Der Himmel ist voller Federn, die Schlagzeilen voller Ausrufezeichen und die Pressestellen laufen heiss wie eine Geflügelbraterei. Name des Stücks: Vogelgrippe-Hysterie – die Wiederkehr alter Muster. Handlung: Zugvögel als virale Schmuggler, Landwirte als Statisten einer Vorsorge-Operette, Virologen als Tenöre im hohen C der Warnrufe. Und wir? Publikum mit Maske, diesmal mit ganz schlechten Erinnerung.

Die unsichtbare Drohung aus der Ferne (mit Bühnennebel)
Hunderttausende Tiere «vorsorglich» gekeult – ein Wort, das gleichzeitig technokratisch, hygienisch und maximal entkoppelt von Empathie ist. Wer braucht schon Daten, wenn man Zahlen hat? Ein Fall aus Brandenburg liefert die dramaturgische Pointe: Ein einzelner Kranich fällt (ausgerechnet!) in ein Gänsegehege, und zack – die ganze Herde infiziert. Wenn’s nicht so tragisch wäre, man würde das Drehbuch zurückschicken: «Bitte glaubwürdiger schreiben. Der Vogel wirkt wie ein Agent Provocateur.» Aber genau so funktionieren mediale Erzählungen – eine Anekdote mit maximalem Angst-ROI, fortissimo ausgeschlachtet, bis sie wie Wahrheit klingt.

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In der Schweiz: Vorerst Stille mit Fernglas. Man beobachtet, «evaluiert», reserviert Impfstoffkapazitäten und empfiehlt derweil die gute alte saisonale Grippeimpfung für alle, die beruflich mit Vögeln hantieren. Soft Launch, nennt die Werbebranche das. Oder: Warmlaufen fürs Grosse Wenn-Dann.

Warnrufe, Wellen, Weltgeist
Lehrbuchmässig folgt der zweite Akt: Die Expertenpassage. Risiken für Menschen? «Gering» – bisher. Aber potenziell… und da beginnt der Möglichkeitsimperativ, die Lieblingsgrammatik moderner Panikpolitik. Mutationen, Spillover, rekombinierende Hotspots auf Farmen – das Vokabular sitzt, die Bilder sind eindrucksvoll, die Folie bekannt: Rüste die Pandemiepläne nach, bestell frische Vakzine, übe die Choreografie. Finnland impft Teile der Risikogruppen, Deutschland poliert Szenarien, die Schweiz bleibt gelassen – mit eingebauter Notfallklausel. Alles sehr rational, alles ausgesprochen vorbereitet, alles sehr 2020 Déjà-vu.

Und genau dort liegt der Stachel: Wir haben nicht vergessen, wer 2020 den Taktstock hielt. Damals reichte der konditionierte Konjunktiv («könnte», «möglicherweise», «worst case») für ganz reale Eingriffe. Heute klingt er wieder, nur in anderen Tonarten.

Die Ökonomie der Angst
Man muss nicht bestreiten, dass H5N1 gefährlich sein kann, um zu sehen, was hier wieder verkauft wird: Vorsorge als Gesamtkunstwerk, mit bekannter Dramaturgie. Erst die epische Naturgewalt (Zugvögel, Himmel, Schicksal), dann die moralische Pflicht (Du willst doch nicht Schuld sein!), anschliessend die technische Lösung (Impfstoff-Reservierung, Test- und Meldekaskaden), flankiert von der grossen Keule «Besser einmal zu viel als einmal zu wenig». Die Wertschöpfungskette der Angst läuft rund: Medien bekommen Klicks, Behörden Rechtfertigung, Hersteller Planbarkeit, Politik Handlungsnarrative. Und Landwirte? Verluste, Entschädigungsformulare und Ställe als Tatorte.

Wer die letzten 15 Jahre aufmerksam zugehört hat – BSE, Vogelgrippe, Schweinegrippe, Corona – erkennt die immergleichen Stilmittel: Ausreisser erzählen, Statistik ignorieren, Kausalität ins Konjunktivparfum tauchen. Dazu die pädagogische Drohgebärde: «Wenn ihr jetzt nicht…» Es ist die alte Pädagogik des Zeigefingers als Public-Health-Design.

Anekdoten sind keine Evidenz (ausser im Abendprogramm)
Der berühmte Kranich von Kremmen schlägt in diese Kerbe. Ob der Fall exakt so war, wie erzählt, ist letztlich zweitrangig – er erfüllt seinen Zweck: Emotion ersetzt Evidenz. Das funktioniert, weil Bilder stärker sind als Basisraten. Ein statistisches Lehrstück, das zuverlässig zu Fehlurteilen führt: Wir verwechseln das Spektakuläre mit dem Typischen und optimieren Politik an den Rändern, nicht an der Regel. Ergebnis: Massnahmen mit hoher Symbolik, niedriger Präzision und dafür beeindruckender Kollateralschwere – vor allem für Tiere, Betriebe, Lieferketten, Preise.

