Stell dir eine Katze vor. Ein roter Punkt auf dem Boden. Die Katze rast los, rutscht, springt, verbeisst sich mental in diesen Punkt, als hinge ihr Leben davon ab. Der Mensch mit dem Laser steht ruhig da. Kein Puls. Keine Hast. Maximale Kontrolle. Willkommen im Informationszeitalter.
Die plötzliche Veröffentlichung von Millionen Seiten zu Jeffrey Epstein ist kein Akt der Aufklärung. Es ist ein Laserpointer-Moment. Nicht heimlich geleakt, nicht durch Whistleblower, nicht gegen Widerstand. Sondern offiziell, zeitlich versetzt, schlecht aufbereitet, chaotisch, emotional maximal aufgeladen. Das ist keine Transparenz. Das ist Überflutung.
Während Millionen Augen auf Namen, Bilder und Abscheu starren, passiert das Übliche im Hintergrund. Kapital bewegt sich. Märkte zucken. Edelmetalle korrigieren. Kryptos rutschen. Geopolitische Spannungen ziehen an. Entscheidungen werden getroffen, ohne dass jemand hinschaut. Emotion bindet die Masse. Geld liebt Ruhe.
Wer glaubt, es gehe hier primär um Gerechtigkeit, glaubt auch, dass Nachrichten zufällig erscheinen.
Die Kunst der gleichzeitigen Ablenkung
Frag nicht zuerst, wer in den Akten steht. Frag, wann sie erscheinen. Und frag vor allem, was parallel entschieden wird, während du liest, scrollst und dich empörst.
Informationsfluten sind kein Fehler des Systems. Sie sind das System. Je grösser der Datensatz, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass irgendetwas davon strukturiert aufgearbeitet wird. Niemand kann Millionen Dokumente prüfen, verifizieren, einordnen. Fakes, Halbwahrheiten, echte Skandale, bewusst platzierte Ablenkungen. Alles im Mixer.
Das Ergebnis ist immer gleich:
- Empörung ohne Konsequenz
- Wissen ohne Handlung
- Moralische Erschöpfung
Analog zu früheren Grossveröffentlichungen gilt auch hier: Es wird nichts passieren. Keine Massenverhaftungen. Keine strukturelle Aufarbeitung. Vielleicht ein Rücktritt hier, ein symbolischer Skandal dort. Ein bisschen Boulevard, ein bisschen Sex & Crime für die Abendunterhaltung. Danach Stille.
Das System frisst Skandale wie Snacks.
Der selektive Mehrwert
Einziger realer Mehrwert entsteht dort, wo sich Muster zeigen. Netzwerke. Überschneidungen. Machtachsen. Und ja, bestimmte Namen tauchen wiederholt auf, inklusive Personen aus Politik, Wirtschaft, Technologie. Was daraus folgt, ist keine gerichtsfeste Wahrheit, sondern eine unangenehme Frage:
Warum bewegen sich manche Menschen seit Jahrzehnten an den Schnittstellen von Geld, Einfluss, «Gesundheit» und globaler Krisenkommunikation?
Hier geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Rollenbilder. Wenn sich Akteure gleichzeitig als Philanthropen, Berater, Investoren und moralische Instanzen inszenieren, darf man skeptisch werden. Besonders dann, wenn Krisen plötzlich zu Geschäftsmodellen werden.
Das ist kein Beweis.
Aber es ist auch kein Zufall.
Problem. Reaktion. Lösung.
Die Veröffentlichung wirkt schlampig. Unkoordiniert. Opfer ungeschützt. Namen ungeschwärzt. Nach monatelangen Erklärungen, man müsse «zum Schutz» alles zurückhalten. Jetzt plötzlich das Gegenteil. Warum?
Weil es nicht um Schutz geht.
Und auch nicht um Wahrheit.
Es geht um Übergang.
Vertrauen in Institutionen ist längst erodiert. Politik, Medien, staatliche Systeme wirken für viele sichtbar korrupt, träge, selbstreferenziell. Diese Veröffentlichung repariert nichts. Sie beschleunigt den Vertrauensverlust. Und genau das macht sie nützlich.
Denn ein delegitimiertes System lässt sich leichter ersetzen.
Die technokratische Verheissung
Im Hintergrund wartet die nächste Erzählung bereits: Nicht Menschen haben versagt. Systeme haben versagt. Also ersetzen wir sie.
Nicht Politik, sondern Algorithmen.
Nicht Verantwortung, sondern Effizienz.
Nicht Debatte, sondern Automatisierung.
Die Idee wird sauber verpackt: KI als neutraler Entscheider. Daten statt Ideologie. Technologie statt Korruption. Endlich Regierung ohne Menschen.
Dass Algorithmen von Menschen gebaut werden, mit Interessen, Annahmen und Machtstrukturen, ist dabei ein Detail, das man höflich überspringt. Die Massen sollen jubeln. Ordnung statt Chaos. Steuerung statt Diskussion.
Das ist keine Science-Fiction. Das ist ein laufender Prototyp.
Warum nichts passieren wird
Hier kommt der Teil, den niemand hören will:
- Es wird nichts passieren
- Nicht wegen fehlender Beweise
- Sondern wegen fehlender Macht
Die Strukturen, die Missbrauch ermöglicht haben, werden sich nicht selbst abschaffen. Parteienwechsel ändern daran nichts. Proteste auch nicht. Briefe an Abgeordnete schon gar nicht. Das System ist nicht defekt. Es funktioniert exakt so, wie es gebaut wurde.
Wenn du etwas anderes erwartest, beobachte einfach. Geduldig. Nüchtern. Ohne Hoffnung auf Erlösung.
Der einzige reale Effekt
Der einzige mögliche Effekt dieser Veröffentlichung ist Bewusstseinsverschiebung. Keine Gerechtigkeit. Kein Abschluss. Sondern Erkenntnis.
Erkenntnis darüber, wie Macht funktioniert.
Wie selektiv Empörung eingesetzt wird.
Wie Skandale absorbiert werden.
Wie Systeme sich selbst schützen.
Vielleicht radikalisiert das einige. Vielleicht desillusioniert es andere. Vielleicht schauen ein paar Menschen künftig genauer hin, wenn wieder ein Laserpunkt über den Boden huscht.
Das wäre bereits mehr, als das System geplant hat.
Der eigentliche Ausweg
Nicht im nächsten Leak.
Nicht in der nächsten Enthüllung.
Nicht im nächsten Messias.
Der einzige Ausweg liegt darin, Aufmerksamkeit zurückzuholen. Parallel zu denken. Emotionen zu drosseln. Kapitalströme, Machtverschiebungen und technologische Übergänge mitzubeobachten, während alle anderen jagen.
Und dann, ganz unheroisch:
Handy weglegen.
Leben leben.
Gesund bleiben.
Unabhängigkeit stärken.
Alles andere ist Lärm.
Der Laserpunkt leuchtet weiter.
Die Katze entscheidet, ob sie springt…


«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








