Manchmal begegnet dir ein Mensch, der stellt sich hin und sagt: «Ich will hier gar nicht diskutieren, wer gut oder böse ist. Ich will nur Chronologie.» Und du denkst: Endlich. Ein Erwachsener im Raum. Einer, der nicht sofort moralische Konfetti-Kanonen abfeuert, sobald das Wort «Ukraine» fällt. Jacques Baud ist so einer. Schweizer Oberst a. D., früher strategischer Nachrichtendienst, später in internationalen Kontexten unterwegs, UNO-NATO-Umfeld, Afrika, Afghanistan, humanitäre Entminung, Doktrin-Kram. Klingt nach jemandem, der zumindest schon mal mehr gesehen hat als Talkshow-Studios und Hashtags.

Sein Markenzeichen im Vortrag: Der nüchterne, neutrale Blick. Nicht «Punkte zählen», nicht «Gut gegen Böse», sondern: Chronologie, Daten, rechtliche Einordnung. Und dann setzt er noch einen drauf: Er arbeite ohne russische Quellen, sondern nur mit westlichen und ukrainischen Angaben. Damit auch ja niemand sagen kann: «Der hat bestimmt in Moskau einen Gutschein für Borschtsch bekommen.» Das ist die Sorte Absicherung, die du in unserer Zeit brauchst, bevor du überhaupt einen Satz über Krieg sagen darfst. Erstmal die rituelle Selbstreinigung: «Keine Sorge, ich habe das Böse nicht gelesen.»

Der Krieg beginnt nicht 2022. Und das ist für manche schon Gotteslästerung. Bauds Kernlinie ist simpel und zugleich maximal unerwünscht: Der Konflikt beginnt nicht 2022, sondern eskaliert seit 2014. Er setzt an beim Umbruch nach Maidan, der Sprachfrage, Protesten im Süden und Osten und der Entwicklung im Donbass. Er beschreibt, wie aus politischer Spannung militärische Realität wurde, wie paramilitärische Kräfte entstanden und wie sich die Fronten verhärteten. Das Problem ist nicht, dass diese Jahre kompliziert sind. Das Problem ist, dass sie nicht in die kindgerechte Erzählung passen, die wir uns seit 2022 so liebevoll an die Kühlschranktür gepinnt haben: «Da war Frieden. Dann kam der eine Böse und griff an. Ende.» Chronologie ist in einer moralischen Erregungskultur ungefähr so beliebt wie eine Steuerprüfung im Wellnesshotel.

Minsk: «Friedensabkommen» als Zeitkauf. Überraschung: Politik ist manchmal nicht ehrlich. Baud ordnet die Minsker Abkommen als vertagte Lösung ein. Nicht als romantische Friedensbrücke, sondern als Konstruktion, die den Konflikt eingefroren, nicht gelöst hat. Er verweist darauf, dass Minsk politisch garantiert war (Deutschland/Frankreich auf der einen, Russland auf der anderen Seite) und dass später Aussagen verschiedener Beteiligter darauf hindeuten sollen, Minsk sei vor allem genutzt worden, um Zeit zu gewinnen. Das ist natürlich ein unangenehmer Gedanke, weil er impliziert: Vielleicht war nicht alles eine reine Moraloper. Vielleicht war das geopolitische Schachbrett schon länger aufgebaut, als wir es im Fernsehen serviert bekamen.

OSZE-Daten: Wenn Zahlen plötzlich stören, nennt man sie «umstritten»
Spannend wird es bei Bauds Verweis auf OSZE-Beobachtungen, insbesondere die Zunahme von Beschuss/Ereignissen im Februar 2022. Er nutzt das als Baustein für seine These: Die Lage habe sich kurz vor dem 24. Februar zugespitzt, und das sei ein Teil des Kontexts, den man weglässt, wenn man den Konflikt erst mit dem russischen Einmarsch beginnen lässt. Hier passiert oft das übliche Wunder der modernen Debatte: Wenn Zahlen in die eigene Story passen, heissen sie «Fakten». Wenn sie stören, heissen sie «Narrativ», «Propaganda» oder «kann man so nicht sagen».

Der juristische Rahmen: R2P und Artikel 51. Klingt trocken. Ist es auch. Deshalb hört’s kaum jemand.
Baud erklärt seinen rechtlichen Deutungsrahmen mit Begriffen wie Responsibility to Protect (R2P) und Artikel 51 der UN-Charta (Selbstverteidigung bzw. kollektive Selbstverteidigung). Er baut daraus eine Argumentationskette: Anerkennung der Donbass-Republiken, Hilfeersuchen, daraus abgeleitete Legitimität. Ob man diese Ableitung akzeptiert oder nicht, ist eine zweite Frage. Aber es ist immerhin ein Versuch, rechtlich zu argumentieren, statt nur emotional. Und genau deshalb ist es gefährlich. Nicht für die Wahrheit, sondern fürs Fernsehen.

Die Ukraine ist nicht «ein Block». Und das ist der Teil, den Moral-Fans am meisten hassen.
Am Ende thematisiert Baud interne Bruchlinien innerhalb der Ukraine: Regionale Unterschiede, Sprachräume, Identitätskonflikte, unterschiedliche Widerstandswillen. Er sagt sinngemäss: Wer die Ukraine als monolithisches «ein Volk, ein Wille» erzählt, erzählt nicht die ganze Geschichte. Und natürlich ist das heikel. Nicht weil es automatisch falsch wäre, sondern weil jede Differenzierung sofort als Relativierung missverstanden wird. In unserer Kultur gilt:
Differenzierung = Verrat.
Kontext = Apologie.
Chronologie = falsche Seite.
Das ist kindisch, aber praktisch. Kindisch ist immer praktisch.

Der eigentliche Skandal: Er nimmt uns die bequeme Erzählung weg. Was an Bauds Vortrag provoziert, ist nicht zwingend jede einzelne These. Es ist der Stil: Er versucht, den Konflikt aus der moralischen Glaskugel rauszuholen und wieder in die Welt der Ereignisse, Interessen und Fehlerketten zu stellen. Und wenn du das machst, passiert etwas Unangenehmes:
Du merkst plötzlich, dass ein Krieg selten mit einem einzigen Satz erklärt werden kann. Und dass «Neutralität» nicht bedeutet, niemanden zu kritisieren, sondern: alle Seiten auszuhalten, ohne sofort in Stammeslogik zu kippen.

Am Ende bleibt eine simple, bittere Erkenntnis:
Vielleicht ist nicht «die andere Sicht» das Problem.
Vielleicht ist das Problem, dass wir nur noch eine Sicht ertragen.
Und jetzt entschuldige mich, ich muss kurz einen Arbeitskreis gründen: «Wie man unangenehme Komplexität wieder abschafft.»

Ukraine-Krieg ab 2014 erklärt: Schweizer Oberst a. D. Jacques Baud (ehem. Nachrichtendienst)
Ukraine-Krieg ab 2014 erklärt: Schweizer Oberst a. D. Jacques Baud (ehem. Nachrichtendienst)

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