„Fuck the world!“ schmettert uns Robb Flynn entgegen. Mit diesen markigen Worten startet das neuste Werk der Bay Area Neo Thrasher und damit scheint Flynn es durchaus Ernst zu meinen, denn „Catharsis“ ist ein Album, wie man es von der Band so nicht erwartet hätte. Ein 15 Songs umfassender Vulkanausbruch voller Schmerz und Wut, Hoffnung und Freude, Melodie und Wildheit. Die eigentliche Katharsis dieses saftigen neuen Machine-Head-Albums ist der herzhafte Mittelfinger in Richtung aller Puristen. Die Metal-Monster haben sich schon lange aus ihrem Käftig befreit. Machine Head veröffentlichen mit „Catharsis“ einen Aufruf zum totalen Widerstand.

Hier ist er also, der erste grosse musikalische Blockbuster des Jahres 2018. Vier Jahre nach dem eher mittelmässigen „Bloodstone & Diamonds“ ist das Warten auf den Nachfolger endlich vorbei. „Catharsis“ führt Machine Heads lange Tradition, Songs über die Realität und authentische, spürbare Emotionen, die die Menschheit wesentlich beeinflussen, zu schreiben, fort. „Bloodstone & Diamonds“ war nach dem wahrhaft epischen Meisterwerk „Into The Locust“ und dem noch grossartigeren „The Blackening“ überraschend geradlinig. Der von Machine Head perfektionierte Neo-Thrash wurde beibehalten, dennoch waren die Kompositionen bereits einfacher, songdienlicher und hitorientierter – was nicht jedem gefiel. „Catharsis“ wird nun die Gemüter nicht nur erhitzen, sondern regelrecht sprengen.

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Mit dem Vorgängeralben und dem melodischen, als Einzelsong veröffentlichten Titel „Is There Anybody Out There?“, eine Antwort auf den Rassismus-Skandal um Pantera-Shouter Phil Anselmo, stellten Machine Head bereits die musikaischen Weichen für die neue Platte. Bestimmt hätten sich viele Fans über ein zweites „The Blackening“ oder gar einen ebenbürtigen Erben des bahnbrechenden Debüts „Burn My Eyes“ gefreut. Das Risiko indes, damit zum Plagiator der eigenen Werke zu werden, wäre hoch gewesen. Dann lieber die Flucht nach vorne antreten: Das akustisch gehaltene Stück „Behind A Mask“ spielt mit schwermütigen Alternative-Balladen, „Heavy Lies The Crown“ entwickelt sich vom klaustrophobischen Flüstersong zum ausgewachsenen Thrasher und „Bastards“ ist ein politisch motivierter, am Folk orientierter Song, der sich einen Platz auf dem Treppchen der spannendsten Machine-Head-Exoten sichert.

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Abgesehen von vereinzelten melodiösen Aussetzern ist fast jeder Track eine Kostbarkeit. Handwerklich sind Robb Flynn und seine Mannen nach wie vor ganz gross. Darüber hinaus wird es in naher Zukunft unmöglich sein, die Produktionsqualität von „Catharsis“ zu übertreffen. Die Band und vorallem Producer Zack Ohren haben es geschafft, sämtliche Instrumente in ein monumentales Klanggerüst zu packen und dem ganzen, trotz moderner Technik und grossen Produktionswerten mit allerhand Special Effects, eine transparente Vielfalt zu verpassen. Die gekonnten Arrangements lassen jedem Instrument genug Platz zur Entfaltung. Es gibt keine hundert Spuren, die den Hörer erschlagen und live eh nie umzusetzen wären. Als Paradebeispiel hierfür steht das exzellente Doppelsolo bei „Beyond The Pale“, in dem sich beide Gitarren natürlich auf Lead-Ebene ergänzen, während nur MacEacherns Bass alleinig von unten nachschiebt. Keine zusätzliche Rhythmus-Spur, kein überflüssiges Rumgespiele – und trotzdem bleibt das Solo im Ohr wie kein anderes! Sensationell! Handwerklich gibt es eh nichts zu meckern. Der auf das erste Hören recht unspektakuläre Breakdown im Opener „Volatile“ offenbart bei detaillierter Betrachtung wahnwitzige Gitarrenkünste. Generell ist die Liebe zum Detail in jedem Song zu hören, Machine Head meinen, was sie auf „Catharsis“ sagen wollen.

Eine Stunde und fünfzehn Minuten Musik erwartet den Hörer auf „Catharsis“, unterbrochen in 15 einzelne Titel, die alle für sich selbst stehen. Robb Flynn ist in der Lage, grossartige, subtile und dennoch gewichtige und aggressive Lyrics zu schreiben. Vor allem seine unmissverständlichen politischen Positionierungen haben Robb in den vergangenen Monaten einiges an unvorhergesehener Aufmerksamkeit eingebracht. Allein die Tatsache, dass ein im Punk und Metal verwurzelter Künstler mit einer klar zum Ausdruck gebrachten Ablehnung jeglichen rassistischen Gedankengutes seit neuestem in den Kommentarspalten der sogenannten sozialen Medien polarisieren kann, sagt einiges über die gesellschaftlichen Zustände unserer Zeit aus. Ein wenig wühlen Machine Head auf „Catharsis“ dann aber doch in der eigenen Vergangenheit. Delikaterweise vor allem in den Bereichen, welche seinerzeit nicht von allen Anhängern mit Begeisterung aufgenommen wurden. „Triple Beam“ wirkt mit Rap-Elementen und Drogenthematik wie ein kurzer Blick in den Rückspiegel, kurz wird auch die Phase rund um „The Burning Red“ angezapft.

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Beim Hören von „Catharsis“ wird endgültig klar, dass das Gesagte keineswegs der Album-Promotion diente, sondern sich auf Platte kompromisslos fortsetzt. Das Ergebnis ist einerseits das politischste und andererseits das lyrisch und musikalisch schizophrenste Album, das Machine Head jemals veröffentlicht haben und damit auf verschiedensten Ebenen das absolute Gegenteil von „Nummer sicher“. Was zunächst etwas wie ein strukturloser Flickenteppich anmutet, entpuppt sich nach mehrmaligem Hören jedoch als durchaus spannend. „Catharsis“ ist als Gesamtkunstwerk eine Kampfansage an alles Rückwärtsgewandte und bricht eine laut krachende Lanze für die Freaks. Das Ganze klingt dank thrashiger Wut und treffsicheren Melodien richtig gut!

Tracklist:

  1. Volatile
  2. Catharsis
  3. Beyond The Pale
  4. California Bleeding
  5. Triple Beam
  6. Kaleidoscope
  7. Bastards
  8. Hope Begets Hope
  9. Screaming At The Sun
  10. Behind A Mask
  11. Heavy Lies The Crown
  12. Psychotic
  13. Grind You Down
  14. Razorblade Smile
  15. Eulogy
Album Review: Machine Head – Catharsis
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Originalität10
Tempo9.5
Musikalische Fähigkeiten10
Gesang9.5
Songtexte10
Substanz9.5
Produktion9.5
Langlebigkeit9
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