«Pandemiepotenzial» – der Zauberbegriff
Nichts elektrisiert die Hygiene-High-Society so wie dieses Wort. Es wirkt wie ein Notausgang für Differenzierung: Muss jetzt nicht passieren – kann aber jederzeit. Und mit diesem «kann» lässt sich jede beliebige Aufrüstung rechtfertigen. Die Logik: Wenn das Schlimme ausbleibt, war die Vorsorge erfolgreich; wenn es eintritt, waren wir nicht vorsorglich genug. Ein geschlossener Kreis, unschlagbar in Ausschüssen, unbrauchbar für Wirklichkeit.

Natürlich braucht es Pläne, Lager, Protokolle. Aber Planung ist nicht gleich Politik. Was fehlt, ist die lästige Mitte: Messbare Schwellen, klare Exit-Kriterien, echte Kosten-Nutzen-Abwägungen – und die Demut, auch einmal zu sagen: «Hier reicht Monitoring. Keine Showpolitik.»

Die Ethik der Keulung
Man gewöhnt sich schockierend schnell an Sätze wie «500’000 Tiere getötet». Das sterile Vokabular (Keulung, Tilgung, Bestandssanierung) ist die sprachliche Desinfektion eines massiven Eingriffs. Vielleicht wäre es heilsam, jede „Vorsorgemassnahme“ in denselben Kategorien zu prüfen, die wir ständig predigen: Verhältnismässigkeit, Subsidiarität, Transparenz, Rechenschaft. Wieviel Risiko wurde real gesenkt? Wieviel Leid real erzeugt? Wieviel Vertrauen verbraucht?

Denn genau darum geht’s: Vertrauen. Wer einmal ganze Gesellschaften auf den Konjunktiv geeicht hat, muss heute mit der Resonanz leben. Der Vertrauenskredit ist kleiner. Die Geduld auch.

Was tun? (Ausser panisch applaudieren)

  • Evidenzpflicht statt Anekdotenpflicht. Anekdoten illustrieren, sie legitimieren nicht.
  • Schwellen offenlegen. Ab wann gilt was – und ab wann nicht mehr?
  • Kaskaden vermeiden. Nicht jede Präventionsidee braucht die Vollausstattung.
  • Klar reden. Risiken benennen, ohne sie auf Stadionlautstärke zu blasen.
  • Kosten ehrlich bilanzieren. Auch die ethischen: Tierwohl, Existenzen, Vertrauen.

Schluss mit Schwanengesang
Die wahre Pandemie ist nicht der Erreger, sondern die routinehafte Dramatisierung. Sie frisst Aufmerksamkeit, Budgets und Glaubwürdigkeit – und nährt genau jene Politikform, die wir uns abgewöhnen wollten: Aktionismus im Kostüm der Fürsorge. H5N1 verdient Wachsamkeit, ja. Aber Wachsamkeit ist nicht dasselbe wie Dauer-Alarm.

Wenn der nächste Kranich als Feuilletonfigur vom Himmel fällt, tun wir etwas Revolutionäres: Wir warten die Daten ab, statt die Schlagzeile. Und wir behandeln Vorsorge wie Medizin – mit Indikation, Dosis, Nebenwirkungen und Aufklärung. Alles andere ist nur das alte Theater in neuen Federn.


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Mein Blog war niemals darauf ausgelegt Nachrichten zu verbreiten, geschweige denn politisch zu werden, doch mit dem aktuellen Zeitgeschehen kann ich einfach nicht anders, als Informationen, welche sonst auf allen anderen Kanälen zensiert werden, hier festzuhalten. Mir ist dabei bewusst, dass die Seite mit dem Design auf viele diesbezüglich nicht «seriös» wirkt, ich werde dies aber nicht ändern, um den «Mainstream» zu gefallen. Wer offen ist, für nicht staatskonforme Informationen, sieht den Inhalt und nicht die Verpackung. Ich habe die letzten 2 Jahre genügend versucht, Menschen mit Informationen zu versorgen, dabei jedoch schnell bemerkt, dass es niemals darauf ankommt, wie diese «verpackt» sind, sondern was das Gegenüber für eine Einstellung dazu pflegt. Ich will niemandem Honig ums Maul schmieren, um auf irgendwelche Weise Erwartungen zu erfüllen, daher werde ich dieses Design beibehalten, denn irgendwann werde ich diese politischen Statements hoffentlich auch wieder sein lassen können, denn es ist nicht mein Ziel, ewig so weiterzumachen ;) Ich überlasse es jedem selbst, wie er damit umgeht. Gerne dürfen die Inhalte aber auch einfach kopiert und weiterverbreitet werden, mein Blog stand schon immer unter der WTFPL-Lizenz.

Es fällt mir schwer zu beschreiben, was ich hier eigentlich tue, DravensTales wurde im Laufe der Jahre Kulturblog, Musikblog, Schockblog, Techblog, Horrorblog, Funblog, ein Blog über Netzfundstücke, über Internet-Skurrilitäten, Trashblog, Kunstblog, Durchlauferhitzer, Zeitgeist-Blog, Schrottblog und Wundertütenblog genannt. Was alles etwas stimmt… – und doch nicht. Der Schwerpunkt des Blogs ist zeitgenössische Kunst, im weitesten Sinne des Wortes.

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