Es ist schon rührend, wie viele Menschen noch immer von «unserem» SRF sprechen. Dieses warme, kuschelige Gefühl von Service Public. Objektiv. Ausgewogen. Neutral. Wie ein seriöser Onkel, der am Küchentisch sitzt und uns die Welt erklärt. Und zufällig erklärt er sie immer ziemlich gleich. SRF, so der Anspruch, informiert sachlich. Kritisch. Unabhängig. Nur dass man bei gewissen Themen den Eindruck bekommt, hier werde weniger berichtet als betreut. Corona zum Beispiel. Da klang vieles weniger nach nüchterner Analyse und mehr nach moralischer Begleitmusik. Massnahmen? Alternativlos. Kritik? Problematisch. Skepsis? Gefährlich. Spaltung? War natürlich nur ein Nebeneffekt. Man habe ja nur informiert.
Dann kamen die RKI-Files. Veröffentlicht, diskutiert, international beachtet. Stoff genug für investigative Aufarbeitung, Hintergrundsendungen, vielleicht sogar einen kritischen Dokumentarfilm. Und SRF? Schweigen. Oder zumindest ein bemerkenswert diskretes Räuspern. Aber klar: Wenn ein Narrativ über Jahre stabil gehalten wurde, sägt man nicht freiwillig daran. Schon gar nicht, wenn man institutionell eng mit jenem Staat verwoben ist, dessen Kurs man zuvor verteidigt hat.
Und nun die 200-Franken-Debatte. «200 Franken sind genug», sagen die einen. «Gefährlich für die Demokratie!», rufen die anderen – vorzugsweise aus gut gepolsterten Studiosesseln. Plötzlich geht es um Qualität, Vielfalt, Verantwortung. Und natürlich um die unverzichtbare Rolle des SRF für die politische Meinungsbildung. Komisch nur, dass der Beweis, wie effizient man mit weniger Geld arbeiten könnte, konsequent ausbleibt.
Niemand sägt am Ast, auf dem er sitzt. Vor allem nicht, wenn dieser Ast gut bezahlt ist. Die Gagen im öffentlich-rechtlichen Betrieb sind kein Geheimnis. Stabil finanziert durch Gebühren, unabhängig von Einschaltquoten. Ein beneidenswertes Geschäftsmodell. Man nennt es Grundversorgung. Andere nennen es Komfortzone. Dabei geht es längst nicht nur ums Geld. Medien sind Machtinstrumente. Nicht im plakativen Sinne, sondern subtil. Man muss keine Befehle erteilen, um zu lenken. Es reicht, Themen zu setzen. Gewichtungen vorzunehmen. Gäste auszuwählen. Moderationen fein zu kalibrieren.
Arena ist dafür ein Paradebeispiel. Ein Hauch von Streitkultur, gewürzt mit Empörung, begleitet von scheinbar kritischen Fragen. Doch wer genauer hinsieht, erkennt das Muster: Die Diskussion bewegt sich meist innerhalb eines klar definierten Rahmens. Die ganz unbequemen Perspektiven bleiben draussen oder werden elegant relativiert. Und dann heisst es: «Wir haben doch alle Seiten eingeladen.» Ja. Aber welche Seiten? Und mit welcher Gewichtung? Und vor allem: Wer moderiert – und mit welcher Grundhaltung?
Die Kunst moderner Propaganda besteht nicht darin, offen zu befehlen. Sie besteht darin, das Gefühl zu erzeugen, man bilde sich seine Meinung ganz allein. Während man sich in einem sorgfältig kuratierten Meinungskorridor bewegt. Man liefert gerade genug Sinn – oder Unsinn – damit sich das Publikum informiert fühlt. Und gleichzeitig ausreichend Ablenkung: Sport, Serien, aufwendig produzierte «wissenschaftliche» Dokus. Alles staatlich finanziert, versteht sich. Unterhaltung als Sedierung.
Das alles geschieht nicht zwingend in böser Absicht. Es braucht keine Verschwörung. Es reicht institutionelle Nähe. Ein gemeinsames Weltbild. Eine geteilte politische Grundhaltung. Und schon entsteht ein Echoraum, der sich selbst für neutral hält. Wer das kritisiert, gilt schnell als medienfeindlich. Als demokratiegefährdend. Als jemand, der «den Service Public zerstören» will. Dabei geht es um eine simple Frage: Wird hier wirklich ausgewogen informiert – oder primär stabilisiert, was politisch ohnehin gewünscht ist?
200 Franken seien «genug»? Für manche offenbar zu wenig, um die gewohnte Deutungshoheit zu sichern. Für andere bereits zu viel für ein System, das sich selbst selten kritisch hinterfragt. Und die vielleicht unangenehmste Frage bleibt: Wer garantiert, dass es bei 200 Franken bleibt? Gebühren haben die Tendenz zu wachsen. Genau wie Institutionen, die sich selbst legitimieren. Am Ende steht kein Verbot von Information. Sondern ein Wunsch nach echter Pluralität. Nach Medien, die nicht nur behaupten, kritisch zu sein, sondern es auch gegenüber jenen sind, die sie finanzieren.
Solange Narrative dominieren, solange Aufarbeitung selektiv erfolgt und solange Debatten wie choreografierte Rituale wirken, bleibt ein schaler Beigeschmack. Service Public? Vielleicht. Oder doch eher: Service am Status quo.


«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








