Es war einmal – ein Horrorfilm, wie es so noch keinen gab. Ein junger Amerikaner, der bislang als Illustrator und Setdesigner in Erscheinung getreten war serviert uns mit «The Witch» ein rabenschwarzes und überaus böses Stück Genrekino. Der erst 32-jährige Regisseur und Drehbuchautor Robert Eggers vermag mit seinem Spielfilmdebüt den Zuschauer detailgetreu ins 17. Jahrhundert zu versetzen und bringt die Atmosphäre des dunklen, teils trostlosen Mittelalters gut zur Geltung. Die Palette reicht von Gruselmärchen über Historiendrama bis hin zur Familientragödie: Für jeden ist etwas dabei.

The Witch

Robert Eggers durfte bereits auf dem Sundance Filmfestival 2015 den Preis für die «Beste Regie» in Empfang nehmen, während die internationale Presse sein Werk frenetisch feierte. Nach all den «besten Horrorfilmen seit Jahren», die in Wahrheit doch nur ausgelutschte Ideen ein wenig variieren und modern aufpeppen, schlägt Eggers einen anderen Weg ein: Er konzentriert sich zunächst voll auf seine Figuren und das Drama, lässt dabei nur sehr langsam und subtil das Grauen in die im Zentrum stehende Familie schleichen und beschwört letztlich dann mit aller Konsequenz die Hölle auf der Leinwand herauf. Billige Schocks und literweise Blut sind nicht seine Sache – eine erstickend dichte Atmosphäre und ein symbollastiges, intelligentes Konzept dafür umso mehr. In der versierten Ausarbeitung lassen sich hier gar Vergleiche mit grossen Meistern wie Stanley Kubrick (Shining), Nicolas Roeg (Wenn die Gondeln Trauer tragen) oder William Friedkin (Der Exorzist) ziehen, doch tatsächlich erinnert «The Witch» am ehesten an einen finsteren Albtraum, den Ingmar Bergman nie geträumt hat.

The Witch

Das in Neuengland spielende Horrormärchen ist erfrischend, da es zu den Anfängen rund um die Thematiken Hexerei und Mittelalter zurückgeht – was durch die Verwendung originaler Protokolle und Schriften der damaligen Hexenprozesse von Salem besonders authentisch wirkt. Es entwickelt sich sehr subtil zum verstörenden Familiendrama mit vorherrschendem Misstrauen und Religionswahn. Der damals vielerlei praktizierte Puritanismus, welchem auch die in «The Witch «porträtierte Familie angehört, wird authentisch und gleichzeitig für den Zuschauer bedrückend dargestellt. Ausgezeichnete, kaum vorhersehbare Handlungsstränge und Hintergründe verleihen der Geschichte die nötige Tiefe. Nebst den fantastisch grausamen Bildern, die meist nur bei natürlichem Licht aufgenommen wurden, ist die Musik des Films wahrlich meisterhaft eingesetzt und man fragt sich ob auch der Komponist einen Pakt mit dem Teufel eingegangen ist. Sowohl die Sprache aus der damaligen Zeit, wie auch die Symbolträchtigkeit – der Ziegenbock «Schwarzer Philip» als Versinnbildlichung des Teufels – sind ein zusätzlicher Pluspunkt des Films. Schauspielerisch sticht vor allem die junge Anya Taylor-Joy als Tochter Thomasin hervor. Wer das Böse sucht, der wird es finden. Ein Film der einem ins Bewusstsein ruft, wie dunkel dieses Zeitalter damals war und das Aberglaube und Gottesfürchtigkeit zum täglichen Brot gehörten.

The Witch

Wie beim Häuten einer Zwiebel gelangt man stetig näher an den morbiden Kern der Geschichte. Vielschichtig und hintergründig verpackt Eggers seinen Albtraum aus der Vergangenheit – aus einer Zeit, in der Hexen und der Beelzebub noch ernsthaft Angst und Schrecken unter den Menschen verbreitet haben. So wirken die wohldosierten übersinnlichen Elemente des Films im Kontext der bitteren Familientragödie besonders verstörend und nachhaltig. Wer das Übel in sich trägt, oder ob dieses vielleicht von aussen zugeführt worden ist, wird sich erst am Gänsehaut erzeugenden Ende herauskristallisieren. Wenn man die Charaktere genau studiert, kommt man schnell zum Schluss, dass hier niemand wirklich ohne Sünde verbleibt – sei es der ignorante Hochmut des Vaters, das sexuelle Verlangen des heranwachsenden Caleb nach der verbotenen Frucht oder das gehässige Spiel der Kinder. Und immer wieder: Lügen. Am eindringlichsten führt das Werk dann auch vor Augen, dass erst das Auseinanderrücken einer Einheit den Platz für das wachsende Unheil bereitet. Im flackernden Kerzenlicht verdrängt die Angst langsam alle Hoffnungen und der starre Glaube wirkt als ein Werkzeug der Zerstörung.

The Witch

Es ist ein Film im Schwebezustand – und das hat der Zuschauer mit den Figuren gemein: Man ist hoffnungslos gefangen in der eigentümlichen Welt, die sich einem da auftut. Nie weiss man so recht, ob das Gesehene wirklich geschieht oder doch nur Ausdruck eines langsam um sich greifenden Wahnsinns ist. Eines Wahnsinns, der eine einfache Quäkerfamilie befällt, die, abgeschnitten von allen sozialen Kontakten und geächtet von ihrer Gemeinde, in einer notdürftig errichteten Hütte in der Wildnis von Neu-England auf sich allein gestellt ist. Isolation und Gottesfürchtigkeit sind ein explosives Gemisch. Vorangetrieben von der Verzweiflung, die vom Ausbleiben der Ernte und dem spurlosen Verschwinden des jüngsten Sohnes ausgelöst wird, entsteht ein Überdruck, der sich entladen wird. Das steht fest, das weiss man. Wir haben es mit einem leisen und unbequemen Film zu tun, der mit langen Einstellungen und wenigen Schnitten auskommt und bei dem der Zuschauer einerseits genug weiss, um den Familienmitgliedern Warnungen zurufen zu wollen, andererseits selbst nicht so sicher sein kann, was dort in den Wäldern vor sich geht.

THE WITCH | Trailer deutsch german [HD]
THE WITCH | Trailer deutsch german [HD]

«The Witch» ist nichts für Freunde leichter Gruselkost und belohnt vor allem jene Zuschauer, die mit der Bildersprache Bergmans etwas anfangen können und sich gleichzeitig noch einen Hauch David Lynch dazudenken. Atmosphärisch gefilmt und gut gespielt ist der Film ohnehin und eine kritische Auseinandersetzung mit eifrigem Glauben bekommt man noch obendrein. Wer «The Babadook» mochte, weil der die Figuren in den Vordergrund stellte und kein belangloser Genrefilm sein wollte und «Blair Witch Project» gut fand, weil er Zweifel säte und natürlich auch mit einer (meist unsichtbaren) Bedrohung in den Wäldern zu tun hatte, hat gute Chancen mit «The Witch» glücklich zu werden. Aufgeschlossene Filmfreunde finden hier ein kleines Meisterwerk, das sich mit seinen herausragenden Darstellern und der liebevollen Ausstattung sogar der in der Regel horrorscheuen Academy empfehlen könnte. Erwachsener Horror mit Verstand und damit nicht jedermanns Sache.

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