitfühlend, weil man ja schliesslich alle Seiten beleuchten will. Übersetzt heisst das: Dieselben Narrative, nur in Pastellfarben.
Dann das übliche Theaterstück: Ein paar Ostdeutsche, die Meinungsfreiheit mit DDR verwechseln, ein paar Facebook-Kommentatorinnen, die zwischen Empörung und Katzenvideos um Fassung ringen und natürlich ein Demokratieforscher, der mit ernster Miene erklärt, dass AfD-Wähler sich diskriminiert fühlen. Überraschung des Jahrzehnts! Zwischendurch wieder Einspieler, Musik, Betroffenheitszoom und irgendwo dazwischen die Moderation, die so tut, als hätte sie gerade Sokrates getroffen, während sie eigentlich nur Facebook-Kommentare vorliest.
Man hat fast den Eindruck, das ZDF habe sich vorgenommen, die deutsche Empörungslandschaft als Naturdokumentation zu verfilmen: «Hier, der verunsicherte Westdeutsche in seiner Filterblase – und dort, das seltene Exemplar des wütenden Ostdeutschen, der in freier Wildbahn laut nach Freiheit ruft, aber Twitter meint.» Und ja, es gibt sie noch, die echten Opfer der Unfreiheit: Menschen, die wegen Facebook-Sperren oder Nachbarschaftsbeleidigungen fast alles verloren haben – ausser natürlich den Drang, im Fernsehen darüber zu sprechen.
Zwischendurch dann der moralische Zeigefinger: «Toleranz darf nicht Intoleranz dulden», erklärt ein Professor, der offenbar glaubt, dass Toleranz ein Fitnessprogramm ist, bei dem man ständig neue Gegner braucht, um sich moralisch zu dehnen. Blöd nur, dass die Intoleranz heute oft von denen kommt, die am lautesten «Offenheit» plakatieren – und zwar so lange, bis jemand anderer Meinung ist. Dann wird’s zackig ungemütlich im Diskurswohnzimmer.
Am Ende versucht das ZDF, versöhnlich zu enden. Zwei Brüder – einer AfD, einer Grüne – treffen sich beim Weinschnitt und zeigen: Man kann sich auch lieben, wenn man sich nicht versteht. Rührend. Man spürt fast, wie das Drehbuch kurz Hoffnung hatte. Doch die Quintessenz bleibt: Deutschland redet nicht mehr, es deklamiert. Es hört nicht mehr zu, es zitiert. Jeder hat recht und jeder fühlt sich verfolgt. Das Fernsehen nennt es Demokratie, das Publikum nennt es Verblödung – und beide haben ein bisschen recht.
Was man also in Deutschland noch sagen darf? Alles. Solange man keine Fragen stellt…

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








