Wir haben in den vergangenen Wochen viel über Manipulation gelernt. Über geschlossene Deutungssysteme, die jeden Widerspruch als Beweis ihrer eigenen Richtigkeit umdeuten. Über Theorien, die immun gegen Falsifikation sind, weil sie den Einwand bereits als Symptom definiert haben. Über die vier Schritte der klassischen Massenmanipulation: Gefahr benennen, Werte bedrohen, Angst erzeugen, die eigene Agenda als einzige Rettung anbieten. Man könnte meinen, das seien abstrakte Beobachtungen. Hamburg hat uns letzte Woche eine Frischzellenkur in angewandter Manipulationstheorie geliefert.
Auf einer Bühne stehen Frauen in den charakteristischen Kostümen aus Margaret Atwoods dystopischem Roman. Symbolwahl mit Kalkül: Wer dieses Kostüm anzieht, positioniert sich automatisch im Aufstand der Unterdrückten gegen ein System totaler männlicher Gewalt. Das ist keine Meinungsäusserung mehr. Das ist Framing in Reinkultur. Wer dagegen argumentiert, argumentiert – zumindest in der Logik dieser Inszenierung – für die Unterdrückung. Der Einwand ist bereits als Beweis der Anklage definiert, bevor er formuliert wird. Bekannte Architektur.
Dann die Zeremonie selbst. Männer werden aufgefordert, einander anzublicken und sich zu fragen, ob sie von Tätern umringt sind. Ob der Arbeitskollege, der Chef, der beste Freund, der eigene Sohn ein potenzieller Täter sei. Man solle in sich gehen, die eigene Tätervergangenheit aufarbeiten, ein Versprechen ablegen – schweigend, öffentlich, kollektiv. Das nennt sich Bewusstseinsbildung. In anderen Kontexten nennt man es Kollektivschuld. Und in wieder anderen – aber das ist vielleicht zu weit gegangen – Schauprozess.¨
Der Mechanismus ist derselbe, den wir schon aus der COVID-Ära kennen: Eine Gruppe wird zur strukturellen Bedrohung erklärt. Nicht einzelne Täter – die Kategorie. Der Mann als solcher trägt Mitverantwortung, bis er das Gegenteil durch aktives Engagement bewiesen hat. Unschuldsvermutung? Umgekehrt. Beweislast? Beim Angeklagten. Und wer sich weigert, an der Zeremonie teilzunehmen, hat damit bereits seinen Verdächtigen-Status bestätigt. Das ist nicht Feminismus. Das ist Inquisition mit besserer Pressearbeit.
Doch die Gegenreaktion verfällt exakt denselben Methoden. Was als Kritik an Kollektivschuld beginnt, endet als Kollektivverspottung. Was als Verteidigung gegen pauschale Täterschaft antritt, produziert pauschale Karikatur. Der woke Aktivismus sagt: Alle Männer sind potenzielle Täter, bis sie Gegenteiliges beweisen. Der antiwoke Kommentar antwortet: Alle diese Frauen sind hysterisch und ihr Lachen ist die einzig angemessene Reaktion. Beide Sätze haben denselben Konstruktionsfehler: Sie ersetzen Denken durch Sortieren.
Dazwischen operiert der NGO-Komplex mit der Präzision eines gut geölten Apparats. Organisationen, die sich dem Kampf gegen Hass verschrieben haben und dabei eine Sprache sprechen, die exakt jenen politischen Milieus entspricht, die ihre Anliegen dankbar aufgreifen. Natürlich vollkommen unabhängig – was man schon daran erkennt, dass das Ergebnis ihrer Analyse stets mit der Agenda ihrer Geldgeber übereinstimmt. Wenn eine solche Organisation von Diffamierungskampagnen spricht, klingt das wie aus dem institutionellen Empörungsgenerator. Das Drehbuch ist immer dasselbe: Man kämpft gegen Hass, hetzt dabei selbst nie, steht unter Beschuss der Demokratiefeinde und wer Kritik übt, befindet sich mindestens am dunklen Rand.
Und die Medien? Die riechen Moral wie Haie Blut. Wo Opferstruktur, digitaler Schrecken und patriarchale Restwärme aufeinandertreffen, beginnt das grosse Framing. Aus einem Einzelfall wird ein gesellschaftliches Menetekel. Aus einem privaten Konflikt ein politisches Geschäftsmodell. Empörung ist das letzte funktionierende Abo-Modell des deutschen Journalismus. Für Differenzierung gibt es keine Einschaltquoten. Für Betroffenheitsbewirtschaftung schon.
Was dabei verloren geht, ist die eigentliche Frage – die einzige, die in diesem gesamten Spektakel wirklich zählen würde: Was hilft tatsächlich den Frauen, die wahrlich Gewalt erfahren haben? Die Scham-Zeremonie in Hamburg? Die kollektive Täterschaftszuweisung an eine halbe Bevölkerung? Der Aufruf, Männlichkeit als solche zu überwinden? Oder wäre es – ketzerischer Gedanke – vielleicht zielführender, individuelle Täter zur Rechenschaft zu ziehen, funktionierende Strafverfolgung zu stärken und dabei die Unschuldsvermutung nicht als patriarchales Relikt zu behandeln?
Aber diese Frage ist zu nüchtern für das aktuelle Medienklima. Zu wenig Kostüm. Zu wenig Schrei. Zu wenig Fernsehpreis.
Der Fall Fernandes – gleich ob die Vorwürfe sich am Ende vollständig bestätigen oder nicht, die Unschuldsvermutung gilt, bis ein Gericht entschieden hat – wurde in Rekordzeit zu einem politischen Rohstoff veredelt. Justizministerium, NGOs, Demonstrationen, Schamzeremonien, Bundestag, Talkshows: Die Verwertungskette funktioniert reibungslos. Am Ende steht ein Gesetz, das unter emotionalem Druck entstand. Eine gesellschaftliche Wunde, die bewusst offen gehalten wird, weil geschlossene Wunden keine Klicks generieren. Und eine Debatte, in der beide Seiten brüllen, keine hört und die Manipulateure in aller Ruhe das einzige tun, was sie schon immer getan haben. Die Agenda voranbringen. Während alle anderen schreien…

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








