Es gibt Geschichten, die so unglaublich sind, dass man sie erfunden hätte, wenn sie nicht wahr wären. Und dann gibt es Geschichten, die so systemisch, so vorhersehbar, so unvermeidlich sind, dass man sich fragt, warum überhaupt noch irgendjemand überrascht tut. Was sich im schwedischen Örebro ereignet hat, gehört zur zweiten Kategorie – und wer jetzt noch so tut, als wäre das ein Einzelfall, lügt entweder sich selbst an oder hat bezahlte Gründe dafür.
Fangen wir beim Fundament an. 2015 kommt ein junger Syrer als Asylsuchender nach Schweden. 2018 wird er eingebürgert – Schweden, das Land, das Integration als Sakrament betrachtet und Staatsbürgerschaft als kollektive Therapiemassnahme für schlechtes Gewissen. Irgendwo dazwischen war er Bandenmitglied, wurde wegen Raubüberfällen und bewaffneten Drohungen verurteilt. Das nennt man eine Biografie. In einem funktionierenden System würde diese Biografie dazu führen, dass man gewisse Berufsfelder für diese Person ausschliesst – zum Beispiel jene, bei denen man allein mit wehrlosen, alten, pflegebedürftigen Menschen eingeschlossen ist. In Schweden führt diese Biografie offenbar dazu, dass man im häuslichen Pflegedienst angestellt wird. Denn irgendjemand musste ja diese Arbeit machen.
Was dieser Jemand dann tat, ist dokumentiert – von ihm selbst, auf Video, mit einer Selbstsicherheit, die nur eines bedeuten kann: Er war überzeugt, vollständig straffrei zu sein. Und warum auch nicht? Das System hatte ihm bis dahin keinen einzigen Grund gegeben, das Gegenteil anzunehmen. Er nennt eine 92-jährige Frau einen «Affen» und eine «Hure», kneift ihr in die Nase. Er giesst einem 81-jährigen Mann Eiswasser in die Dusche, brüllt ihm dabei direkt ins Ohr «Allahu Akbar» und kündigt an, ihn einfrieren zu lassen. Er lächelt dabei. Er filmt sich dabei. Er veröffentlicht es im Internet. Das sind keine Entgleisungen eines überforderten Pflegers. Das ist purer, dokumentierter, selbstbewusst zur Schau gestellter Sadismus an Menschen, die sich nicht wehren können, nicht schreien können, nicht weglaufen können. Menschen, die in ihrer letzten Lebensphase darauf angewiesen sind, dass ihnen jemand hilft – und die stattdessen jemanden bekommen, der sie demütigt, foltert und das Ganze geniesst.
Das eigentliche Meisterwerk dieser Geschichte beginnt jedoch danach. Ende November wird der Mann suspendiert. Mit vollem Gehalt, versteht sich – man ist ja in Schweden, nicht in einem Land ohne Sozialbewusstsein. Und dann, am 2. Januar, wird er wiedereingestellt. Die Begründung: Das Gesetz lasse eine Suspendierung von mehr als einem Monat nicht zu. Man habe keine andere Wahl gehabt. Die Bürokraten haben sich hinter Verfahren versteckt und diesem Peiniger erlaubt, wieder an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren – zu denselben wehrlosen Menschen, die er bereits misshandelt hatte. Das ist kein Verwaltungsversagen. Das ist ein Schlag ins Gesicht jedes Opfers und jeder Familie, die darauf vertraut hat, dass der Staat seine schwächsten Bürger schützt. Es ist die organisierte Kapitulation eines Systems, das vor den Konsequenzen des eigenen Handelns zittert wie ein Schulmädchen vor der Klassenarbeit.
Am 19. Januar wird er schliesslich verhaftet. Zu diesem Zeitpunkt hatte er also nach seiner Suspendierung noch einmal zweieinhalb Wochen ungehinderten Zugang zu pflegebedürftigen Senioren. Was in diesen zweieinhalb Wochen vorgefallen ist, wird man vielleicht noch herausfinden. Oder auch nicht.
Das Absurdeste zum Schluss: Ausgewiesen werden kann er nicht. Er ist schwedischer Staatsbürger. Die Einbürgerung von 2018 – erworben mit einer Biografie, die in einem anderen Kontext zur Verweigerung selbst eines Touristenvisums geführt hätte – schützt ihn nun vollständig vor den Konsequenzen, die ein Nicht-Staatsbürger zu spüren bekäme. Die schwedische Gesellschaft hat ihn aufgenommen, integriert, eingebürgert, angestellt, bezahlt, wiederangestellt und kann ihn jetzt nicht loswerden. Das nennt man ein rundes Konzept.
Und dieser Fall steht nicht allein. Statistiken und Berichte aus den Jahren 2024 bis 2026 zeigen einen drastischen Anstieg gemeldeter Missbrauchsfälle im schwedischen Pflegesektor. Dutzende Fälle von Misshandlung und sexuellen Übergriffen auf Senioren wurden zuletzt in Uppsala und Stockholm aufgedeckt. Personalmangel, fehlende Hintergrundchecks, ideologische Scheuklappen bei der Personalauswahl – das ist das Biotop, in dem solche Täter gedeihen. Menschen, die die Kultur und die Werte ihrer Gastgesellschaft offen verachten, werden zur Betreuung der Schwächsten zugelassen, weil das Stellen kritischer Fragen bei der Einstellung als diskriminierend gilt. Die 99-jährige Pflegebedürftige diskriminiert dabei niemanden. Sie zahlt mit ihrer Würde.
Was dieser Fall eigentlich offenbart, ist keine Einzeltätergeschichte. Es ist die Geschichte eines Systems, das Schutzbefohlene routinemässig Menschen anvertraut, über die es nichts weiss, nichts wissen will und nichts wissen zu müssen glaubt – weil das Wissen unbequeme Fragen aufwerfen würde. Über Einstellungskriterien. Über Vorstrafen als Ausschlusskriterium. Über die Frage, ob Integration als blosses Papierdokument ausreicht, um jemandem die intimste Verantwortung für das Leben alter Menschen zu übertragen.
Diese Mechanismen, diese strukturelle Gleichgültigkeit, dieses behördliche Wegschauen – sie sind keine schwedische Spezialität. Sie sind exportfähig. Sie reisen mit denselben Konzepten, denselben Phrasen, denselben politischen Reflexen, die überall in Europa das kritische Denken durch moralisches Posieren ersetzt haben. Während du Überstunden machst, während du dir den Heimplatz für deine Eltern oder Grosseltern mit Mühe und Not zusammensparst, läuft im Hintergrund ein System, das die Fürsorge für deine Liebsten an den Nächstbesten vergibt – Hauptsache, die Stelle ist besetzt und niemand muss unbequeme Fragen stellen.
Die 92-jährige Frau, die als «Hure» beschimpft wurde, hat dieses System nicht gewählt.
Sie hat ihm vertraut. Und das System hat sie verraten.
Das ist kein Zufall. Das ist Politik…



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