Wie gewohnt schont das frisch angebrochene Jahr 2026 niemanden. Berlin startet nicht mit Konfetti, sondern mit dystopischen Bildern aus dem Südwesten: Minusgrade, kein Strom, keine Heizung, Funklöcher, geschlossene Läden. Und irgendwo dazwischen Menschen, die ziemlich schnell merken, dass «kritische Infrastruktur» ein schickes Wort ist für «wenn’s brennt, wird’s unerquicklich». Auslöser war ein mutmasslich linksextremistisch motivierter Brandanschlag auf eine Kabelbrücke im Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Die nackten Zahlen sind weniger sexy als jedes Narrativ, aber dafür real: rund 45’000 Haushalte, etwa 2200 Unternehmen, insgesamt über 100’000 Menschen ohne Strom. Tageweise. Bei Wintertemperaturen.
Und jetzt kommt der Teil, den man in der Hauptstadt eigentlich als Tradition führen könnte: Das Krisenmanagement. Es war da. Irgendwo. In Fragmenten. Aber eben nicht so, dass die Betroffenen das Gefühl hatten: «Ah, hier funktioniert ein System.» Eher: «Ah, hier funktioniert ein Pressetext.» Das moralische Märchen vom «reichen Zehlendorf, denen ist’s egal» hält übrigens genau so lange, bis man begreift, wer dort überdurchschnittlich häufig lebt: Ältere Menschen, viele pflegebedürftig, teils abhängig von Geräten, Wärme, Struktur. Und dann passieren Bilder, die sich ein Land, das gern «Würde» in Sonntagsreden trägt, eigentlich nicht leisten dürfte: Pflegebedürftige in einer Turnhalle auf Feldbetten. Der Tagesspiegel dokumentierte den Fall einer 97-Jährigen, die nach dem Stromausfall in einer Notunterkunft übernachten musste und bei einem Besuch des Regierenden Bürgermeisters die Emotionen hochkochten.
Eine Turnhalle ist keine akzeptable Option für Hochbetagte. Nicht «unglücklich», nicht «suboptimal», nicht «im Rahmen der Möglichkeiten». Einfach: Nein. Und wenn das im Januar 2026 noch diskutiert werden muss, dann ist nicht die Diskussion das Problem, sondern das System dahinter. Währenddessen wurde die Bevölkerung mit praktischen High-End-Tipps versorgt, die man sonst auf der Rückseite von Müslipackungen findet: Taschenlampen nutzen, Batterien prüfen, irgendwie durchhalten. Danke, Berlin. Der Gedankenspagat war wirklich anspruchsvoll.
Dann der nächste Treppenwitz: Als «Hilfe» wurden Hotelzimmer ab 70 € angeboten, inklusive Frühstück. «Ab 70 €» klingt wie ein Sonderangebot, ist aber für viele schlicht nicht machbar, erst recht über mehrere Nächte. Die Idee dahinter wirkt wie ein Missverständnis darüber, wie Durchschnittshaushalte funktionieren: Renten, Alleinerziehende, Familien, Menschen ohne Rücklagen, kleine Betriebe. Die rechnen nicht in «ab 70», die rechnen in «geht gerade noch».
Und natürlich durfte das übliche Gerücht nicht fehlen: «Wir haben keine Notstromaggregate mehr, weil alles in die Ukraine ging.» Klingt schön empörungsfähig, ist aber so nicht korrekt. Es stimmt, dass rund 1700 Notstromaggregate für die Ukraine bereitgestellt wurden, aber laut Faktenchecks wurden sie extra beschafft und nicht aus dem THW-Bestand abgezogen. Heisst: Das Problem war nicht «alles weg», sondern «Resilienz in der Praxis ist komplizierter als Empörung im Kommentarbereich».
Was die Sache zusätzlich bitter macht: Das Ganze kam nicht aus dem Nichts. Bereits im August 2025 berichtete die Berliner Zeitung über ein Pamphlet aus der Szene («Villenviertel lahmlegen»), inklusive Bezug auf Angriffe auf Stromversorgung. Wenn solche Signale existieren und man trotzdem überrascht wirkt, dann ist das keine «unerwartete Verkettung», sondern eine Prioritätenfrage.
Und genau hier wird es unpolitisch: Wie schnell und laut bestimmte Gefahren benannt werden und wie zäh andere. Wenn ein Anschlag nicht ins gewohnte Bedrohungsregal passt, dauert es offenbar länger, bis man ihn beim Namen nennt, ihn einordnet, und daraus Konsequenzen zieht. In diesem Fall werden inzwischen Konsequenzen angekündigt: Auswertung, bessere Krisenstrukturen, mehr Schutz sensibler Infrastruktur. Schön. Nur leider kommt «besser werden» immer erst nach dem Kälteschock.
Das eigentlich Verstörende bleibt: Mit relativ einfachen Mitteln liess sich ein grosser Teil einer Metropole tagelang ausknipsen, inklusive Wärme, Kommunikation und Alltag. Und wenn schon der «kleine Ernstfall» so aussieht, möchte man den grossen lieber nicht erleben.

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








