Zwei Demos in St. Gallen gegen den Impfzwang. Gleiche Sorge, ähnliches Ziel und trotzdem getrennte Bühnen, getrennte Mikrofone, getrennte Lager. Weil die Schweiz zwar Berge versetzen kann, aber offenbar kein narzisstisches Ego.
Die Ausgangslage ist simpel genug, dass selbst ein Bundesamt sie verstehen würde: Im revidierten kantonalen Gesundheitsgesetz steht die Möglichkeit einer Impfpflicht im Raum, inklusive saftiger Bussen (bis 20’000 Franken). Also gehen Menschen auf die Strasse. Nicht aus Langeweile, sondern weil «körperliche Selbstbestimmung» kein exotisches Hobby sein sollte. Und dann passiert das, was in jeder halbwegs lebendigen Bewegung passiert, sobald jemand merkt, dass Kameras dabei sind: Die Show beginnt.
Zwei Demos, weil eine Bewegung nicht reicht, wenn einer «Führer» spielen will
Die erste Kundgebung: Breit anschlussfähig. Keine Parteifahnen, keine Logos, keine «Branding-Strategie». Menschen aus unterschiedlichen politischen Ecken, die sich auf einen gemeinsamen Nenner einigen: Kein staatlicher Zwang an meinen Körper. Klingt nach dem, was Protest eigentlich sein sollte: Fokus statt Fanclub.
Die zweite Kundgebung: Organisiert von der ehemaligen Jugendorganisation «Mass-Voll!». Und hier wird’s interessant, weil plötzlich nicht mehr nur über Freiheit geredet wird, sondern auch über Inszenierung. Violette Fahnen. Hellebarden. Kampfrhetorik. Optik irgendwo zwischen Mittelaltermarkt und Parteiaufmarsch. Freiheitsbewegung als Cosplay mit Sprechzettel.
Man kann das «Energie» nennen. Oder «Stärke». Oder «Zeichen setzen». Man kann es aber auch schlicht das nennen, was es ist: Eine Bühne. Und wer Bühnen baut, will meistens Applaus. Und wer Applaus will, will nicht unbedingt Einigkeit. Einigkeit ist nämlich schlecht fürs Alleinstellungsmerkmal.
Nicolas Rimoldi: Opposition als Marke, Bewegung als Eigentum
Im Zentrum dieser zweiten Demo steht nicht nur eine Gruppe, sondern vor allem eine Figur: Nicolas Rimoldi. Und damit sind wir beim Kernproblem, das mehrere Stimmen aus St. Gallen benennen: Mass-Voll als «Scheinopposition», die den Altparteien in die Karten spielt, weil sie die Bewegung spaltet, personalisiert und polarisierend auflädt.
Denn sobald einer anfängt zu sagen: «Ich führe die Schweizer Freiheitsbewegung», ist klar, was der Plan ist: Nicht Freiheit. Besitz. Bewegung als Franchise. Widerstand als Marke. Und die anderen sind dann halt Statisten im eigenen Protest, nett fürs Gruppenfoto, aber bitte nicht zu laut, sonst stören sie den Leader beim Leuchten.
Rimoldi liebt nicht nur die Selbstinszenierung, sondern ist jemand, mit dem «Zusammenarbeit nicht möglich» ist. Da fallen Worte wie «Narzisst» und sogar «Verräter». Es werden Erlebnisse geschildert, in denen Aktivisten behaupten, er habe die Polizei informiert oder Aktionen «weggeschnappt». Ob das alles in jedem Detail stimmt, kann ich hier nicht verifizieren. Aber die entscheidende Information ist eine andere: Mehrere Leute aus der Szene trauen ihm nicht. Und das allein reicht, um eine Bewegung zu zerlegen.
Und genau da wird Mass-Voll politisch nützlich, selbst wenn diese sich selbst anders verkauft.
Wie man den Altparteien hilft, ohne es zu merken
Altparteien und ihre Massenmedien lieben zwei Dinge:
- wenn Proteste radikal aussehen, damit man sie leichter diskreditieren kann
- wenn Proteste gespalten sind, damit sie politisch harmlos bleiben
Eine Demo ohne Parteifahnen, ohne Nebenagenden, ohne martialisches Theater ist schwerer zu dämonisieren. Eine Demo mit Hellebarden-Ästhetik, Kampfposen und «Wir gegen alle»-Vibes ist dagegen ein Geschenk: Man muss nur die Kamera richtig halten und zack, ist «Widerstand» wieder «Extremismus» und jede sachliche Kritik am Impfzwang landet in der gleichen Schublade wie der nächste peinliche Telegram-Fiebertraum.
Das ist der Punkt, den die Kritiker meinen, wenn sie von «Scheinopposition» sprechen: Nicht weil Mass-Voll absichtlich für Altparteien arbeitet (das wäre die romantische Verschwörungsversion), sondern weil ihr Stil, ihr Personenkult und ihre Rechthaberei exakt das produzieren, was das System braucht: Verwirrung, Zersplitterung, Reizbilder.
Freiheit braucht keine Helden
Die bitterste Ironie: Ausgerechnet bei einem Thema, das alle betrifft, wird das Ego wichtiger als das Ziel. Menschen wollen gemeinsam verhindern, dass der Staat medizinische Eingriffe erzwingt. Und dann stolpert eine Gruppe rein, die aus «Nein» ein «Schaut uns an» macht.
Eine Bewegung, die gewinnen will, muss anschlussfähig bleiben. Wer sie zur Bühne macht, macht sie klein. Wer sie zum Eigentum erklärt, macht sie kaputt. Und wer ständig «Führung» brüllt, hat meistens nicht verstanden, dass Freiheit das Gegenteil von Gefolgschaft ist.
St. Gallen hat gezeigt, warum es zwei Demos brauchte: Nicht weil das Thema zu klein war. Sondern weil manche daraus ein Denkmal bauten und zwar für sich selbst.

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








