Man muss den «Qualitätsmedien» eines lassen: Konstanz können sie. Andere nennen das Sturheit, sie nennen es vermutlich «Verlässlichkeit». Jahr für Jahr dieselbe Choreografie, dieselben Grenzwerte, dieselben Warnungen, derselbe Zeigefinger. Heute also wieder Vitamin D. Morgen irgendwas anderes, das zufällig nicht patentierbar ist und frei im Regal steht. Zufälle gibt’s ja bekanntlich viele.
Das Prinzip ist herrlich simpel. Man nimmt behördlich abgesegnete Referenzwerte, erklärt sie zur naturgesetzlichen Wahrheit und warnt vor allem, was auch nur einen Hauch darüber liegt. Denken? Nicht vorgesehen. Kontext? Stört nur. Erkenntnisgewinn? Fehlanzeige. Aber hey, Hauptsache, der Warnhinweis sitzt. Verbraucherschutz lebt schliesslich nicht von Verstehen, sondern von Verunsichern.
Dass diese Grenzwerte wissenschaftlich hoch umstritten sind, teils aus einer Zeit stammen, in der Vitamin D vor allem als Rachitis-Notnagel für Kinder galt? Geschenkt. Dass aktuelle Studien längst andere, deutlich höhere Zielbereiche diskutieren, abhängig von Alter, Stoffwechsel, Erkrankungen, Breitengrad und Lebensstil? Nebensache. Differenzierung ist gefährlich. Sie könnte den Bürger auf dumme Gedanken bringen. Zum Beispiel auf eigene.
Die «Qualitäts-Presse» übernimmt alles brav. Der Beitrag der t-Online ist so dünn, man könnte ihn als Lichtdurchlässigkeitsfolie verwenden. Kein Hinterfragen, kein Einordnen, kein Nachbohren. Hauptsache Alarm. Gefahr. Risiko. Der Leser soll sich bitte fürchten. Vor Vitamin D. Frei verkäuflich. Seit Jahrzehnten im Einsatz. Aber Vorsicht, bloss nicht selbst denken, sonst könnte man noch Verantwortung übernehmen.
Was auffällig konsequent fehlt, ist der Blick auf das eigentliche Elefantenskelett im Raum: Medikamente. Polypharmazie. Fehlverordnungen. Nebenwirkungen. Krankenhausinfektionen. Iatrogene Schäden. Alles zusammen seit Jahren unter den Top-Todesursachen in westlichen Gesundheitssystemen. Aber psst. Das wäre unangenehm. Da könnte man ja fragen, ob unser «Gesundheitswesen» vielleicht eher ein «Krankenwesen» ist. Oder ein Krakenwesen. Viele Arme, fester Griff, wenig Loslassen.
Stattdessen wird moralisch geschniegelt beim Nahrungsergänzungsmittel. Beim Bürger, der sich kümmert. Der selbst nachliest, misst, ausprobiert, Verantwortung übernimmt. Da stehen sie dann, die Oberwarner mit Gütesiegel, bereit, jeden Eigenversuch zu diskreditieren. Autonomie ist schliesslich verdächtig.
Man stelle sich nur einen kurzen Moment vor, man würde diese Leidenschaft auf den Supermarkt anwenden.
Warnhinweis auf Frühstücksflocken: Zuckeranteil jenseits jeder Vernunft.
Auf Softdrinks: Erhöhtes Risiko für Fettleber und Diabetes.
Auf Fertiggerichten: Geschmacksverstärker mit möglicher neurobiologischer Wirkung.
Auf Palmölprodukten: Zusammenhang mit Entzündungsprozessen diskutiert.
Was für ein Skandal das wäre. Systemfragen! Wirtschaft! Arbeitsplätze! Das geht natürlich nicht. Vitamin D hingegen ist perfekt. Keine Lobby, kein Konzern, kein PR-Budget. Ein ideales Feindbild. Der mündige Bürger ist gefährlich, nicht das System.
Und so bleibt am Ende wieder die alte Pointe, die eigentlich spätestens seit 2020 Allgemeinwissen sein sollte:
Nicht die Substanz ist das Problem.
Nicht einmal die Dosierung.
Das Problem ist die Denkverweigerung.
Und die wird hier regelmässig geprüft.
Mit Bestnote!


«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








