Irgendwann hat irgendjemand in irgendeinem Ministerium beschlossen, dass die Zukunft digital ist. Vollständig, kompromisslos, ausnahmslos digital. Apps, Portale, QR-Codes, Online-Formulare, digitale Signaturen, Zwei-Faktor-Authentifizierung – und wer damit nicht zurechtkommt, hat in dieser glänzenden, optimierten, benutzungsfreundlichen Zukunft schlicht nichts verloren. Das nennt man Innovation. Das nennt man Fortschritt. Das nennt man, in der Fachsprache der Bürokratie, Modernisierung. Was man es nicht nennt: Verachtung. Obwohl es genau das ist.
Wir schreiben das Jahr 2026. Wer einen Arzttermin vereinbaren will, benötigt eine App. Wer eine Behörde kontaktieren will, benötigt ein Portal. Wer eine Rechnung bezahlen, ein Formular einreichen, eine Leistung beantragen will, benötigt einen Account, ein Passwort, eine verifizierte E-Mail-Adresse und im Idealfall einen technikaffinen Enkel, der am Wochenende vorbeikommen und das alles erledigen kann. Für jemanden, der in den 1940ern geboren wurde und dieses Land mit Händen aufgebaut hat, die heute zittern – für den ist das System nicht mehr zugänglich. Nicht weil er zu dumm wäre. Sondern weil das System nie für ihn gebaut wurde. Das ist keine Nachlässigkeit. Das ist Methode.
Denn die Entscheidung, sämtliche Zugänge zu Gesundheit, Verwaltung und gesellschaftlicher Teilhabe hinter digitale Barrieren zu legen, ist keine technische Entscheidung. Sie ist eine Politische. Und sie trifft dieselbe Generation mit präziser Konsequenz, die niemals für sich selbst auf die Strasse geht, die nicht demonstriert, nicht viral geht, nicht twittert und keine Lobby finanziert. Die Alten beschweren sich beim Nachbarn, beim Arzt, bei der Familie – nicht in der Öffentlichkeit, nicht in den Medien, nicht dort, wo es unbequem wird. Sie sind die perfekte Zielgruppe für politische Gleichgültigkeit: maximal betroffen, minimal laut.
Der Mensch, der diese digitalen Barrieren entwirft, hält sich für ein Innovationsgenie. Er sitzt in einem Grossraumbüro mit Stehtischen und Smoothie-Bar, spricht über User Experience und Customer Journey und hat in seinem gesamten Berufsleben noch nicht erlebt, was es bedeutet, mit 83 Jahren vor einem Bildschirm zu sitzen und nicht zu wissen, wo man klicken soll. Für ihn sind Senioren eine Randnotiz in der Nutzerstatistik – zu klein, zu unrentabel, zu analog. Also lässt man sie weg. Elegant, geräuschlos, unter dem Deckmantel des Fortschritts.
Das Perverse daran ist die Sprache, in der das alles verkauft wird. Digitalisierung ist Erleichterung. Vereinfachung. Effizienz. Alles schneller, alles einfacher, alles besser. Für wen? Für denjenigen, der mit dem System bereits vertraut ist. Für jeden anderen ist es eine Zulassungsprüfung – für das Recht auf Gesundheitsversorgung, für das Recht auf Behördenzugang, für das Recht auf Würde im Alltag. Wer diese Prüfung nicht besteht, fällt durch. Still, unsichtbar, ohne dass irgendjemand eine Statistik dazu veröffentlicht.
Und die Politik? Die feiert sich selbst. Digitalisierungsindex verbessert. Bürgerportale ausgebaut. E-Government vorangetrieben. Irgendwo gibt es eine Pressemitteilung, irgendwo eine Auszeichnung, irgendwo einen Staatssekretär, der erklärt, wie zukunftsfähig das alles ist. Was er nicht erklärt: Wie die 79-jährige Frau, die keine Verwandten in der Nähe hat, ihren Hausarzt kontaktieren soll, seit die Praxis auf Online-Terminbuchung umgestellt hat und die Telefonleitung nur noch als Notfallkontakt gilt.
Das ist kein Randproblem. Das ist strukturelle Aussortierung einer gesamten Generation – jener Generation wohlgemerkt, deren Renteneinzahlungen das System jahrzehntelang finanziert haben, deren Arbeit den Wohlstand ermöglicht hat, von dem alle anderen heute profitieren. Der Dank dafür ist ein Bildschirm, ein Passwort und die implizite Botschaft: Komm damit zurecht, oder bleib zurück.
Technologie ist dann ein Werkzeug, wenn sie allen dient. Wenn sie nur denjenigen dient, die sie ohnehin schon beherrschen, ist sie kein Fortschritt. Sie ist Selektion. Mit freundlichem Interface…


«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








