Deutschland hat ein neues Staatsprojekt. Es heisst nicht Wirtschaftswende, nicht Friedenspolitik, nicht Rentenrettung. Es heisst: Collien Fernandes gegen Christian Ulmen. Und die Qualitätsmedien dieses Landes – allen voran der Spiegel und die Tagesthemen – haben sich geschlossen dazu entschlossen, dieses Thema mit der Inbrunst einer Weltpremiere zu behandeln, die das Schicksal der Menschheit entscheidet. Bravo. Wirklich. Standing Ovation für das konzertierte Wegschauen.
Zur Faktenlage, soweit man das bei diesem medialen Nebelwerfer überhaupt noch Faktenlage nennen kann: Ein bekannter Schauspieler mit nachgewiesener Vorliebe für absurden Humor – der übrigens von genau demselben linksliberalen Feuilleton jahrelang als herrlich schräges Genie gefeiert wurde – hat anscheinend einen handfesten Fetisch ausgelebt, indem er Männer aus dem Umfeld seiner Frau anschrieb, Pornofilme verschickte und so tat, als wäre er sie. Weder besonders appetitlich noch besonders strafbar. Eher das Niveau eines übergriffigen 14-Jährigen mit Internetanschluss.
Keine Deepfakes im juristischen Sinne. Keine nachweisbaren Sexvideos mit ihrem Gesicht. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren ruhen lassen, weil – man staune – nichts geliefert wurde. Nichts. Null. Leere Hände. Und die Ermittlungen gegen ihn? Eingestellt. Aber das interessiert natürlich niemanden.
Denn was hier abläuft, ist kein Journalismus. Es ist Regierungstheaterpolitik in Reinkultur. HateAid – eine Organisation, deren Nähe zu den Grünen sich juristisch belegen lässt – sucht sich den Spiegel als Medienpartner, trommelt Prominente zusammen, die sich «solidarisch erklären» sollen, und schon läuft die Maschinerie. Titelgeschichte. Primetime. Bundesjustizministerin Hubig eilt herbei wie auf Stichwort und kündigt an, ein Gesetz aus der Schublade zu ziehen, das seit fünf Jahren dort liegt – ungenutzt, weil selbst den Juristen dabei die Haare zu Berge stehen. Eine Vorlage, die im Wesentlichen besagt: Wer sich angegriffen fühlen könnte, macht sich strafbar. Das ist kein Rechtsstaat. Das ist eine Einladung zur Denunziationsgesellschaft.
Und während das alles passiert, gehen in Rheinland-Pfalz die Landtagsergebnisse rein. Die SPD wird zur sterbenden Gattung deklariert. Klingbeil, von dem alle erwarten, dass er am nächsten Morgen die Konsequenzen zieht, setzt sich stattdessen ins Studio und redet über Fernandes. Man muss das auf sich wirken lassen: Der Vorsitzende einer im freien Fall befindlichen Partei nutzt eine Freitagabend-Talkshow, um über einen Promi-Ehestreit zu schwadronieren. Das ist kein Versagen. Das ist Methode.
Die Tagesthemen haben für dieses Thema eine halbe Sendung geopfert. Eine halbe Sendung öffentlich-rechtlichen Rundfunks, finanziert durch Zwangsbeiträge, bei einer Weltlage, die Krieg, Wirtschaftsabsturz und gesellschaftliche Erosion umfasst. Kein Wort darüber, dass es im Strafgesetzbuch mit §238 längst einen Stalking-Paragraphen gibt, der mehrfach nachgeschärft wurde und digitalen Identitätsmissbrauch explizit abdeckt. Kein kritisches Nachfragen. Keine Gegenmeinung. Stattdessen: Bundesjustizministerin darf unwidersprochen reden, Moderatorin nickt, alle einig, Sendeschluss.
Gleichzeitig – und das ist der eigentliche Skandal, über den diese Republik schweigt – gibt es in zwei Jugendheimen laufende Fälle echter, körperlicher Gruppenvergewaltigungen. Die werden weggeduckt, weil sie ein unbequemes Narrativ bedienen könnten. In Neukölln wird ein kurdisches Mädchen von muslimischen Jugendlichen über Wochen missbraucht, alle wissen es, keiner zeigt jemanden an. Aber die digitale Gewalt gegen Collien Fernandes – die juristisch nicht einmal greifbar ist – schafft es in die Tagesthemen-Hauptausgabe. Digitales Befinden schlägt körperliche Realität. Willkommen im 21. Jahrhundert.
Und dann wäre da noch Leonie Löwenherz – kein Klarname, versteht sich – die unter ihrem Pseudonym öffentlich fordert, alle Männer an Marktplätzen aufzuhängen und zu kastrieren, die Unschuldsvermutung für ein faschistoides Konzept erklärt und das Strafrechtssystem generell abbrennen sehen möchte. HateAid, das sich als Kämpfer gegen Hass im Netz versteht, schreitet nicht ein. Die Staatsanwaltschaft schreitet nicht ein. Die Medien berichten nicht. Wäre ein Mann mit identischem Inhalt gegen Frauen vorgegangen, hätte er heute eine Hausdurchsuchung. Diese Asymmetrie ist keine Unaufmerksamkeit. Das ist strukturelle Kollaboration.
Der Journalismus hat kapituliert. Nicht vor der Wahrheit, sondern vor dem Narrativ. Früher galt: Mindestens zwei Quellen, Pro und Kontra, dann berichten. Heute gilt: Welche Geschichte passt zur Kampagne? Wer darf Opfer sein, wer muss Täter sein? Der Rest ist Beiwerk. Recherche ist Zeitverschwendung, wenn man Klicks braucht und Einladungen ins Regierungsumfeld nicht riskieren möchte. Das Ergebnis: Ein Ehestreit zweier Schauspieler aus dem Musikansagebereich wird zur Staatsaffäre. Ein Gesetz, das Juristen für verfassungsrechtlich bedenklich halten, wird durch eine orchestrierte Empörungswelle hoffähig gemacht. Und Klingbeil redet über Fernandes, während seine Partei stirbt.
Der Geschichtslehrer in 50 Jahren wird seine Schüler fragen: Was hat Deutschland im Jahr 2025 beschäftigt? Und die Antwort wird lauten: Ein Schauspieler, der im Netz Pornos verschickt hat. Die Schüler werden lachen. Wir sollten es auch – wenn es nicht so verdammt ernst wäre…


«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








