Es ist beruhigend zu wissen, dass in Zeiten von Krieg, Zerstörung und menschlichem Leid die richtigen Menschen ausgewählt werden, um Kinder zu schützen. Nicht etwa langweilige Pädagogen, Psychologen oder Menschen mit einem unauffälligen Lebenslauf. Nein. Man greift nach den wirklich symbolträchtigen Figuren. Den Ikonen. Den Provokateuren. Denjenigen, deren Namen bereits von einem ganz bestimmten globalen Adressbuch umkreist wurden.

Im Jahr 2023 ernannte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Performance-Künstlerin Marina Abramovic zur Botschafterin für den Wiederaufbau von Schulen in der Ukraine. Schulen. Orte der Unschuld. Orte des Vertrauens. Orte, an denen Kinder lernen sollen, wie die Welt funktioniert. Und wer wäre geeigneter, dieses Symbol zu verkörpern, als eine Frau, deren Name in den mittlerweile berüchtigten Epstein-Dokumenten mit Begeisterung erwähnt wurde?

Jeffrey Epstein, der Mann, dessen Privatleben eine unfreiwillige Studie über Macht, Einfluss und moralische Flexibilität darstellt, war bekannt dafür, sich mit den kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Eliten zu umgeben. Menschen, die Einfluss hatten. Menschen, die relevant waren. Menschen, die über den gewöhnlichen moralischen Niederungen zu schweben schienen.

In diesen Kreisen galt Marina Abramovic als «faszinierend». Ihre Werke als «unglaublich». Ein bemerkenswertes Urteil, wenn man bedenkt, dass Epstein selbst nicht unbedingt als Kurator moralischer Integrität in Erinnerung bleiben wird.

Abramovic selbst ist bekannt für ihr «Spirit Cooking». Eine Reihe von Performances und Publikationen, die mit Symbolik, Körperflüssigkeiten und ritualistischen Elementen spielen. Zutaten wie Muttermilch, Blut und andere intime Substanzen wurden nicht nur erwähnt, sondern zelebriert. Natürlich alles im Namen der Kunst. Kunst ist schliesslich der universelle Freifahrtschein für alles, was ausserhalb der Komfortzone gewöhnlicher Sterblicher liegt.

Und nun steht diese Künstlerin im Dienst des Wiederaufbaus von Schulen in der Ukraine. Es ist eine fast poetische Ironie. In einer Welt, die zunehmend von moralischer Rhetorik durchdrungen ist, scheint die Nähe zu umstrittenen Figuren kein Hindernis darzustellen. Im Gegenteil. Sie scheint Teil eines unausgesprochenen Initiationsritus zu sein. Wer nah genug am Feuer stand, ohne selbst zu verbrennen, erhält einen Heiligenschein aus kultureller Bedeutung.

Selenskyj selbst wurde im Westen zur Projektionsfläche moralischer Reinheit erhoben. Ein Mann des Widerstands. Ein Symbol des Guten. Seine Entscheidungen werden selten hinterfragt, sondern eher interpretiert wie heilige Texte, deren tiefere Bedeutung jenseits gewöhnlicher Kritik liegt. Und doch bleibt eine unbequeme Frage im Raum stehen. Nicht, ob Marina Abramovic verurteilt wurde. Das wurde sie nicht. Nicht, ob sie eines Verbrechens überführt wurde. Das wurde sie nicht.

Sondern warum ausgerechnet Personen, deren Namen in den sozialen Umlaufbahnen eines Mannes wie Epstein auftauchten, immer wieder in Positionen moralischer Symbolik auftauchen. Es ist ein Muster, das sich nicht laut erklärt, sondern leise wiederholt. Die Welt der Macht funktioniert nicht wie die Welt der Normalsterblichen. Nähe ist Währung. Bekanntheit ist Schutz. Und Kontroverse ist kein Makel, sondern ein Bestandteil der Aura.

Am Ende bleibt die Öffentlichkeit zurück, eingeladen, die Symbolik zu akzeptieren. Zu glauben, dass alles seine Ordnung hat. Dass die richtigen Menschen die richtigen Entscheidungen treffen. Dass die Hüter der Moral über jeden Zweifel erhaben sind. Und vielleicht ist genau das die grösste Performance von allen. Nicht auf einer Bühne aus Holz und Licht. Sondern auf einer Bühne aus Vertrauen…

Von Epsteins Bewunderung zur offiziellen Kinderbotschafterin


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