Oxford war einst ein Symbol für Aufklärung. Ein Ort, an dem Menschen über Freiheit, Wissen und Selbstbestimmung nachdachten. Heute ist es ein Ort, an dem Kameras darüber nachdenken, ob du in deine eigene Strasse fahren darfst. Fortschritt nennt man das. Sechs Kameratore überwachen nun die Einfahrten in die Innenstadt. Sie lesen jedes Kennzeichen. Sie registrieren jede Bewegung. Sie wissen, wann du kommst, wann du gehst und ob du das moralische und finanzielle Recht besitzt, dich durch den urbanen Raum zu bewegen. Wenn ja, kostet es fünf Pfund. Wenn nein, kostet es mehr.
Natürlich ist es nur eine Gebühr. Eine kleine. Fast symbolisch. Eine freundliche Erinnerung daran, dass Mobilität in der modernen Smart City kein Recht mehr ist, sondern ein Service. Und Services kosten Geld. Besonders interessant ist das grosszügige Angebot für Anwohner. Sie erhalten 100 freie Tage pro Jahr. Ein digitales Gnadenkontingent. Ein Bewegungsbudget. Eine staatlich genehmigte Dosis Freiheit, sorgfältig rationiert und algorithmisch verwaltet. 100 Tage. Der Rest des Jahres gehört dem System.
Besucher dürfen ebenfalls teilnehmen. Vorausgesetzt, sie registrieren sich. Geben ihr Kennzeichen an. Aktivieren ihre Zugangsberechtigung. Akzeptieren die Bedingungen. Werden Teil der Infrastruktur, die sie überwacht. Es ist eine bemerkenswerte Transformation. Städte waren einst Orte der Bewegung. Offene Räume. Dynamische Systeme. Heute sind sie Plattformen. Digitale Ökosysteme. Kontrollierte Umgebungen, in denen jede Bewegung dokumentiert und bewertet wird.
Man nennt es Smart City. Smart bedeutet in diesem Kontext nicht intelligent. Es bedeutet sichtbar. Das System weiss, wer du bist. Wo du bist. Wann du dort bist. Und ob du dort sein darfst. Natürlich geschieht das alles aus den besten Gründen. Verkehrsberuhigung. Nachhaltigkeit. Lebensqualität. Worte, die so angenehm klingen, dass man fast vergisst, was sie tatsächlich ermöglichen. Eine Infrastruktur der totalen Sichtbarkeit.
Jedes Fahrzeug wird erfasst. Jede Einfahrt registriert. Jede Bewegung gespeichert. Vollautomatisch. Effizient. Unsichtbar. Unsichtbarkeit ist der Schlüssel. Denn was man nicht sieht, hinterfragt man nicht. Kameras sind klein. Algorithmen sind abstrakt. Kontrolle ist leise geworden. Früher brauchte Kontrolle Menschen. Heute braucht sie nur Software. Oxford ist dabei nur der Anfang. Ein Pilotprojekt. Ein Testlauf. Ein Experiment. Temporär, natürlich. Temporär ist ein wunderbares Wort. Es beruhigt. Es signalisiert, dass nichts dauerhaft ist. Dass alles reversibel ist.
Temporär bedeutet in der Praxis: dauerhaft genug, um sich zu etablieren. Sobald eine Infrastruktur existiert, verschwindet sie selten. Sie wächst. Sie erweitert sich. Sie integriert neue Funktionen. Neue Möglichkeiten. Neue Gründe. Heute geht es um Verkehr. Morgen geht es um Sicherheit. Übermorgen geht es um Ordnung. Und irgendwann geht es um alles.
Die 15-Minuten-Stadt ist die logische Konsequenz dieser Entwicklung. Eine Stadt, in der alles erreichbar ist. Alles lokal. Alles effizient. Alles kontrollierbar. Ein urbanes Habitat, optimiert für Komfort und Verwaltung. Du musst nicht weit reisen. Du musst nicht weit denken. Dein Leben existiert innerhalb eines definierten Radius. Ein Radius, der nicht nur geografisch ist, sondern auch digital.
Das System kennt deine Bewegungsmuster. Deine Gewohnheiten. Deine Routinen. Es optimiert deine Existenz. Es reduziert Komplexität. Es eliminiert Unvorhersehbarkeit. Unvorhersehbarkeit ist ineffizient. Freiheit ist unvorhersehbar. Deshalb wird sie strukturiert. Natürlich bleibt alles freiwillig. Niemand zwingt dich, zu fahren. Niemand zwingt dich, dich zu registrieren. Niemand zwingt dich, teilzunehmen.
Du kannst einfach draussenbleiben. Draussen ist ein interessantes Konzept. Es existiert theoretisch. Praktisch wird es zunehmend unpraktisch. Denn moderne Städte sind darauf ausgelegt, dass Teilnahme notwendig ist. Arbeiten, einkaufen, leben – all das geschieht innerhalb des Systems. Und das System erfordert Identifikation. Identifikation erzeugt Kontrolle. Kontrolle erzeugt Ordnung. Ordnung erzeugt Stabilität. Stabilität ist das höchste Ziel jeder Smart City.
Nicht Freiheit.
Nicht Autonomie.
Stabilität.
Oxford ist ein Labor. Ein Experiment in Echtzeit. Ein Beweis dafür, wie schnell sich Menschen an neue Realitäten gewöhnen. Wie schnell Gebühren normal werden. Wie schnell Registrierung selbstverständlich wird. Wie schnell Freiheit zu einer Funktion wird. Die Kameras stehen bereits. Die Software läuft. Die Infrastruktur existiert. Alles, was noch fehlt, ist Gewöhnung.
Und Gewöhnung ist die mächtigste Technologie von allen. Denn sobald Menschen akzeptieren, dass ihre Bewegungen überwacht werden, dass ihre Mobilität reguliert wird, dass ihre Freiheit verwaltet wird, hört es auf, Kontrolle zu sein. Es wird zur Normalität. Und Normalität ist unantastbar. Willkommen in der Smart City. Bitte registrieren Sie sich, um fortzufahren…


«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








